Zukunftsperspektiven


Einen Blick in die Zukunft haben schon viele riskiert. Wir brauchen nur den Fernseher einzuschalten und werden sicher schnell einen Sciencefiction finden, der uns die Welt von morgen zeigen soll. Doch dieses Genre hat im Regelfall nicht den Anspruch uns eine mögliche Zukunft zu beschreiben, sondern soll Unterhaltung auf der Basis eines mehr oder minder zukünftig denkbaren Szenarios sein. Diese Unterhaltungsfilme sorgen für ein verzerrtes Bild einer zu erwartenden Zukunft, weil sie den technischen Fortschritt unter Zuhilfenahme der heutigen sozialen Strukturen beschreiben. Dass aber gerade die sozialen Strukturen und Wertesysteme sich in einer Zukunft nicht verändern würden, ist eine Annahme, die wohl nur unter dem Aspekt trivialer Hollywood Unterhaltung möglich ist.
Eine mögliche Zukunft zu beschreiben ist immer eine Form des Orakeln, da uns eben keine Möglichkeit gegeben ist in die Zukunft zu schauen, aber es ist möglich ein Szenario zu beschreiben, welches eine ausreichend hohe Wahrscheinlichkeit hat, weil die Mechanismen und Voraussetzungen dafür bereits heute existieren, sofern diese Beschreibung nicht allzu weit in die Zukunft geht und damit durch mangelnden Bezug zur Gegenwart keine verlässliche Basis mehr bietet.
Um eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu behalten, wähle ich hier für meine Betrachtungen einer möglichen Zukunft, eine die nur 40 Jahre von uns entfernt ist und beschreibe eine Welt, die im Jahre 2050 die unsere sein könnte. Ich erfinde keine zukünftigen Szenarien, sondern beziehe mich ausschließlich auf Umstände, die schon heute vorliegen und die aufgrund der hohen Akzeptanz von Wissenschaft und Politik von diesen mit großer Wahrscheinlichkeit weiter verfolgt werden.

Das Wirtschaftssystem
Um das Wirtschaftssystem des Jahres 2050 zu beschreiben, setze ich zuerst voraus, dass es uns nicht gelungen sein wird genügend Vernunft walten gelassen zu haben, um das Alte jetzt Existierende: den Kapitalismus abzuschaffen.
Die Globalisierung der Märkte wird Wirklichkeit geworden sein. China wird weltmarktführend als Industrie- und Produktionsstandort sein, Indien wird die Dienstleistungs- und IT Branche dominieren, Brasilien wird der weltgrößte Nahrungsmittelproduzent sein und Russland führend in der Energiegewinnung und Vermarktung. Alle Waren und Dienstleistungen stehen in direkter Konkurrenz und sind jederzeit und überall abrufbar. Der gemeinsame Faktor, an dem sich alle Güter messen müssen, ist das Geld und nur ein Mechanismus hat die Möglichkeit eine globale Konkurrenz aller Güter zu regeln: der Zwang der möglichst kostengünstigen Produktion. Europa wird mit Massenarbeitslosigkeit und Verarmung der Bevölkerung kämpfen, da die europäischen Waren nicht kostengünstig genug angeboten werden können – ein Effekt des Lohnanspruches europäischer Arbeitnehmer, der nur verwirklicht werden konnte, solange das System nicht in Konkurrenz mit Billiglohnländern treten musste. Europa und Amerika werden lernen müssen die Welt mit andern Augen zu betrachten. Nicht mehr sie werden es sein, die den Takt der Welt angeben, die die grundsätzlichen Werte der Welt aufstellen, sondern sie werden sich dem Diktat der Wirtschaftssupermächte beugen müssen. Produktionsabläufe, Waren, Arbeitsabläufe, die sozialen Systeme, aber auch die Werte und Ziele der Gesellschaft werden sich, so wie sie es immer getan haben, dem Diktat des wirtschaftlichen Erfolges anpassen und unsere Welt wird ein wenig chinesischer, indischer und brasilianischer werden; auf einem Level, der einem führungsgewohnten Europa unerträglich sein wird. Die massive Expansion der Wirtschaft wird in noch größerem Maße die Ressourcen der Erde ausbeuten und die Umwelt in noch höherem Ausmaße verschmutzen, aber unser Einfluss wird nicht mehr das Gewicht haben dagegen einzuschreiten. Sicherlich wird uns nach alter Manier eine Abnahme dieser Umstände versprochen und vermeintliche Erfolge auf dem Weg dahin wie bekannt uns verkauft. Es hört sich auch heute schon beruhigend an, wenn uns erklärt wird, dass wir nun in den nächsten Jahren den CO2 Ausstoß um 5 oder gar 10 Prozent verringern werden. Es wird sicher auch in Zukunft vergessen dazu zu erwähnen, dass diese Verringerung nicht mehr so gut dasteht, wenn man betrachtet, dass der CO2 Ausstoß generell um 1000 Prozent zu hoch ist. Sicherlich werden auch die Wirtschaftslenker von morgen hierfür gute Begründungen finden.
