Kapitale Denkfehler


Unsere Gesellschaftsordnung lässt es zu, dass ein Mensch sein Leben lang dazu verdammt sein kann für den Fleck Erde, auf dem er lebt und für seine Nahrung, die er zum Leben braucht, an einen anderen bezahlen zu müssen und wieder einem anderen durch Arbeit dafür zu dienen. Marktwirtschaft nennt man das, und man findet nichts Ungewöhnliches dabei.
Die Bedeutung dieser Zeilen spiegelt einen der großen Missstände unseres Gesellschaftssystems wieder – der Umstand des verdienten Lebens. Durch die nahezu vollständige Übernahme der kapitalistischen Werte scheint das Leben nicht mehr das zu sein, was es einst war -eine Schöpfung mit eigenen in sich wohnenden Werten. Dem Individuum wurde ein marktwirtschaftlicher Wert zugeordnet, wobei sich der Wert eines Menschen nach Angaben der Deutschen Versicherungswirtschaft und den Krankenkassen auf 50.000 Euro pro zu erwartendem Lebensjahr beläuft und, da jeder gemäß dieser Theorie das Produktionsvermögen Arbeit in sich trägt, ergibt sich daraus die Pflicht dieses einzusetzen, um am Leben teilzunehmen. Das Individuum muss Mehrwert erzielen und dadurch seine Teilnahme am Leben verdienen.
Das verhält sich ähnlich wie das Leben der Kaninchen auf einer Wiese. Eines Tages beschließt das Größte und Stärkste unter Ihnen die Wiese und die Höhlen der anderen als sein Eigentum zu besetzen, aus dem Grunde, weil es ja das Größte und Stärkste ist. Alle nachfolgenden Generationen dürfen nun nur noch die Pflanzen der Wiese fressen und in ihren Höhlen leben, wenn sie die Erben des Größten und Stärksten dafür bezahlen. Sie müssen nun viel mehr Pflanzen suchen und viel länger dafür arbeiten, um mehr Pflanzen, also Mehrwert zu erzielen – den Teil, den sie schon vorher zum Leben brauchten, den Teil, den sie abgeben müssen, weil sie selbst was fressen und den Teil, den sie abgeben müssen, weil sie ja in ihren Höhlen schlafen wollen, da das draußen Schlafen viel zu gefährlich für ein Kaninchen ist. Die Kaninchen verlieren ihre Freiheit, da sie ja jetzt in ihrer freien Zeit mehr Pflanzen suchen müssen, aber die Erben des Größten und Stärksten müssen nun nicht mehr ihre Pflanzen suchen und gewinnen dadurch mehr Freiheit. Und weil sich alle so schön an das Verdienen gewöhnt haben, stellen die Erben fest, dass sie am meisten verdient haben und kaufen sich gleich noch ein paar Höhlen, um den Mehrwert zu maximieren und noch mehr Kaninchen ihrer Freiheit zu berauben.
Schon aus dem Selbstverständnis heraus erscheint uns eine Anwendung unserer gesellschaftlichen Regeln auf die Kaninchen absurd. Damit gestehen wir den Kaninchen ein grundsätzliches Recht auf Nahrung und Behausung zu, ohne, dass sich diese ein solches Recht erarbeitet, also verdient hätten. Dieses unverdiente Recht ist ein biotisches Grundrecht des Kaninchen und jedes anderen lebenden Wesens. Aber dieses Recht gestatten wir uns nicht selber. Auf den Menschen angewandt scheint die Gewährung eines Rechtes, welches jedes Lebewesen hat, absurd. Doch es scheint nur absurd. Wir haben die Möglichkeit Werte neu zu besetzen, Rechte als grundsätzlich und allgemeingültig anzunehmen, weil auch der gegenteilige Umstand nur dadurch entstanden ist, dass wir ihn geschaffen haben. Eine Ideologie, die wir schufen, ist kein natürliches Gesetz, keine zwingende Vorgabe. Wir können eine Ideologie, die wir schufen, durch eine andere ersetzen und die einzige Problematik, die sich dabei ergibt, sind die permanenten Machterhaltsversuche derer, die durch die Ideologie Profiteure eines unmenschlichen Systems geworden sind.
„Wie der Staat zu Zeiten des alten Kapitalismus die Pflicht hatte, die fundamentalen Rechte der Arbeit zu verteidigen, so haben er und die ganze Gesellschaft angesichts des neuen Kapitalismus nun die Pflicht, die gemeinsamen Güter zu verteidigen, die unter anderem den Rahmen bilden, in dem allein es jedem einzelnen möglich ist, seine persönlichen Ziele auf gerechte Weise zu verwirklichen.“ – Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, 1991
Wir alle sind Teil eines großen in sich geschlossenen Ökosystems und die einzigen tatsächlichen und unverrückbaren Pflichten und Rechte ergeben sich aus der Teilnahme an dem System, das uns umschließt. Es ist das Recht eines jeden Lebewesens auf ein unverdientes Recht auf Leben und darauf dieses zu verteidigen sowie die Pflicht aus diesem Leben heraus das System nicht zu beschädigen.
Fataler weise sind unsere einzige Pflicht und unser einziges Recht durch den Kapitalismus ins Gegenteil verkehrt worden. Unser Leben müssen wir verdienen und unserem Ökosystem schaden wir nachhaltig. Es ist Zeit zur Umkehr – zur Anerkennung der wahren Rechte und zur Schaffung darauf beruhender Werte, und diese Umkehr ist nicht nur der Wunsch nach Freiheit, es ist die einzige Möglichkeit mit diesem unserem Ökosystem in Einklang zu Leben und damit unsere naturgegebene Pflicht. Aber es gibt Mechanismen, die uns diese Ziele vergessen lassen und uns andere suggerieren.

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