„Hannibal (ante) ad portas“, ließ Cicero die Römer wissen, als er vor der Gefahr warnte die über die Alpen gekommen war. Der Grund dieser Warnung war aber im Inneren zu suchen und Cicero sah ihn in dem Machtanspruch des Marcus Antonius. Heute kommt wieder eine Gefahr über die Alpen, wenn auch von Süden und wieder ist es ein umfassender Machtanspruch im Inneren, der Grund zur Sorge bereitet.

Griechenlands Schicksal ist an das Schicksal Europas gebunden, verkünden die Mächtigen nunmehr seit Jahren und schüren die subtilen Ängste der Bevölkerung, in dem sie damit sagen, dass auch Europa nur mit den Griechen eine Zukunft hat. Europa wird zerbrechen, wenn Griechenland austritt, ist die beständige Warnung aus dem Kanzleramt. Die Sicht der wirtschaftlichen und politischen Eliten, die diesen Standpunkt begründen, bezieht sich auf ein Europa, welches eine Wirtschafts- und Finanzunion bildet. Europa ist eine fiskalpolitische Union, eine Realität die nicht durch den nun geforderten Fiskalpakt geschaffen werden soll, sondern durch ihn nur gesetzlich zementiert wird. Wirtschaftskrise, Staatsschuldenkrise und Bankenkrise sind nur verschieden Etiketten für eine europäische und globale Finanzsystemkrise, in der tatsächlich alle europäischen Länder vereint sind.

Europa ist mehr als der Rahmen einer wirtschaftlichen und finanztechnischen Verwebung untereinander. Zumindest steht zu hoffen, das es den Völkern Europas mehr bedeutet als ein solches Konstrukt. Europa sind die vielschichtigen und untereinander differenten Kulturen eines Sub-Kontitenents. Es bestand bereits weit vor diesem Finanzsystem und es gibt keinen vernünftigen Grund für die Annahme, dass es danach nicht bestehen wird. Was droht, ist nicht der Verlust Europas, es ist der Verlust eines Finanzsystems welches Europa beherrscht. Es mag sein, dass einige kurzsichtige Politiker, diese gemeinsame Währung wollten, um zukünftige Kriege zu vermeiden, doch diese Währung vereint Europa nicht, sondern trennt es. Das was vereinen sollte, ist ein Keil in einer Gemeinschaft die in der heute propagierten Art, nur in den Bilanzen internationaler Banken und Konzerne besteht.

Hellas ad portas, ist mehr als eine Warnung, es ist eine Prophezeiung. In Griechenland wird uns vorgeführt, was einem Land geschieht, welches die Gunst des Finanzsystems verloren hat. Es ist der erfolgreiche Versuch wirtschaftliche Forderungen gegen den Willen eines Volkes und auf seine Kosten zu verwirklichen. Das Ergebnis ist die Zerstörung einer nationalen Wirtschaft und die Verarmung eines Volkes, das nun auch bereit ist der Demokratie den Rücken zu kehren, das wissend um die Ausweglosigkeit in seiner Abhängigkeit auch zu radikalen Mitteln greift um sich aus dem Würgegriff des Finanzkapitalismus zu befreien. Ein Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung, der nach den Ansprüchen Europas überall auf der Welt zu unterstützen wäre, wenn er nicht wie in diesem Fall, sich gegen die finanziellen Interessen Europas selbst richten würde. Die Griechen leiden unter den bigotten Ansprüchen eines Europas, dessen politische Führung ein vereintes Europa beschlossen hat, unter der wirtschaftlichen und politischen Führung eines Kerneuropa und das nun vor dem Problem steht seinen Anspruch durchzusetzen, auch gegen den Willen der Völker, die an dieser Richtungsentscheidung nicht teilhaben durften. Den Griechen bleibt nicht mehr viel Auswahl. Entweder werden sie ein rechtloser Knecht der wirtschaftlichen Interessen der Finanzwelt und dürfen in Europa bleiben, oder sie wählen das Recht auf Selbstbestimmung ihrer Zukunft und werden dafür als Staat ausgestoßen und geächtet. Wie lässt sich eine solche Politik unter den vermeintlich großen Zielen Europas rechtfertigen? Wieso schreit dieses Europa nicht auf, wenn demokratische Rechte, wirtschaftlichen Forderungen geopfert werden?

