Notwendigkeit der Kritik


kritikvorsicht

Wir Menschen empfinden Kritik als unangenehm, versuchen ihr aus dem Wege zu gehen und für den Fall, dass uns dies nicht gelingt, werten wir sie als Angriff gegen uns, welcher dann eine Verteidigung zur Folge hat. Dieses falsche und mitunter gefährliche Bild der Kritik ist Folge des Wunsches einer Gesellschaft, die Kritik generell ablehnt.
Doch Kritik ist positiv, wenn ihr Begriff nicht als Angriff auf eine Person missdeutet wird, sondern als das bestehen kann, was sie ist. Kritik ist die Nichtakzeptanz von Thesen und Dogmen, sie ist das ständige in Frage-Stellen des bereits Bekannten und somit kann Kritik nur auf dem Boden der Bereitschaft wachsen neues akzeptieren zu wollen, wenn altes sich als unrichtig erwiesen hat. Kritik ist kein Angriff gegen eine Person, die eine Ansicht vertritt, sondern die Auseinandersetzung und Prüfung dieser Ansicht und kann nur als Angriff verstanden werden, wenn eine Überprüfung der Ansicht auf ihre Richtigkeit bereits abgelehnt, also die Ansicht dogmatisiert wird. Nicht nur die Einsicht, dass Kritik kein persönlicher Angriff ist, auch die Bereitschaft Kritik sinnvoll zu nutzen sind notwendig.

Eine solche Sinnvolligkeit wird erreicht, wenn Kritik auf den sachlichen Inhalt einer Ansicht beschränkt wird und Versuche Kritik zu polemisieren unterlassen werden wie überhaupt jegliche Emotion, der Kritik im Wege steht, da Kritik ein Instrument der Logik sein muss, wenn sie nicht persönlicher Angriff sein soll und Logik voraussetzt, dass Schlussfolgerungen sich aus Sachzwängen ergeben und nicht Resultat eines gefühlten Ergebnisses sind.

Die Nutzung von Kritik führt zur Entdogmatisierung von Ansichten und damit zur Toleranz, da Toleranz die Freiheit von Ansichten bedingt. Damit wird die Kritik zu einem der wichtigsten Garanten der Freiheit der Meinungen, insbesondere der Freiheit der Meinung des Anderen und der Freiheit des Menschen selber. Die Mechanismen, die fehlende Toleranz auslöst, sind immer die gleichen. Der fehlenden Toleranz wohnt die Ablehnung der anderen Ansicht inne, die als Konsequenz die Verurteilung hat und der Verurteilung folgt zwangsläufig die Bereitschaft das Verurteilte zu bestrafen oder zu bekämpfen. Hier schließt sich der Kreis, da die Bereitschaft das verurteilte Andere zu bekämpfen den Kritiker bedroht und damit die Kritik unterdrückt.

