Kant und das Ding an sich


kantSW

Neben dem „kategorischen Imperativ“ ist es „das Ding an sich“, das die Tiefe dieses Großen Meisters der Vernunft ausmacht.

Für das bemerkenswerteste und überall präsente in unserer Welt schuf Immanuel Kant einen Begriff: Das Ding an sich. In seiner Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können, die 1783 veröffentlicht wurde, schrieb er:

„Ich dagegen sage: es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne affizieren. Demnach gestehe ich allerdings, dass es außer uns Körper gebe, d. i. Dinge, die, obzwar nach dem, was sie an sich selbst sein mögen, uns gänzlich unbekannt, wir durch die Vorstellungen kennen, welche ihr Einfluss auf unsre Sinnlichkeit uns verschafft, und denen wir die Benennung eines Körpers geben, welches Wort also bloß die Erscheinung jenes uns unbekannten, aber nichtsdestoweniger wirklichen Gegenstandes bedeutet. Kann man dieses wohl Idealismus nennen? Es ist ja gerade das Gegenteil davon.“
Die von uns erkannten Gegenstände der Welt sind nach Kant nicht die realen Dinge an sich, sondern nur Erscheinungen, die unabhängig von unserer Erkenntnis objektiv in Raum und Zeit vorhanden sind. Raum und Zeit sind vielmehr unsere Anschauungsformen oder Erkenntnisstrukturen, nach denen die Gegenstände geformt und in denen sie so erkannt werden, also nicht nur einige Eigenschaften der Dinge wie ihre Farben werden erst in dem Erkenntnisprozess geschaffen, sondern dieses Schaffen betrifft nach Kant auch die Grundstrukturen der Dinge, ihr Sein in Raum und Zeit.

Das an sich Seiende kennen wir nach Kant so gar nicht und weder die von uns erkannte Welt der Erscheinungen noch unsere von vornherein – a priori – vorhandenen Erkenntnisstrukturen wie die von Raum und Zeit haben mit dem an sich Seienden etwas zu tun. Daher kann nach Kant über die Dinge an sich oder der unserer Erscheinungswelt zugrunde liegenden Realität grundsätzlich nichts ausgesagt oder erkannt werden.
Wenn in dem revolutionierenden Denkansatz von Kant die von uns erkannte Welt bis in ihre Grundstrukturen von Raum und Zeit hinein in unseren Erkenntnisstrukturen geschaffen wird und wir die Dinge an sich oder die zugrunde liegende Realität daher in keiner Weise kennen oder erkennen, so heißt das nichts anderes, als dass diese von uns erkannte Welt nicht in der Weise objektiv vorhanden sein kann, wie wir das allgemein sowohl im Alltag als auch in der modernen Naturwissenschaft voraussetzen, empfinden und meinen. Wenn es dagegen irgend einen direkten Bezug oder eine Übereinstimmung in den Strukturen der von uns erkannten Welt und den realen Dingen an sich geben sollte, müssten wir genau darin die zugrunde liegende Realität entgegen der Aussage von Kant auch erkennen können und sei es nur indirekt durch das Denken.
Der so genannte naive Realist hält das, was er erkennt für die eigentliche Realität. Für ihn ist die Welt so, wie er sie erkennt wirklich und objektiv, also unabhängig von seiner Erkenntnis für Existent und ist unmittelbar die eigentliche Realität, die er in seinem Erkennen nur abbildet. Der heutige Naturwissenschaftler ist dagegen in der Regel ein kritischer oder hypothetischer Realist. Er weiß etwa, dass Farben nicht den Gegenständen, an denen wir sie erkennen, objektiv anhaften, sondern, dass sie erst in unserem Gehirn erzeugt werden. Doch trotzdem glaubt er im Gegensatz zum Idealisten Kant weiterhin, dass wir indirekt etwa durch das Denken die eigentliche Realität oder zumindest Teile davon erkennen können und, dass die Strukturen der von uns erkannten Welt irgendeinen Bezug zu einer wirklich objektiven von unseren Bewusstseins- und Erkenntnisstrukturen unabhängigen Realität haben, so dass sich darin die von uns erkannte Welt als objektiv und unabhängig von unserer Erkenntnis und unserem Bewusstsein und als wirklich existent seiend erweist.

Viele Naturwissenschaftler sehen als hypothetische Realisten etwa die Dimensionen Raum und Zeit als solche Strukturen einer eigentlichen Realität, die zwar angeboren sind und daher für unser individuelles Sein von vornherein gegeben, also wie Kant es sagt a priori vor und unabhängig von aller Erfahrung, allerdings nur vor und unabhängig von aller individuellen Erfahrung. Sie sind aber nach Ansicht dieser Realisten in der Evolution in Auseinandersetzung mit der Realität und in Anpassung an diese durch stammesgeschichtliche Erfahrung erworben und in diesem Sinne von der Realität abgebildet worden. Raum und Zeit wären so Eigenschaften der Realität, die wir stammesgeschichtlich erkannt und erworben hätten und in denen wir die Realität heute durch das theoretische Denken erkennen können, wenn auch letztlich nur in einer hypothetischen Weise. Ein folgenschwerer Irrtum, der einer der Gründe darstellt, warum Physiker, Biologen und Chemiker, aber auch die Vertreter der anderen Naturwissenschaften so regelmäßig an den Versuchen die Gegebenheiten unserer Welt zu erklären scheitern.
Für Kant dagegen sind Raum und Zeit lediglich Anschauungsformen, die a priori gegeben sind, und die nichts mit dem an sich Seienden zu tun haben. Nach Kant ist dieses an sich Seiende grundsätzlich nicht erkennbar, besitzt keine direkten Bezüge zu den Erscheinungen unserer Erkenntnis, so dass das von uns Erkannte keinerlei Struktur oder Realität eines an sich Seienden beinhaltet, vermittelt oder abbildet, denn ansonsten könnten wir es ja darin erkennen. Diese Erkenntnis eröffnet einen Blick auf die Welt, wie sie wirklich zu sein scheint, ohne durch die verzerrten Brillen der Naturwissenschaften blicken zu müssen, die schon grundsätzlich, je nach Disziplin, vorgefärbt sind.

Ich empfehle Ihn in diesem Sinne

Heinz Sauren

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