Von 70 Milliarden Euro, die bisher tatsächlich für, aber nicht an Griechenland gezahlt wurden, sind 67 Milliarden Euro an die Banken gezahlt worden, die damit ihre Gewinne an der Not des griechischen Volkes, namentliche ihre Zinsen bezahlt bekommen haben. Die vielen weiteren hunderte von Milliarden Euro sind Bürgschaften. Diese können niemals und unter keinen Umständen an Griechenland ausgezahlt, sondern falls sie in Anspruch genommen werden, an die Banken, die damit auch bei einem völligen Zusammenbruch Griechenlands nicht auf ihren Gewinn verzichten müssen. Hunger und Elend einer breiten Masse der griechischen Bevölkerung sind für die Vorstände und Aufsichtsräte internationaler, auch deutscher Banken, kein Grund auf ihre Gewinne – die Zinsen – zu verzichten. Der persönliche Zuwachs an Reichtum wiegt schwerer als demokratische Rechte, Elend und Not. Zumindest in diesem Punkt agiert Europa nach dem gleichen Schema wie die Despoten in Weißrussland oder Nord Korea, die den Erhalt und die Vermehrung ihres persönlichen Reichtums auch zum Staatsziel erklärt haben. Diese Diktatoren dürften wohl etwas neidisch auf den Euroraum schielen, da sie nur jeweils ein Volk haben an dem sie sich bereichern können, während in Europa gleich alle Völker in Kollektivhaftung zur Gewinnsicherung genommen werden. Manchmal hat Europa eben doch Vorbildcharakter.

Griechenland hat gewählt und auch diese Wahl ist beispielhaft für das was uns erwartet. Ein Volk welches Hunger, Armut und Elend in seinen eigenen Reihen erleben muss, wählt das was sie aus ihrer Not heraus führen kann. Wer Armut leidet bricht Verträge und tut dieses nicht um sich selbst zu bereichern, sondern aus Notwehr. Wo ein solcher Weg hinführen kann, haben wir Deutschen am eigenen Leibe erfahren. Wir befanden uns selbst in einer solchen Situation, zur Zeit der Weimarer Republik und auch wir haben damals die Verträge zur Reparationszahlung an die Alliierten Siegermächte des ersten Weltkrieges gebrochen. Dieser Weg hat uns in die Isolation und den zweiten Weltkrieg geführt. Natürlich haben wir von Griechenland keinen dritten Weltkrieg zu befürchten, dennoch sollte man doch meinen dürfen, das unsere Politiker ein wenig mehr aus der eigenen Geschichte gelernt hätten, als das was sie nun tun. Unser Finanzminister meinte als Reaktion auf das griechische Wahlergebnis, diese mit dem Satz „Pacta sund servanda“ zum einhalten der sie knebelnden Verträge zu ermahnen und sagte weiter, geschlossene Verträge seien von Wahlen unberührt. Ein Volk das seine Verträge nicht verändern kann, nicht den Kurs seiner Zukunft neu bestimmen kann, ist nicht frei. Unser Finanzminister verstieg sich sogar in die Aussage, dass das griechische Volk wissen müsse, das jene die ihnen eine nicht Einhaltung der Verträge versprechen, lügen würden. Was ist das für ein Bild von Demokratie, was solche Politiker in sich tragen und was will unser Finanzminister machen, wenn das Wahlergebnis die Euro Verweigerer an die Macht bringt. Wird er dann beweisen wollen, dass die Verträge eingehalten werden müssen? Wie kann man einen anderen Staat gegen seinen Willen zwingen. Erklärt uns unser Finanzminister tatsächlich nun, dass zur Aufrechterhaltung dieses Finanzsystems auch Kriege denkbar wären? Natürlich waren Kriege das auch schon in der jüngsten Vergangenheit, aber nun auch mitten in Europa, gegen ein abtrünniges europäisches Land? Politiker die sich direkt in die Angelegenheiten anderer Nation mit Forderungen einmischen, müssen wissen, dass sie schnell in Situationen kommen können, in denen sie ihre Forderungen auch durchsetzen zu müssen. Sie offenbaren Extreme in ihren Vorstellungen die weit radikaler sind, als ihre Gegner, wie zum Beispiel die Occupy Bewegung in ihren Forderungen je waren.

Die antikapitalistischen Bewegungen, angeführt von Occupy, sind zwischenzeitlich weltweit tätig. Ihre Camps, Proteste und Demonstrationen sind politischer Alltag geworden und sie erreichen viele Menschen. Ihr Einfluss ist bereits so groß, das er die Grundeinstellung der Menschen zu politischen und wirtschaftlichen Fragen grundsätzlich verändert hat. Antikapitalistisch war bis noch vor wenigen Jahren, das Markenzeichen linksradikaler Gruppen und nicht gesellschaftsfähig. Occupy machte den ersten breitenwirksamen Anfang und begründete einen politischen Trend, der mittlerweile auch in der breiten Masse gehört wird. Occupy ist zwischenzeitlich die erste ernst zu nehmende gesellschaftliche Gruppe, die dieses Finanzsystem in Frage stellt. Politiker die sich durch solche Forderungen für gewöhnlich zur vermeintlichen Richtigstellung aufgerufen fühlen würden, verhalten sich auffallend zurück haltend und meiden die direkte Auseinandersetzung mit dieser Gruppe. Sie sind allgegenwärtig und doch nirgends vertreten. Selbst ihr politischer Arm, die Piratenpartei, kokettiert zwar mit ihren Werten, will sich aber nicht von ihr vereinnahmen lassen. Es ist offensichtlich das Occupy die richtigen Fragen behandelt, aber es ist auch offensichtlich, dass sie nicht mehrheitsfähig sind.