Bedauerlicherweise stellt dies den momentanen Zustand unserer Gesellschaft dar und ist eine Ursache ihres Unglücks und ihrer Unfähigkeit Werte neu zu besetzen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die herrschende Meinung, die Meinung der Herrschenden ist, die sich darauf verlassen können, dass wir diese verteidigen werden, da wir jeden Versuch Grundsätzliches zu hinterfragen als persönlichen Angriff auf uns selbst werten und als willkommene Begründung für unseren Feldzug gegen das Böse sehen, das wie in jedem erkennen, der nicht so sein will wie wir selbst, ohne sehen zu wollen, dass er dieses vielleicht ist, weil es ihm gelungen ist den Kreislauf zu durchbrechen und Kritik als das zu verstehen, was sie ist, als Chance unserer Weiterentwicklung durch beständige Entdogmatisierung überlieferter Ansichten.
Kritik ist mehr als eine Handlung, sie ist ein unveränderbarer Charakterzug und damit der individuelle Ausdruck einer Persönlichkeit Umstände und Informationen im eigenen Verständnis zuzulassen, die einem Menschen inne wohnt, der die Verurteilung anderer ablehnt, um den Gedanken der Toleranz zu leben, wodurch seine eigene Existenz überhaupt erst ermöglicht wird. Es sind die Menschen, denen das Wissen um eine Unwahrheit lieber ist als der Besitz einer Wahrheit und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bei dem Einzelnen unbeliebt und für die Massen unbequem sind.
Nicht für jeden Menschen ist Kritik der Motor der Erkenntnis in seinem Ringen, seinen Platz in dieser Welt zu finden. Jeder Mensch ist anders. Dieses zu bestreiten stünde im Widerspruch zu aller menschlichen Erkenntnis und dennoch basieren nahezu alle gesellschaftlichen Normen auf der Umkehrung dieser Tatsache. Der Grund hierfür liegt in der Zielrichtung der Normen. Gesellschaftliche Normen haben nicht den Auftrag der Verwirklichung des Einzelnen, sondern ausschließlich der Erhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und diese Ordnung lässt sich am einfachsten aufrechterhalten, wenn Auseinandersetzungen erst gar nicht aufkommen, da sie das Potential in sich tragen Veränderungen zu gebären oder zu eskalieren. Allein der möglichst reibungslosen Verwaltbarkeit der Massen, geschuldeten Gesetzen und Moralbegriffen, die sowohl biologisch und soziologisch nicht ernsthaft wissenschaftlich vertretbar sind, hechelt unsere Gesellschaft einer sozialromantisch verklärten Wunschvorstellung hinterher, die durch ihre absurde Logik ihren Anspruch der Menschlichkeit ins Gegenteil verkehrt. Den geistigen Machern soll es recht sein, denn sie kommen ihrem Ziel – dem kritiklosen Menschen -immer näher. Der kritiklose Mensch ist die Idealvorstellung jeder Staatsform, da er ihren Machtanspruch am wenigsten gefährdet.
Kritik und Streit sind untrennbar miteinander verbunden. Kritik bedeutet einen Standpunkt in Frage zu stellen und Streit ist der Ausdruck dieses unterbinden oder durchsetzen zu wollen. Die Gesellschaft propagiert, dass Freiheit nur ohne Streit und ohne Konflikte möglich sei und verkennt dabei, dass Streit und Konflikte erst Freiheit ausmachen, da sie ein Teil der menschlichen Existenz sind. Sie sind von so immanenter Wichtigkeit, dass bereits Charles Darwin darin den maßgeblichen Mechanismus für unsere Existenz überhaupt erkannte – den Motor der Selektion-, ohne den die Evolution nicht stattfinden würde. Nur durch den Streit können wir Schlechtes von Gutem differenzieren und nur durch den Konflikt diese Erkenntnis umsetzen.

