Profiteure und Verlierer

Kaum jemand versteht in vollem Umfang die Mechanismen und absurden Möglichkeit des Finanzkapitalismus. Auch unsere Regierungen nicht, trotz aller Versuche der Gesicht wahrenden und gegenteiligen Darstellungen. Zwar mühen sie sich, einen roten Faden für ihr Handeln zu finden und bemühen ganze Heerscharen von Analytikern und vermeintlichen Fachleuten, müssen jedoch immer wieder aufs neue feststellen, dass die Finanzjongleure ihnen immer einen Schritt voraus sind, in dem undurchdringbaren Dickicht finanztechnischer Gaukeleien.

Die Interessen der einstmals an einem Strang ziehenden Hauptakteure stehen sich konträr gegenüber seitdem, auch durch eine fehlgeleitete Politik, einer der beiden, hier die Finanzwelt für sich erkannte, wie leicht es ist exorbitante Gewinne zu realisieren, bei gleichzeitig nahezu vollständiger Abwälzung der Risiken, auf den anderen, die Politik und in Folge dessen auf jeden einzelnen Teilhaber an dem Geldsystem. Die Regierungen, die einstmals ebenso maßlos an den Gewinnen partizipieren durften, fühlen sich von dem warmen Geldregen abgekoppelt und müssen nunmehr ihren Bevölkerungen erklären, warum diese immer mehr für ein System bezahlen müssen, von dem sie nicht mehr profitieren. Solche Belastungen sind unpopulär, gefährden einstmals sicher geglaubte Mehrheiten und führen zu politischen Verwerfungen, die eine etablierte Politik nicht hinnehmen kann, wenn sie nicht grundsätzlich ihren eigenen Machterhalt gefährden will. Die Zeit der beruhigenden Geschenke an die Wähler, des billigen Kaufes der eigenen Macht ist vorbei. Zwangsweise sieht sich die Politik mit den Realitäten konfrontiert. Realitäten, die sich nicht verändert haben, die von der Politik so gewollt wurden, unter den neuen Vorzeichen aber nicht mehr profitabel für die Politik sind. Die Macht des Geldes hat der Politik ihre Machtlosigkeit gezeigt und den Kampf vorerst gewonnen. Ein Kampf der eigentlich schon entschieden war, als die beiden Akteure miteinander antraten, um die Welt unter sich aufzuteilen. Entschieden durch die Naivität der Politiker, die sich durch Geldgeschenke blenden ließen und nicht Fragen wollten, wie dieses Geld eigentlich generiert wurde, solange sie davon profotierten. Diese „Nach mir die Sintflut“ Mentalität, war bezeichnend für die Politprominenz gegenüber der Finanzwelt, in den letzten zwanzig Jahren.

Nun ist alles anders. Der ehemalige Verbündete ist zum neuen Feind erklärt worden und der Einfachheit halber, gleich mit alle Fehlern der Vergangenheit belastet. Die eigenen Hände in Unschuld waschend, versucht die Politik nun, zu retten was zu retten ist. Diese Rettungsversuche sind dem neuen Feindbild angepasst und folgen dem großen Ziel, der unbedingten Erhaltung der Strukturen, zur Erhaltung der bestehenden Machtverhältnisse. Es wäre naiv zu glauben, dass die Politik sich generell in der gleichen machtlosen Position, wie gegenüber dem Finanzmarkt, befindet. Ihre Macht ist auch weiterhin gegeben, zwar nicht in Hinsicht auf die Akteure des Finanzkapitalismus, jedoch auf die eigenen Bevölkerungen. Folgerichtig versucht die Politik auch nicht die Finanzjongleure zu Rechenschaft zu ziehen, diese Mitursache befindet sich außerhalb des Machtbereiches der Politik, sie versucht die Symptome zu mildern und Lösungen zu etablieren, auf den Feldern, in denen sie Macht hat, der Gesellschaften und ihren Bevölkerungen. Zwangsläufig muss nun der einzig unter den Machtstrukturen der Politik verbleibende Beteiligte, zur Lösung der Strukturkrise heran gezogen werden. Einer Krise die nur an einem krankt, dem Geld und daher auch nur mit einem zu heilen ist, mit Geld. Zumindest solange wie man die grundsätzlichen Strukturen nicht in Frage stellen möchte, was die Politik mit Sicherheit nicht wird, da eine solche Infragestellung, einer Infragestellung ihrer selbst gleich käme. Daher ist es auch irrelevant ob und wann dieses Geldsystem aus sich heraus kollabiert, da Systeme unbegrenzten Wachstums, innerhalb geschlossener Systeme nun einmal nicht funktionieren. Das eigentlich bereits unter gehende Geldsystem hat einen Befreiungsschlag vollbracht. Abzulesen ist dieser an dem Bruttoinlandsprodukt der Ländern, bei welchem der durch Dienstleistungen erbrachte Mehrwert seit einigen Jahren beständig wächst. Die Dienstleistungsgesellschaft ist die Lösung gegen ausgehenden natürlichen Ressourcen, so ist der Glaube der Politik, da diese Ressource geeignet scheint, den wegbrechenden Mehrwert aus den natürlichen Ressourcen zu kompensieren. Die Ausbeutung des Menschen wird von einem geduldeten Nebeneffekt zu einer System relevanten Ressource.  Solange die vorhandenen Strukturen wirken, würde ein Zusammenbruch des Geldsystems schlicht ignoriert und der Glanz durch immer neue Finanzgaukeleien erhalten werden. Wenn zwei Spieler sich einig sind und einfach weitermachen, lassen sich Fakten lange vertuschen, wenn es einen Dritten gibt, der sich zum füllen der aufgerissenen Lücken auspressen lässt.