Dieser Niedergang der ehemals mächtigsten Staaten wird für Europa ein Desaster werden, aber die größte Gefahr wird von den USA zu erwarten sein. Ein Land, das an sich selbst den Anspruch erhebt die Führungsrolle in der Welt inne zu haben, wird einen wirtschaftlichen Niedergang und damit eine politische Entmachtung nur schwer ertragen können. Diese Destabilisierung des Machtgefüges wird alte Feinde ermutigen die USA zu provozieren und ein Land, das sich seiner wirtschaftlichen Macht beraubt sieht, wird sein militärisches Potential nutzen müssen, um auf Provokationen zu reagieren.
Die wirkliche Macht werden aber einige wenige Wirtschaftsunternehmen in Händen halten. Ihre Anfänge kennen wir schon heute und nennen sie respektvoll Global Player. Sie werden ungeheure Mengen an Kapital halten und damit Einfluss auf jedes politische System ausüben, um ihre Ziele zu verwirklichen. Diesem Einfluss werden sich die Staaten nicht entziehen können, da sie auf das Kapital dieser Global Player angewiesen sind und selbst für den Fall, dass sie einen dieser bekämpfen wollten, wäre es ihnen nicht möglich, da sie auf ein internationales System der Dezentralisierung stoßen würden – einer Schlange mit so vielen Köpfen, dass eine Bekämpfung dieser unmöglich sein wird. Wir werden in einer Zeit leben, in der jegliche Werte und Rechte hinter den Zielen riesiger Wirtschaftsunternehmen zurück stehen werden oder diesen angepasst sind, auf die wir keinerlei Einfluss haben werden und die sich schon jetzt jeglichen Kontrollmechanismen wirkungsvoll entziehen.
Unter dem Zwang dieser Mechanismen wird sich die geopolitische Weltkarte verändern. Als Gegengewicht zu den neuen Wirtschaftssupermächten werden sich Wirtschafts- und Währungsunionen bilden durch die die jetzigen Industrieländer in den Besitz von Rohstoffen kommen werden. Die USA und Kanada werden mit Südamerika, Europa mit Russland und die arabischen Staaten mit Afrika solche Wirtschafts- und Währungsunionen eingehen und zusammen agieren. Großbritannien wird als eigentlich europäischer Staat eine Sonderstellung einnehmen und aus seiner Stellung als Bindeglied zwischen der amerikanischen und der europäischen Union profitieren. Auf lange Sicht ist zu erwarten, dass es nur noch drei Staatsgebilde geben wird. Dabei wird es sich um die eurasische Union: bestehend aus Europa, Russland und den asiatischen Staaten, die afrikanische Union: bestehend aus den afrikanischen und den arabischen Staaten sowie der amerikanischen Union: bestehend aus den Staaten des nordamerikanischen und des südamerikanischen Kontinents, handeln. Da diese Unionen autark sein werden, ist eine Interaktion zwischen ihnen dann nicht mehr zu erwarten.

