Wer regiert die Welt


Wer regiert diese Welt? Diese Frage beantworten wir leicht mit den Regierungen – unseren Politikern. Aber ist das wirklich so oder sind nicht doch Zweifel angebracht? Zumindest ist nicht erklärlich warum unsere Regierungen so machtlos vor den Problemen unserer Welt stehen, wenn sie doch im Besitz der Macht sind diese zu ändern. Fehlt es unseren Regierungen an dem Willen etwas zu verändern oder an der Fähigkeit die Notwendigkeit hierzu zu erkennen? Es scheint Mechanismen zu geben, denen auch sie unterworfen sind – ein Regelwerk dem sie folgen müssen und das so maßgeblich zu sein scheint, dass unsere Regierungen so sehr in dieses Regelwerk eingebunden sind, dass ihnen Handlungen gegen dieses nicht möglich zu sein scheinen. Dieses Regelwerk sind die Werte, die sich unsere Gesellschaft gegeben hat. Werte, die sich im Laufe der Geschichte verändert haben und zu einer Ideologie zusammen geführt wurde. Diese Ideologie ist unser Wirtschaftssystem – ein Wertesystem, das keine Werte außerhalb seiner Ziele anerkennt und alle an ihm teilnehmenden Menschen durch Androhung des Verlustes der eigenen Existenz zur Aufrechterhaltung seiner selbst nötig. Global umfassend tätig und bis in den letzten Winkel der Privatsphäre regulierend zwingt es jeden einzelnen von uns, aber auch unseren Regierungen, sein Verhaltensmuster und seine eigenen Werte auf. Kein Bereich unseres Lebens wurde von diesem System nicht mit seinen eigenen Werten besetzt – Werte die sich ausschließlich in Quantitäten bemessen, aber die Qualitäten – die wahren Werte des Lebens, für ein immer mehr und immer schneller ignorieren. Unserer Gesellschaft sind die Werte an sich und damit ihre Visionen ausgegangen. Sie steht auf dem Trümmerhaufen der Auswirkungen eines Lebens vernichtenden Wirtschaftssystems. Den letzten Ausweg sieht sie in der Propagierung von Grenzenlosigkeit und Vielfalt. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass sich die globale Macht der Marktwirtschaft immer stärker zentralisiert und die persönlichen Rechte immer weiter eingeschränkt werden bei gleichzeitiger allerorten präsenter Demokratiebeschwörung. Fortschritt wird mit Wachstum verwechselt. Frei zu sein scheint nur derjenige, der Arbeit hat. Der Begriff „Arbeit macht frei“ hat, neben seinen Menschen verachtenden historischen Wurzeln, auch realen Bezug. Nur wer aufgeklärt ist, wer sich permanent mit dem Holocaust beschäftigt, seine Pauschalverantwortung trägt und sich ständig Sorgen macht zum Beispiel um seine Krebs-, oder Altersvorsorge lebt systemkonform.
Wir leben in einer Welt, in der wir allzeit gewappnet sein müssen uns zu verteidigen. Die Medien suggerieren uns Tag für Tag wogegen wir alles angehen müssen, wovor wir Angst haben sollen, von wo Gefahr ausgeht: Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheit, Fundamentalismus sowie die Versuche uns die wohlverdienten Früchte des Erfolges zu bestreiten. Die freiheitlichen Werte sind gefangen in ihren Abwehrmechanismen, in ihrer Fixierung auf die Verteidigung ihrer selbst. Es mutet an wie ein Organismus, der vor lauter Angst in Zwanghaftigkeit erstarrt. Begründet sind diese Umstände in einer historischen Fehleinschätzung von Wirkmechanismen: der beginnenden zweiten Hälfte des 20.ten Jahrhunderts. Die 1950er und 1960er Jahre werden noch heute von vielen als die freiheitlichsten empfunden, was zumindest in Deutschland der Existenz neuer und noch nicht dezimierter Grundrechte zu zuschreiben war. Aber es war auch die Zeit des kalten Krieges, der zwar nicht als persönlich bedrohend wahrgenommen wurde, aber in den Köpfen eine statische Freund – Feindkennung hervorrief. Die Menschen lebten gut damit und generierten daraus einen kausalen Zusammenhang des einen mit dem anderen.