Viele haben dieses bereits erkannt und hoffen auf einen generellen Neustart. Ein Neustart mit Hilfe eines neuen und gerechten Währungssystems, welches zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, nicht auf der Mittellosigkeit und Armut einer breiten Masse basieren würde. Die Euphorie die diese Gruppe der Abtrünnigen trägt, wird zum einen durch die bestechende Richtigkeit ihrer Erkenntnis und zum anderen aus dem gefühlten Zuspruch einer breiten Masse, genährt. Sich diesen Zuspruchs sicher zu fühlen, ist jedoch zumindest eine gutgläubige Sichtweise auf die breite Masse der Bevölkerung. Es besteht ein eklatanter Unterschied für die meisten Menschen innerhalb der Bevölkerung, eine offensichtliche Fehlentwicklung als Lippenbekenntnis zu kritisieren und dem gegenüber der tatsächlichen Zustimmung zur Zerschlagung des etablierten Geldsystems. Dieser Unterschied besteht in der Zustimmung zu einer theoretischen Möglichkeit und dem tatsächlichen erleiden der Konsequenzen, die zwangsläufig wären. Diese Zwangsläufigkeit ist dem Großteil der Menschen bewusst. Da ihnen jedoch die Komplexität eines solchen Ereignisses Angst macht und etwaige positive Folgen daraus den meisten zu abstrakt bleiben, bewerten sie die möglichen Ereignisse an ihren persönlichen Umständen.

Geld ist seinem Sinne nach ein positiver Wert und wird von den Menschen auch so verstanden. Obwohl dies einen der folgenschwersten Irrglauben der menschlichen Geschichte darstellt, ist es eine unabwendbare Tatsache. Geld hat ihnen ihren schönen Mittelklassekombi beschert und auch ihr Häuschen ist Geld Wert. Geld ist die Belohnung ihrer Arbeit, gibt ihnen Sicherheit und einen verdienten Urlaub auf Mallorca. Ihre Rente ist Geld und damit ihre Zukunft.

Die Infragestellung von Geld, ist die Infragestellung der wichtigsten Werte der Menschen. Es wäre naiv zu glauben, den Willen einer Gesellschaft dazu zu erhalten, ihr Selbstverständnis, ihr Leben und ihre Zukunft zu zerschlagen, für die Hoffnung auf ein besseres danach.

Für die Abtrünnigen bedeutet das, je größer sie an Anzahl und Einfluss werden und damit die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolges erhöhen, desto größer wird die qualitative und quantitative Abwehr gegen sie sein. So lange die Werte dieser Gesellschaft bestehen, solange ist für die Abtrünnigen keine Mehrheit denkbar und damit auch keine grundlegende Änderung des Systems.

Die Veränderung eines grundsätzlichen Wertes wie des Geldes, der an Universalität und Einfluss weltweit seines gleichen sucht, Gesellschaften in ihrer Funktion trägt und formt, wird nicht die Folge einer vielleicht sogar kollektiven Einsicht sein. Ein derart etablierter und bestimmender Wert, ist das Produkt vieler Generationen gelebter Entwicklung und mit nahezu allen anderen unserer Werte verhängnisvoll verknüpft. Der Wert Geld ist Teil unserer eigenen kulturellen Evolution. Dieser Wert ist im Grunde die Fortsetzung des Feudalismus mit neuen Feudalherren und stellt sicherlich keine Weiterentwicklung in zivilisatorischer Hinsicht dar, aber er ist gegeben.