Perspektiven der Demokratie
Um mit den Problemen und Herausforderungen der Welt im Jahre 2050 umgehen zu können, werden für jedes politische System zwei Dinge unverzichtbar sein. Ein möglichst problemlos funktionierendes Staatssystem, welches von so großer Vorausberechenbarkeit ist, dass Abweichungen vom Sollzustand verhindert werden können und eine möglichst hohe Akzeptanz der Regierungsform, um innere Angriffe gegen das System selber zu vermeiden.
Die vordringlichste Aufgabe eines Staates wird also sein: die Schaffung einer möglichst effektiven Verwaltung sowie die Etablierung von gemeinschaftlichen Werten mit möglichst hoher Akzeptanz.
Die Schaffung einer möglichst effektiven Verwaltung wird durch eine Flut von Gesetzen und Verordnungen gewährleistet werden, die jeden Bereich des Lebens reglementiert und jede Eigeninitiative unterbindet, da sich nur auf diesem Wege die Bekanntheit der möglichen Parameter jeder Handlung, jegliche Handlung der Individuen voraus berechnen und damit kontrollieren lässt. Zur Kontrolle und damit präventiven Besicherung des Sollzustandes muss weiterhin gewährleistet sein, dass die Individuen sich tatsächlich innerhalb der berechenbaren Parameter bewegen. Hierzu wird eine umfassende Überwachung jedes Einzelnen nötig sein. Nicht erst das Verlassen der vorgeschriebenen Parameter wird staatliche Handlungen einleiten. Diese werden bereits im Vorfeld erfolgen, also präventiv. Das Sammeln und Auswerten aller möglichen Fakten und Umstände eines Bürgers sorgt in erster Linie für seine Berechenbarkeit, je umfangreicher also ein Datenpool zu einem Bürger ist, desto leichter wird es möglich sein präventiv sein Verlassen der staatlich geforderten Linie zu unterbinden. Dieses wird humanitär zu begründen sein, da der Staat ja bereits im Vorfeld, also vor einer möglichen falschen Handlung eingreifen wird, wird er nach seiner Argumentation den so reglementierten Bürger geschützt haben vor der zu erwartenden falschen Handlung und den damit verbundenen Konsequenzen, und damit seiner besonderen Fürsorgepflicht entsprochen haben.
Eine höchst mögliche Akzeptanz des Staatsvolkes zu den Zielen des Staates wird nur durch die Schaffung neuer Werte zu gewährleisten sein. Dieses wird der logischen Konsequenz folgen, dass wenn alle Fakten richtig sind, aber zueinander in Konkurrenz stehen, sind nicht die Fakten falsch, sondern das sie beschreibende System. Unter den heute gegebenen Wertevorstellungen werden die Lebensumstände des Jahres 2050 wenig erstrebenswert sein. Wir würden sie als rückschrittlich und entrechtend wahrnehmen. Da aber diese Umstände nicht zu verhindern sein werden, wird man die Sichtweise auf sie verändern müssen, da der Verlust eines Rechtes nur dann entrechtend ist, wenn dieses Recht auch als Recht wahrgenommen wird. Verändert man die Sichtweise auf das abzuschaffende Recht in der Art, dass dieses als Unrecht empfunden wird, wird auch der Verlust nicht mehr als Entrechtung wahrgenommen, sondern als Befreiung.