Als in den 1990er Jahren der Kommunismus zusammenbrach, hatte sich das System der notwendigen Freund- Feindkennung soweit etablieren können, dass der Verlust des Systems den Menschen schwerer fiel als der Verlust des Feindes. Diesem begonnenen Automatismus der permanenten Angst folgend wurde der nun fehlende Feind durch immer neue ersetzt, die geeignet schienen das Gleichgewicht und Angst und Hoffnung zu halten. Der Zustand unserer westlichen Demokratien ist tatsächlich Besorgnis erregend. Sie ist psychisch und physisch krank, aber nicht an den Gefahren, die uns von allen Seiten so verräterisch offensichtlich werden, sondern an denen, die wir nicht sehen, die uns durch die Schürung der Massenhysterie verborgen bleiben sollen. Es herrscht der Konsens, dass der Mensch nach ganz bestimmten Systemerfordernissen zu funktionieren hat. Die Ächtung des Nichtfunktionierens ist vielfältig und läuft über die Regulative: Moral, Gesetz und Geld ab. Eine Freund- und Feindkennung wird öffentlichkeitswirksam aufrechterhalten und forciert. Der nicht funktionierende Mensch ist böse und der Funktionierende ist gut. Die Guten machen ganz legitim Jagd auf die Bösen: auf Schwarzarbeiter, Krankfeierer, Sozialschmarotzer – auf den bösen Krebsvirus.
Diese Polarisierung zeigt sich in unterschiedlichster Gestalt. Puritanismus, Fanatismus oder Klassenkampf gehen letztlich auf die jahrhundertealte Ideologien zurück, die seit jeher mehr Leid, als Segen brachten und den Menschen, anstatt ihn zu befreien, immer tiefer in die Bevormundung drängte. Angst und Sicherheit sind komplementäre Aspekte der Kontrolle. Wer Angst hat – lässt sich führen; wer Angst macht – kann kontrollieren. Auffälliger weise bestimmen unsere Gesellschaft heute überwiegend Themen, die Angst bereiten. Es ist kein Zufall, denn das Produkt der Angst – die Angstabwehr ist für die Erhaltung eines auf Ausbeutung und Profitmaximierung basierenden Systems ausschlaggebend. Menschen ohne Angst vor Krankheit, Tod, Verlust und Imageschädigung könnten nicht Träger dieses Systems sein, weil der Abwehrmarkt zusammenbrechen würde. Angst wird zu einem Erfordernis der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Gleichzeitig wird das System von einer Gesinnung getragen, in der Angsterzeugung und Abwehrangebote im Gleichgewicht gehalten werden.
Abgewehrt werden dabei nicht nur Todesängste, sondern alle eigenen negativen Gefühle und Empfindungen wie Aggression, Unlust und Schmerz. Hierfür bietet der Markt die richtigen Mittel. Eine künstliche problemfreie Welt hat jedoch ihren Preis. Denn die abgespaltenen Emotionen kehren in pervertierter Form zu uns zurück und als extremste Ausprägung in Form von Terrorismus. Die puritanische Gut-Böse-Ideologie legitimiert zentralistische Instanzen folglich zur Schaffung eines Machtmonopols, um die Bürger mit Gewalt vor Gewalt zu schützen. Ein Teufelskreis entsteht, der zugleich ein effektiver Kontrollmechanismus der auf Abwehr programmierten Welt ist.
Die Hinwendung von Politik und Versorgungssystemen zum Zerstörerischen ist augenfällig. Der Kampf gegen Symptome spiegelt die Fixierung auf das Symptom, anstatt auf die Ursache wieder. Dies ist auf allen Ebenen zu beobachten. Der Kampf gegen dies oder jenes, wobei es unerheblich ist, was dies oder jenes denn genau sei, ist mehr als eine sprachliche Formel: er ist Ausdruck makroneurotischer Ausrichtung auf Beängstigendes und reduziert jede Aktion auf die Abwehr. Wir verlieren in unserer Dauerabwehr die Sicht auf die Möglichkeiten, die Visionen, die uns gegeben sind und die uns dieser zwangsneurotischen Spirale entziehen können.

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