Ein weiterer Mechanismus der Unterdrückung von Kritik ergibt sich aus der Eigendynamik, die der Schwäche der Einzelnen in einer Gesellschaft inne wohnt. Dieser ergibt sich aus der Grundregel jeder Gesellschaft, der Hierarchie, und lässt eine große Zahl von Menschen, die hierarchisch Geführten, ihre Minderwertigkeit in Bezug auf die hierarchisch Führenden erkennen. Da es sich aber bei den Schwachen um die zahlenmäßige Mehrheit handelt, versucht diese Gruppe den Gedanken der generellen Gleichstellung zu verwirklichen, durch die sie ihrer Minderwertigkeit weniger bewusst wird. Dieses führt zwar nicht zu einer tatsächlichen Verschiebung der Gewalten, aber produziert ein beruhigendes Trugbild. Dieser Prozess ist bereits soweit fortgeschritten, dass es bereits gesellschaftlich verpönt ist überhaupt Streit zu haben.
In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dem wohl freiheitlichstem Dokument, welches jemals von Menschenhand geschaffen wurde, ist noch zu lesen, dass ein jeder die Freiheit haben solle sich zu jeder Zeit an jedem Ort seinem Feind zu stellen. Dieses freiheitliche Recht wurde zwischenzeitlich derart pervertiert, dass jemand, der heute zugibt, dass er Feinde habe, bereits von der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Es wird unterstellt, dass allein durch die Tatsache, dass er Feinde hat, er ein unverantwortlicher Mensch sei, weil ein verantwortlicher Mensch es erst gar nicht zulassen würde Feinde zu haben. Dieses bedeutet, dass ein gesellschaftlich anerkannter Mensch kritiklos sein muss oder zumindest seine Kritik verwirft, um einen Konflikt zu vermeiden oder anders ausgedrückt – das Ende der menschlichen Entwicklung, die jeden Schritt in ihrer Entwicklung nur leisten konnte, indem sie Mittels der Kritik und der Bereitschaft zum Streit nicht mehr zeitgemäßes Wissen verwarf. Wir leben in einer Zeit des ungebremsten technischen Fortschritts, aber die Entwicklung des Menschen kommt zum Erliegen. Es kann beobachtet werden, dass dieses Phänomen der Entmenschlichung parallel einer Feminisierung der Gesellschaft auftritt.
Der Umstand, dass ein Wert wie Konfliktbereitschaft männlich und Harmoniebedürfnis weiblich ist, ist wissenschaftlich erwiesen und ist Ergebnis der Rollen- und Aufgabenverteilung unserer Entwicklung. Zwischenzeitlich werden aber aufgrund einer soziologisch fehlinterpretierten Gleichberechtigung der Frau immer mehr gesellschaftliche Werte feminin besetzt – mit weit reichenden Folgen für die Gesellschaft, die dadurch ihre Befähigung der Weiterentwicklung einbüßt. Während noch vor dreißig Jahren ein Kind mit männlichen und weiblichen Werten aufwuchs und erst durch die Unterschiedlichkeit der Werte eine ausgebildete Persönlichkeit wurde, müssen wir heute feststellen, dass ein Kind bis zu seinem Erwachsenwerden kaum noch mit männlichen Werten in Berührung kommt. Es ist nicht mangelnde fachliche Kompetenz der Lehrerinnen und Erzieherinnen, die falsche Werte vermitteln, sondern ihr Geschlecht und die damit verbundenen grundsätzlichen Werte, die die falschen Signale vermitteln. Eine Tatsache, der wohl nur überzeugte Feministinnen in ihrer Arroganz der Verwerfung der eigenen Geschlechtsmerkmale und dem Anspruch die besseren Männer sein zu wollen widersprechen. Es ist heute Standard, dass ein Kind bis zum Verlassen der Schule nur weibliche Lehrer und Erzieher hatte und auch zu Hause keine männlichen Vorbilder, da das Bild des dominanten Mannes im Elternhaus keine gesellschaftliche Akzeptanz erfährt. Das zu erwartende Ergebnis ist eine immer größere Anzahl von Menschen, die Kritik nur theoretisch kennen und eine immer kleinere Anzahl, die ihren Standpunkt gegen andere Standpunkte vertreten.
Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist aber kein Grund zu Krieg und gewaltsamer Zwietracht, wenn man dieses nicht, wie es leider oft geschieht, von vorn herein gleich hinein interpretiert, wohl aber zu lebenslangen Auseinandersetzungen, die in aller Regel gutartig sind, wenn wir den Unterschieden den nötigen Respekt erweisen. Dagegen fördert ein verklemmtes Harmoniestreben, dass unausweichlicher Streit oft bösartig ausfällt. Die Differenz ist das Normalste der Welt, denn die Welt ist in Bewegung. Sie ist ständig in Entwicklung begriffen; und Entwicklung heißt Ausdifferenzierung. Nur so kann sich alles entfalten und verwirklichen. Und derart verwirklichen können sich im Zuge dessen auch die Verhältnisse zueinander, die immer Verhältnisse von Unterschiedenen sind und im Sinne der Weiterentwicklung der Menschheit auch bleiben müssen.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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  1. Ein bisschen viel Text und der Schriftsteller versteckt sich zeitweise hinter einem „wir“, als seien diese Feststellungen allgemein gültig; aber insgesamt sehe ich in der Zusammenstellung eine umfassende, klar umrissene Schilderung von Wirkungen und deren Ursachen, welche durchaus dazu geeignet sind, eigenes Verhalten zu hinterfragen und einem entgegenkommendes Verhalten milder zu bewerten.

    Michael Lamprecht Berlin

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