Es wird also um die Umdefinierung von Begriffen gehen. Wenn wir auch heute noch die Lebensumstände des Jahres 2050 als für nicht erstrebenswert halten, so werden wir sie dann aber als nicht mehr so dramatisch ansehen. Bis dahin werden unsere Werte und damit das, was wir für erstrebenswert halten, sukzessiv umdefiniert worden sein – ein Prozess, der sich schon heute überall beobachten lässt. Schon heute haben wir mit dem Begriff Demokratie so unsere Probleme. Dem ursprünglichen Anspruch gemäß ist Demokratie die Herrschaft, die vom Volke ausgeht, also einer Menge von Individuen, die ihren individuellen Willen ausdrückten. Begriffe wie Gemeinwohl oder Gemeinnützigkeit waren nicht Ziele der Demokratie, sondern ergaben sich aus dem mehrheitlichen Willen der Individuen. Heute ist Gemeinwohl und Gemeinnützigkeit bereits oberstes Ziel der Politik und ein Fehlen dieser Vorgaben scheint uns nicht mehr richtig. Aber die Einführung dieser Begrifflichkeiten als Staatsziel ist schleichend vollzogen worden durch Einführung in den Sprachgebrauch mittels der Medien, die solche selbst formulierten Ziele von Politikern zum Formulierungsstandart erhoben haben. Durch die kaum bemerkte Veränderung des Sprachgebrauchs haben sich Begriffe als selbstverständlich eingeschlichen, die ihre eigene Definition mitbrachten und damit die ursprüngliche Definition der Demokratie veränderten. In der Zukunft des Jahres 2050 wird die Definition für Demokratie nicht mehr die Herrschaft des Volkes, sondern die Herrschaft für das Volk heißen; eine Begrifflichkeit, die nichts Böses vermuten lässt und, doch die Abschaffung der Demokratie bedeutet haben wird. Der ursprüngliche Gedanke der Demokratie wird damit ins Gegenteil verkehrt sein und nicht mehr der Staat der Ausdruck seines Volkes sein, sondern das Volk der Ausdruck seines Staates, welcher durch die Neuschaffung einer Begrifflichkeit dann über einen eigenen Zweck verfügt, nämlich für das Volk zu agieren, anstatt nur Zweck dessen gewesen zu sein. Ein solcher Staat stellt sich über seine Bürger, für die er ja agiert und bedarf nicht mehr der Legitimation seines Zweckes durch die Bürger.
Auf dem Wege der Umformulierung – der Neudefinition von Begrifflichkeiten mithilfe der Medien als Katalysator werden wir im Jahre 2050 in einer Demokratie leben, die keine sein wird und einem System folgen, das durch eine Gesetzesflut – umfassende Kontrolle der einzelnen Bürger und Veränderung des Sprachgebrauchs uns selbst zu den Helfern unserer eigenen Entrechtung gemacht haben wird.

Die Umwelt von morgen
Die Umwelt des Jahres 2050 wird deutlich von der Natur getrennt sein, die auch geteilt sein wird. Als Umwelt werden wir den Bereich des Lebens verstehen, der uns umgibt und dieser Bereich wird den höchsten Ansprüchen an Sauberkeit und Ordnung genügen, zumindest im oberflächlichen Sinne, da Umweltschutz ausschließlich eine Sache der Sichtbarkeit für die Menschen sein wird. Schon heute ist zu beobachten, dass Umweltverschmutzung mit Naturzerstörung gleich gesetzt wird. Wir trennen unseren Müll als Zeichen des Umweltschutzes, dabei ist unsere Natur ein globales System und Müll wird zu einem Problem dadurch, dass er entsteht und nicht dadurch wie er gelagert wird, denn egal wie wir ihn lagern, es ist immer innerhalb der Natur. In den Köpfen der Menschen wird Müll aber erst zum Problem, wenn er sichtbar wird und diesem Phänomen wird auch die Gestaltung unserer Umwelt in Zukunft folgen. Die Natur wird in zwei Bereiche getrennt werden – dem einen und wichtigsten Bereich: der Natur als Wirtschaftsressource und zum anderen: der Natur als Schutzzonen. Der Bereich der Wirtschaftsressourcen wird sich immer weiter dem Fokus der Allgemeinheit entziehen, da der Raubbau an der Natur und die weitere Verschmutzung nicht mehr mit Argumenten zu rechtfertigen sein wird, und Zweifler und Kritiker am besten durch die Nichtexistenz eines Problems zu beruhigen sein werden.
Der zweite Bereich werden die Schutzzonen sein. Wir werden in Zukunft nicht nur Zoos kennen, sondern auch Bioparks, in denen wir in der gleichen entfremdeten Art unsere Natur kennen lernen können, wie wir es bereits heute mit den Tieren im Zoo machen. Diese Bioparks werden nicht errichtet werden, weil es keine Wälder oder unberührte Freiflächen mehr gäbe, sondern weil diese für den Menschen unzugänglich sein werden. Diese werden in ihrem Bestand so gefährdet sein, dass wir diese schützen werden und das bedeutet für den Menschen: diese nicht betreten zu können.