Occupy wird gehört, das ist was Occupy kann. Damit erfüllt Occupy einen unschätzbar wertvollen Dienst als Wegbereiter einer neuen Meinung, aber nicht mehr. Um eine tatsächliche Änderung herbei zu führen, bedarf es eines Konzeptes, das sich mit den Gründen auseinandersetzt, aus denen eine Lösung für die Probleme abgeleitet werden kann. Occupy wendet sich gegen das Wirtschaftsystem. Das Wirtschaftsystem ist aber nicht der Grund gesellschaftlicher Probleme, sondern das Vehikel mit dem diese Probleme umgesetzt und transportiert werden. Der Entwurf wirtschaftlicher Gegenmodelle ist untauglich zur Erreichung tatsächlicher Veränderungen, da die Grundlagen unangetastet bleiben, die in ihrer Konsequenz zwingend zu diesem Wirtschaftssystem geführt haben. Regional Geld und Currancy Geldmodelle werden, solange sie auf den gleichen gesellschaftlichen Werten beruhen wie die Marktwirtschaft, immer von ihr abhängig bleiben und zeitlich befristet sein. Wer eine tatsächliche Veränderung will, sollte nicht dieses Wirtschaftssystem als Symptom bekämpfen, sondern eine gesellschaftliche Veränderung, als Ursache herbei führen wollen, auf der ein Wirtschaftsystem, wie das zur Zeit vorherrschende nicht gedeihen kann.

Occupy und die Gruppen die noch folgen werden, können zeigen was falsch ist. Die Menschen selber, müssen zeigen was richtig ist. Nicht in einer Massenbewegung wird die Veränderung dieses Wirtschaftssystems stattfinden, sondern in der Neubenennung der Werte des Einzelnen wird die Veränderung stattfinden.

Die Annahme neuer Werte ist keine Frage einer Überzeugungstätigkeit. Es wird keine Mehrheit, ihre Werte grundsätzlich verändern, solange es dafür keinen Zwang gibt. Diese Gesellschaft hat sich an ein Modell ihrer selbst gewöhnt, in dem es kein entweder oder gibt, sondern nur ein hinzu. Verzicht wird die Mehrheit nicht freiwillig üben, aber etwas neues hinzu fordern schon. Das ist es, was wir zurzeit beobachten und was auch zu einem Irrglauben innerhalb der antikapitalistischen Bewegungen führt. Diese nehmen den Zuspruch wahr den sie hervorrufen, aber sehen nicht, dass dieser auf einem „hinzu“ basiert. Die Mehrheit versteht zwar, dass es so nicht weitergehen kann, will aber nicht auf das bestehende verzichten. Somit sind viele Anhänger der Bewegungen, keine auf die sie über ein Lippenbekenntnis hinaus bauen können.

Eine Gesellschaft die nur ein „hinzu“ anerkennt, hat zwangsläufig ein Finanz- und Wirtschaftsystem welches auf einem immer währenden „hinzu“ beruht und ist untrennbar mit ihm verbunden. 20 Jahre nach dem Untergang des Kommunismus ist nun auch der Kapitalismus an seine Grenzen gelangt und wird in seinem unzweifelhaften Untergang, auch seine Gesellschaft mit untergehen lassen, wie es zuvor der Kommunismus auch gemacht hat. Das ist es, was die Veränderungen des Marktes aufhält. Eine breite Mehrheit die ihr Lebensmodell in Auflösung sieht. Der Kollaps der Wirtschaftsysteme ist eine unausweichliche Folge ihrer selbst und bedeutet weit mehr als Gewinndezimierung weniger Reiche. Dieser Kollaps wird Angst bringen, er wird Konflikte schüren und alle für die dieser Kollaps Verlust bedeutet, werden sich nach Kräften dagegen wehren. Der Untergang der Marktwirtschaft ist zwangsläufig der Untergang dieser Gesellschaft und die einzige Chance auf eine Neue.

Hellas ad portas, wird in seinen Folgen weit reichender sein, als es Hannibal je war.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren