Der Zins – Motor des Untergangs


Der Zins ist der systemtechnische Antrieb des Kapitalismus und das maßgebliche Instrument, um Mehrwert aus der bloßen Existenz von Kapital zu erwirtschaften; und ein Reglementarium, um brach liegendes Geld in den Wirtschaftskreislauf zurückzubringen. Dauerhaft gehortetes Geld fehlt in der Wirtschaft und verhindert, dass Nachfrageketten ablaufen können. Um das Problem des fehlenden Geldes nicht dauerhaft durch Ausgeben von neuen Banknoten und Münzen beheben zu müssen, gibt es den Anreizmechanismus Zins.
Volkswirtschaftlich gesehen bewirkt der Zins, dass sich vorhandene Geldvermögen durch den Zinseszins-Effekt aus sich heraus von selbst vermehren. Da sich aber Geld als solches in seiner Summe nicht vermehren kann, da der Geldkreislauf begrenzt ist, um eine Inflation zu vermeiden, müssen die Zinsen ständig aus dem Wirtschaftskreislauf entnommen werden. Dies passiert ganz einfach dadurch, dass die Bank dem Schuldner nur die Kreditsumme auszahlt, dieser aber ab dem Zeitpunkt mit Kreditsumme plus den darauf fälligen Zinsen verschuldet ist. Der Schuldner, unabhängig ob Privatperson, Unternehmen oder Staat, muss also die Zinsen erwirtschaften d.h. einen Teil seines Einkommens oder Gewinns dem Gläubiger überlassen. Dieses hat den Zwang zufolge, dass entweder bei gleichem Verdienst weniger Geld auszugeben werden kann oder aber mehr zu erwirtschaften, also zu arbeiten ist. In jedem Falle muss mehr Geld verdient werden, als vorher zum Leben gebraucht wurde.
Überträgt man diesen Zusammenhang auf den Staat so wird klar, dass dieser mehr Steuereinnahmen erzielen muss, als er plant an Geld auszugeben. Die Unternehmen schließlich müssen höhere Preise verlangen, als notwendig wäre, um die Waren herzustellen. Denn sie wollen ja auch nach dem Abführen der Zinsen keinen Verlust ausweisen. Auf diese Weise wird dem Wirtschaftskreislauf ständig das Geld entzogen, welches die vorhandenen Vermögen leistungslos anwachsen lässt. Daraus ergibt sich ein fundamentales Problem, welches darin besteht, dass mit dem Anwachsen der Geldvermögen, das nahezu exponentiell vor sich geht, auch die Summe der zu zahlenden Zinsen ebenfalls exponentiell wächst. Die Geldbeträge, die dem Wirtschaftskreislauf auf diese Weise permanent entzogen werden, wachsen also sehr schnell an. Die Arbeitnehmer müssen stetig zunehmend immer mehr Mehrwert erwirtschaften, um die Zinserträge des Kapitals zu stellen.
Da dieser Effekt in beide Richtungen wirkt, wachsen sowohl Schulden als auch Kapital und die Differenz zwischen Verdienst und tatsächlich verfügbarem Einkommen der verschuldeten Privatperson zwischen Steuereinnahmen des Staates und seinen Leistungen sowie zwischen Verkaufspreis und Herstellungspreis einer Ware von Jahr zu Jahr. Das kapitalistische Wirtschaftssystem, das nahezu exponentiell wachsende Zinslasten aufbringen muss, wäre aus den vorbenannten Gründen sehr schnell am Ende, wenn sie nicht selbst auch ständig wachsen würde. Dieser Zusammenhang ist die Wirkursache für den in unserer Wirtschaft und Gesellschaft permanent vorhandenen Wachstumszwang. Die ständig aufzubringenden Zinszahlungen wachsen proportional zu den Geldvermögen, die sich exponentiell vermehren.
Theoretisch ist eine ebenfalls exponentiell anwachsende Wirtschaftsleistung notwendig, wenn die Relationen zwischen Geldvermögen, Zinszahlungen, Wirtschaftsleistung, Staatshaushalt, Unternehmensgewinnen, Löhnen und Gehältern gewahrt bleiben soll. Wir wissen aber, dass ein ständiges Wirtschaftswachstum in einer begrenzten Welt mit begrenzten Ressourcen weder möglich noch erstrebenswert ist. Rein mathematisch betrachtet, ohne Hinterfragen unseres gegenwärtigen Geldes und des damit notwendigen Zinses, ist die Wirtschaft also zu ständigem Wachstum verdammt, wenn sie nicht innerhalb weniger Jahre zusammenbrechen will, weil sie die wachsenden Zinslasten nicht mehr aufbringen kann.
Nahezu alle gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme wie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich; die Armut in der Dritten Welt; die Massenarbeitslosigkeit; aber auch die zunehmende Arbeit und wachsender Stress sowie Zeitmangel bei gleichzeitig sinkenden Reallöhnen; wachsende Umwelt- und Klimazerstörungen infolge ungebremsten Wirtschaftswachstums; Inflation, eine immer größer werdende Staatsverschuldung; unterfinanzierte Sozialsysteme; zunehmend stärkerer Wettbewerbsdruck in der Wirtschaft und Firmenpleiten sind die kausalen Folgen dieser Zinsmechanismen.
Schon die Mathematik gibt vor, dass jedes exponentielle Wachstum nur von bestimmter Dauer sein kann. Irgendwann lassen die Rahmenbedingungen die Ressourcen oder Leistungsfähigkeit des Menschen kein exponentielles Wachstum mehr zu. Das bedeutet, dass jedes System, welches auf exponentielles Wachstum angewiesen ist, über kurz oder lang zum Zusammenbruch verurteilt ist.
Die in der Vergangenheit immer häufiger aufgetretenen Wirtschafts- und Börsenzusammenbrüche, Hyperinflationen, Währungsreformen und Staatsbankrotte sind nicht nur auf Fehler von Staatsoberhäuptern, Politikern, Wirtschaftslenkern oder Investoren zurückzuführen, sondern auch ein der kapitalistischen Geldordnung innewohnender Systemfehler.
Die Wachstumsraten der Wirtschaft liegen ständig deutlich unter denen der Geldvermögen und damit denen der Zinsforderungen. Als Folge steigt das Verhältnis von Zinszahlungen zu Wirtschaftsleistung kontinuierlich an. Von dem großen Kuchen – des Bruttoinlandsprodukts, also die Summe alles erwirtschafteten Mehrwerts, bleibt prozentual gesehen immer weniger bei denen, die die Werte erschaffen – der arbeitenden Bevölkerung und den Unternehmern.
Die fortlaufende Verarmung dieser Bevölkerungsschichten fällt aber nicht sofort ins Auge, weil man den Menschen absolut gesehen nicht Euro und Cent wegnehmen muss, um sie trotzdem verarmen zu lassen. Die Verarmung erfolgt versteckt durch Inflation, steigende Steuern und Abgaben und dadurch, dass der Zuwachs der Wirtschaftsleistung die steigende Produktivität des Einzelnen, da die Anzahl der Arbeitenden im Durchschnitt nicht wächst, nicht bei den Arbeitenden ankommt.
Das Problem der Zinszahlungen ist nicht auf bestimmte Gruppen beschränkt, sondern betrifft jeden Bürger, jedes Unternehmen, die gesamte Volkswirtschaft. Die Staatsverschuldung von heute sind die Steuern von morgen. Schon heute muss der Staat in beträchtlichem Umfang Steuern erheben, die zu nichts anderem als der Zahlung der Zinsen für die Staatsschulden eingesetzt werden. Ein nicht unerheblicher Teil des allgemeinen Steueraufkommens wird damit direkt auf die Konten der Vermögenden überweisen.
Heute beinhalten bereits alle Preise wie Nahrung, Kleidung, Miete, aber auch Konsumgüter wie Fernseher und Auto, sogar die Kredite für die Finanzierung dieser, einen Kapitalkostenanteil, also ein versteckten Zinsanteil von 35% bis 45%: das ist bei einem Liter Milch mehr als der Anteil, den der Bauer erhält. Diese kommen nicht den Produzenten der Waren, sondern ausschließlich den Vermögensbesitzern, also denen, die den Produzenten irgendwann mal das Geld geliehen haben, was diese zum Aufbau der Produktion benötigten, zu Gute.
Der Kapitalismus führt durch seine Zinspolitik zu einem immer mehr Werden der Arbeit bei kontinuierlicher Abnahme des Arbeits- oder Produktwertes; einer immer größeren Forderung nach Quantität statt Qualität. Die Wahl eines Wirtschaftssystems der unbegrenzten Expansion ist in einer Welt der begrenzten Quantitäten: eine Wahl von bemerkenswert wirtschaftspolitischer Ignoraz.

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2 Kommentare zu “Der Zins – Motor des Untergangs”

  1. Schöne und korrekte Ausführung! Ein fehlender Diskurs „endliches und unendliches Wirtschaftswachstum“ ist überfällig. So beginnt auch unser Internetauftritt http://www.mr-market.info.

    Im wirtschaftlichen Lehrbetrieb benötigen sie zwei Jahre für eine Gehirnwäsche bei neuen oder zweifelnden Studenten, um alle widersprechenden Erkenntnisse aus Physik, Biologie oder Mathematik auszuräumen. Versuchen sie mal ihre Gedanken dem Plenum für Ökonomie darzustellen. Es ist für Aussenstehende so gut wie unmöglich.
    Über Prof. H. W. Sinn, beliebter Talkgast bei Maybritt Illner und anderen öffentlichen Veranstaltungen, schrieb ein Leser den Kommentar „… und die Erde ist eine Scheibe“. In Amerika wandten sich die ökonomischen Fakultäten an Fachzeitungen, sie sollten auch unorthodoxen Gedanken veröffentlichen.
    Momentan erweist sich das Internet als größte „Börse für den Geist“! Früher oder später sollten diese geistigen Darstellungen ein Ergebnis … bspw.

    Die selbstreferentiellen Kräfte vom geldbasierten Wirtschaftssystem – also eine andere Entscheidungsfunktion einzuführen, auch gegen den Widerstand etablierte Machtstrukturen – ist unseres Erachtens eine notwendige Herausforderung. ..

    hervorbringen und in der Gesellschaft etablieren.

  2. Vielen Dank für die nachvollziehbare Erklärung. Habe sogar ich als wirtschaftlicher Idiot verstehen können.

    Jetzt bleibt nur die Frage wie wir das ändern.

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