Flora und Fauna werden in ihrem Artenreichtum erheblich abgenommen haben. Da jeden Tag im Durchschnitt eine Spezies endgültig ausstirbt, werden im Jahr 2050 circa 13.000 Arten weniger auf der Erde leben. Auch dieses ist schon heute vielerorts zu beobachten. Kannten wir vor 50 Jahren noch circa 250 verschiedene Apfelsorten, so sind es heute aufgrund der industriellen Nutzung des Apfels und der Ausrottung nicht wirtschaftlicher Sorten nur noch 15 Sorten weltweit.
Das Meer wird eine ganz andere Bedeutung für die Menschen haben. Ist es heute noch Ort der Erholung und Fisch, ein begehrtes Nahrungsmittel, wird in 20 Jahren von unserer Speisekarte verschwunden sein, da spätestens zu diesem Zeitpunkt die Überfischung der Meere die Fischbestände soweit dezimiert haben wird, dass der Fischfang zum Zwecke der Nahrungsmittelgewinnung nicht mehr rentabel sein wird. Der Ort der Erholung wird zum Ort der Katastrophen geworden sein, da aufgrund der Klimaerwärmung der Meeresspiegel gestiegen sein wird, was zwar nicht ein Land unter zur Folge haben wird, aber in den Küstenregionen zu regelmäßigen Flut- und Sturmkatastrophen führen wird.

Urbane Existenz
Das Leben der Zukunft wird eine urbane Existenz sein. Land ist knapp und im Gegensatz zu den Menschen, die Land besitzen wollen, kommt kein neues Land hinzu. Eine Gesellschaft der Zukunft wird sich mit dem Problem konfrontiert sehen, dass sie immer mehr Land braucht. Nach Auskunft des NABU, des Naturschutzbundes werden heute täglich 106 Hektar Land in Deutschland dauerhaft unbrauchbar gemacht durch Bebauung oder Nutzung der Industrie. Die zur Verfügung stehende Fläche wird immer kleiner und steht einer immer größeren Zahl von Menschen gegenüber, die Land für ihre persönlichen Zwecke erwerben möchte oder Firmen, die zu ihrer Expansion Land brauchen. Aus wirtschaftlicher Sicht, und das wird im Jahre 2050 die maßgeblichste Sichtweise sein, ist Land, das sich in den Händen von Privatleuten befindet und damit der Industrie und der Landwirtschaft nicht zur Verfügung steht, nicht dem Gemeinwohl nützlich. Es wird vielfältige Bestrebungen geben Land aus privaten Händen dem Produktionskreislauf zuzuführen. Die Preise für Land werden in Zukunft so hoch sein, dass nur wenige Privatleute im Stande sein werden diese zu erbringen und dadurch werden immer mehr Menschen in die Städte umsiedeln. Diese Urbanisierung aus ökonomischen Zwängen wird mehr und mehr Mega – Citys entstehen lassen, die wiederum aufgrund der vorhandenen Arbeitskräfte die Industrien zentralisieren werden. Weit über 90 Prozent der Bevölkerung wird in der Zukunft in Städten wohnen und Städte wie Hamburg, Berlin oder München werden um das zwei bis dreifache wachsen. Aufgrund der extrem hohen Kosten und dem Mangel an Arbeitsplätzen und der Infrastruktur wird es kaum noch ländliche Bevölkerung geben und die in den Städten wohnenden Menschen werden diese kaum noch verlassen, während auf dem Land riesige Agrarkulturen entstehen werden, die einen Teil des Nahrungsmittelbedarfs der Städte befriedigen sollen.

Das Sozialkapital
Aufgrund wirtschaftlicher Zwänge und auftretender Massenarbeitslosigkeiten infolge globalisierter Märkte werden die Ausgaben zur Zinstilgung sowie die Sozialausgaben des Staates im Jahre 2050 soweit gestiegen sein, dass sie sich durch die Einnahmen des Staates nicht mehr decken lassen. Die Folge ist eine immense Staatsverschuldung. Um einen Staatsbankrott und damit den Zusammenbruch des Systems zu verhindern, wird der Staat gezwungen sein ein System zu etablieren, welches seine Bürger animiert bei sinkenden Reallöhnen immer mehr zu arbeiten und die gleichzeitig die Staatsverschuldung minimiert. Das System des Sozialkapitals, welches auf dem Grundgedanken basiert, dass die Teilnahme an einer Gesellschaft zur Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft führt, nimmt den Bürger von Geburt an in die Pflicht und geht davon aus, dass die Teilnahme am Leben verdient werden muss, aber auch verdient werden kann, da jedem Menschen von Geburt an das Kapital Arbeit zur Verfügung steht. Jeder Bürger nimmt per Gesetz mit dem Zeitpunkt seiner Geburt eine Staatsanleihe von 100.000 Euro auf, die ihm zu einem vergünstigten Zinssatz kreditiert wird. Bis zum Eintritt in das erwerbsfähige Alter bemerkt das Kind in seinem realen Leben keinen Unterschied, aber der Staat wird mit jedem neugeborenen Bürger um 100.000 Euro seiner Staatsverschuldung befreit, die ja nun das Kind übernommen hat. Mit Beginn der Erwerbstätigkeit wird dem Bürger dann jeden Monat ein Teil seines Lohnes zur Tilgung dieses Kredits abgezogen, was für ihn keine schlechte Stellung bedeutet, da es ja jeden in gleichem Maße betrifft. Er erfüllt somit seine Pflicht gegenüber der Sozialgemeinschaft und erhält die Handlungsfähigkeit des Staates. Um einen Anreiz zu schaffen sich nicht der Zahlung durch Verweigerung von Arbeit zu entziehen und, um die Sozialgemeinschaft vor Sozialschmarotzern zu schützen, sind an das Sozialkapital Vergünstigungen gebunden. Durch die regelmäßige Rückführung der Staatsanleihe erhält der Bürger das Recht zu heiraten und Kinder zu kriegen, aber auch verbilligte Kredite für persönliche Anschaffungen.
Im Jahre 2050 wird das Sozialkapital in dieser oder einer ähnlichen Form kaum noch diskutierter Alltag sein. Dieses einzuführen scheint bei der Politik gegenüber Neugeborenen große Akzeptanz zu besitzen. Die Schwierigkeiten bei der Einführung liegen in dem Umstand, dass zumindest für die Dauer einer Generation ein Teil der Bevölkerung benachteiligt wird, nämlich der der Neugeborenen, während der andere Teil davon nicht betroffen wäre und eine Lösung schwierig scheint den nicht betroffenen Teil der Bevölkerung zur Erhaltung der Gerechtigkeit mit einzubeziehen.

Das Arbeitsleben
Die zukünftige Gesellschaft wird erkannt haben, dass das Kapital des Einzelnen – seine Arbeit best möglichst zu nutzen ist und wird ihr Schulsystem an die härteren Wettbewerbsbedingungen des globalen Marktes und das Staatsziel – das Allgemeinwohl endgültig angepasst haben. Um diesen Vorgaben gerecht zu werden, wird die Schule in erster Linie die Vorbereitung auf die Arbeitswelt sein.
Regelschulzeiten von nicht mehr als acht Jahren werden der Standard sein. Im Rahmen der Anpassung an die anderen Nationalökonomien, die als Arbeitsmarkt in direkter Konkurrenz stehen, wird es keine Ausbildungsberufe mehr geben. Der junge Mensch wird nach dem Verlassen der Schule nicht mehr die Wahl haben seinen Beruf zu wählen, sondern die Verpflichtung haben zum Wohle der Allgemeinheit den Arbeitsplatz einzunehmen, in dem er schnellstmöglich die größte mögliche Produktivität erreicht. Der zentrale Punkt wird die Arbeitstätigkeit zum größten möglichem Nutzen der Nationalökonomie sein und nicht mehr ein bestimmter Beruf. Dieses zu ermöglichen wird gewährleistet durch die Flexibilität der Arbeitskraft, also die Möglichkeit die Arbeitskraft gemäß den Bedürfnissen der Produktion einzusetzen, ohne Einschränkungen welche Tätigkeit dieses beinhaltet und wo diese Tätigkeit erbracht wird. Die Menschen werden sich nicht mehr über ihre Tätigkeit definieren, also ihren Beruf, sondern nur noch ob sie tätig sind und welchen Nutzen ihre Tätigkeit für das Allgemeinwohl hat. In der Praxis bedeutet das, dass die Menschen sich über ihre soziale Leistung – ihren Verdienst definieren werden.
Es wird im Jahre 2050 kein Rentensystem nach heutigen Vorgaben mehr geben. Jeder Arbeitnehmer wird solange arbeiten, wie er dazu körperlich im Stande sein wird. Das hierzu tragende System: Fördern und Fordern ist bereits heute eingeführt worden. Der Staat wird stellvertretend für die Allgemeinheit die Arbeitskraft einfordern, solange sie der Produktivität dient, ohne eine Begrenzung eines Renteneintrittsalters. Hierdurch wird es möglich sein den heute existierenden und dann nicht mehr zu finanzierenden Generationenvertrag zu verlassen. Dies wird durch die Allgemeinheit als gerecht empfunden werden, da aufgrund des stetig ansteigenden Lebensalters eine Generation von nicht produktiven und kostenintensiven Müßiggängern verhindert wird.
Durch die veränderten Wertvorstellungen und dem über alles stehendem Allgemeinwohl werden Gruppen, die nicht in das soziale System eingebunden sind, also keine Arbeit verrichten und damit nicht ihren Beitrag an die Gemeinschaft erbringen, nicht mehr toleriert werden. Durch staatliche Programme – des Fördern und Fordern – werden Arbeitslose und Menschen mit nicht ausreichender Produktivität in Arbeitsmaßnahmen zum Wohle der Allgemeinheit tätig sein. Eine Verweigerung der Arbeitskraft wird nach Ansicht der Allgemeinheit den sozialen Frieden stören und wird von staatlicher Seite verfolgt werden müssen.

Die Krankenversicherung
Das Krankenversicherungssystem des Jahres 2050 wird in einen privaten und einen staatlichen Teil gespalten sein. Die Voraussetzungen für dieses System wurden in ihren grundsätzlichen Zügen bereits im Jahre 2001 auf den Weg gebracht. Der Staat wird zum Schutze des Allgemeinwohls den Teil der Notfallfürsorge übernehmen. Diese Notfallfürsorge wird für den Bürger kostenlos sein und dem Bürger in staatlichen Polikliniken zur Verfügung stehen, aber keine Heilfürsorge beinhalten.
Die Heilung von Krankheiten: eine Heilfürsorge wird durch private Krankenkassen gewährleistet, die wie jedes andere Unternehmen auch ihre Tätigkeit nach dem zu erwirtschaftenden Gewinn ausrichten werden.
Ein staatlich finanziertes Heilsystem wird keine gesellschaftliche Akzeptanz haben, da die allermeisten Krankheiten eine Folge der persönlichen Lebensführung sind und somit die Sozialgemeinschaft für die Unzulänglichkeiten des Einzelnen nicht verantwortlich gemacht werden kann.
Die Heilfürsorge der Krankenkassen wird, um kalkulatorisch feste Größen zu erreichen und betriebswirtschaftliche Verluste zu verhindern, gemäß einem Kreditsystem arbeiten. Sie werden die geldlichen Aufwendungen für die Heilung von versicherten Kranken diesem Kreditieren. Jeder wird also frei entscheiden können welche finanziellen Lasten er für die Wiederherstellung seiner Gesundheit aufbringen will. Diese Kosten werden, sofern die persönlichen Lebensumstände des Kranken einen Kredit zulassen, von der Krankenkasse vorfinanziert und dem, dann wieder Gesunden, in Rechnung gestellt. Um ungebührliche soziale Härten zu vermeiden, wird es möglich sein auch bei mangelnder Kreditwürdigkeit eine solche Finanzierung durch Bürgschaften oder Kostenübernahmeerklärungen der Familie oder anderer zu erreichen.

Der Sozialchip
Eines der großen Themen der Zukunft im Jahre 2050 wird die Sensibilisierung der Einzelnen für die Ziele des Allgemeinwohls und des damit möglichen Missbrauchs der Sozialgemeinschaft sein. Um diesem Missbrauch entgegen zu wirken, wird sich ein System etabliert haben, welches bereits Mitte der 1990 er Jahre bei Hunden Standard wurde und im Jahre 2003 in die ersten Großversuche als Abrechnungssystem für Diskotheken ging und jeglichen Missbrauch erheblich erschweren wird.
Der Sozialchip ist ein unter die Haut implantierter Chip, auf dem alle personenbezogenen Daten gespeichert sind und der mittels Scannern ausgelesen werden kann. Um einkaufen zu gehen, werden wir kein Bargeld und keine Kreditkarte mehr benötigen. Die Kasse wird automatisch unseren Chip erkennen und den Einkauf vom Konto abbuchen. Auch Personalausweise, Führerscheine, Mitgliedsausweise oder Krankenkassenkarten werden nicht mehr nötig sein. Überall wo wir hingehen wird der Chip erkannt und unsere Berechtigung überprüft. Hierdurch wird auch eine genaue Abrechnung der Arbeitszeit möglich sein, da der automatisierte Arbeitsplatz nur Arbeitszeit verbucht, wenn er den Chip erreichen kann. Auch die Sicherheit wird sich vermeintlich deutlich erhöhen, da unsere Wohnung, unser Auto sich nur öffnet, wenn der berechtigte Chip in der Nähe ist. Der Staat kann dadurch die öffentliche Sicherheit und Ordnung gewährleisten, da ihm jegliche Informationen zum Leben eines Einzelnen zur Verfügung stehen und da er Gesetzesbrecher nicht nur überall orten kann, sondern auch an jeden Ort einschließen oder ausschließen kann, indem er den Chip sperrt.

Sicherlich wird es noch viele weitere Änderungen in einem Leben im Jahre 2050 in Bezug zu einem Leben heute geben, die sich allein schon aus den technischen Errungenschaften der Zukunft ergeben werden. Diese aber vermag ich nicht zu prophezeien. Die offensichtlich auf uns zukommenden Veränderungen, die ich hier benannt habe, basieren nicht auf zukünftig etwaigen Möglichkeiten, sondern sind in ihren Grundzügen bereits heute vorhanden oder stehen auf den Wunschlisten der Wirtschaft und der Politik. Es wird sicher auch genügend Menschen geben, die sich schon jetzt mit solchen Vorstellungen anfreunden können, dennoch gilt es eine solche Welt zu verhindern.
Unsere Zukunft wird, sofern wir dieser Entwicklung nicht schon heute entschlossen entgegen treten, nicht plötzlich und unerwartet über uns herein fallen und sie liegt auch nicht so weit von uns entfernt, so dass nicht die meisten von uns diese nicht mehr erleben werden. Diese Zukunft hat bereits begonnen und sie verwirklicht sich jeden Tag ein Stück weiter, immer mit leisen Schritten, so dass ihr Kommen erst wahrgenommen wird, wenn sie bereits eingetreten ist und dann wird es zu spät sein. Diese Zukunft des perfekt organisierten und auf das Wirtschaftssystem angepassten Menschen entsteht nicht in den Planungszentralen böser Mächte und wird uns nicht von außen aufgedrängt, sie entsteht in den Köpfen jedes Einzelnen und äußerst sich durch Akzeptanz und Schweigen – sie ist wir. Sie wird das Ende jeder individuellen Freiheit, jeder Kreativität und jeder Kritik sein und sie wird unsere Denkweise so beeinflussen, dass wir nicht einmal mehr erkennen werden, was sie uns nimmt und wohin sie uns führt.

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Veröffentlicht von

Heinz Sauren

Sozialanthropologie und Gesellschaftskritik

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