Um das finanztechnische Instrument Geld zu zerschlagenen, müssten zuerst die grundsätzlichsten und im Weiteren, alle daraus abgeleiteten Werte, in den Köpfen der Menschen verändert werden um so eine allgemeine Akzeptanz für den Wandel und die Etablierung eines Ersatzwertes zu schaffen. Eine Mammutaufgabe die sich im 20.ten Jahrhundert der Kommunismus in der Sowjetunion gestellt hatte und nach nahezu 80 Jahren daran zerbrach. Dennoch ist es eine Aufgabe, der es sich jetzt zu stellen gilt. Schließlich befinden wir uns bereits in der dritten Generation der Werteneugewinnung, die Anfang der 1960er Jahre begann und in den 68er Revolten ihren ersten Höhepunkt fand.

Die bestehende Geldkrise wird in diesem Wertesystem beendet werden. Dieses Wertesystem wird auch die Lösung für die Geldkrise bereit stellen, da es sich ansonsten selbst in Frage stellen würde. Es wird ein Kompromiss der beiden minderheitlichen aber machtvollen Akteure sein, der plakativ zur Beruhigung der Volksseele beide bluten lassen wird, jedoch bei gegenseitiger Bestandsgarantie. Die Lasten aus diesem Kompromiss wird die Gruppe tragen, über die einzig gemeinsam die Macht besteht sie zur Ertragung der Lasten zu zwingen. Die Bevölkerung. Aus Sicht dieser zwar hart und ungerecht, aber kein Totalverlust, der ihnen schon sicher gewesen schien, wenn sie den Abtrünnigen gefolgt wären.

Wirklich leiden in diesem Spiel, in dem sich die Finanzwelt und die Politik den Gesetzen des Machterhaltes folgend jegliche Regelwerke, Gesetze und Richtersprüche bricht, solange es dem Ziele dienlich zu sein scheint, sind jene die in diesem Geldsystem am wenigsten Systemrelevanz haben. Es sind die Armen und Kaufkraftschwachen. Dem folgend sind es auch immer zuerst die Sozialsysteme eines Staates, die geplündert oder zusammen gekürzt werden. Obwohl dies soziales Konflikte vermuten lassen würde, ist das am wenigsten systemgefährdend in einem Wertesystem der Besitzenden. Solche zu erwartenden Unruhen haben zwar eine insbesondere mediale Dramatik und erhöhen das kollektive Unrechtsempfinden, sind aber für ein Geldsystem strukturell nicht gefährdend, da die dann zu erwartenden Forderungen einer wütenden Mehrheit auf den gefühlten Ausgleich der bestehenden Not gerichtet sein werden und dieses durch das Geldsystem erbracht werden kann. Die Vergangenheit hat gezeigt, das der Wert des Geldes und das streben nach ihm, nach sozialen Unruhen oder Kriegen immer zunahm, ja sogar das zusammen gebrochene Geldsysteme (z.B. 1929) sich in nachfolgenden Zeiten sozialer Unruhe (z.B. die große Depression der 30er Jahre des 20.ten Jahrhunderts), sich regenerieren und neu strukturieren konnten.

Wir sehen einer Zeit entgegen, in der soziale Mindest-Standards in Frage gestellt und der Begriff Armut sowohl Quantitativ als auch Qualitativ, völlig neu definiert werden. Diesen Kampf werden die Besitzenden für sich entscheiden, da sie den eigentlichen Schlüssel ihrer Macht,  die Deutungshoheit über die Werte, in Händen halten. Die Folge wird eine noch dramatischere Öffnung der Besitzschere sein, die  einen minder privilegierten Teil der Bevölkerung zunehmend entrechtet. Entrechtet nicht durch die Wegnahme von Rechten, die ab einem gewissen Maße des Leidens einer Bevölkerung, für jede Regierung selbstmörderisch wäre, sondern durch Aufwertung des Besitzes und damit des Besitzenden und ihrer Privilegien.

Die Armen und Kaufkraftschwachen sind die einzigen, die durch das erduldete und noch zu erduldende Unrecht was ihnen geschieht, die Ausbeutung ihrer Existenz durch Arbeit um ihr Leben bezahlen zu können, die Legitimation haben, ein Unrecht durch eines neues zu ersetzen und eine Revolution zu wagen. Dieses Recht ist das Recht auf Notwehr und das einzige Recht welches das Unrecht gegen andere legitimiert. Aber auch diese Legitimität wäre temporär begrenzt.

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Existenzrechte

Grundrechte ergeben sich aus einem gesellschaftlichen Konsens und gelten innerhalb von Gesellschaften, die sich zu diesen verpflichtet haben. Sie sind von Gesellschaften abhängig und durch sie bedingt. Fälschlicher Weise sind viele Gesellschaften dazu über gegangen einige Rechte als Grundrechte zur gesellschaftlichen Disposition zu stellen. Es sind die Rechte auf Wasser, Nahrung, Bleibe und ein selbst bestimmtes Leben. Doch diese sind keine Grundrechte, es sind Existenzrechte und sie bestehen unabhängig und vorab allen gesellschaftlichen Grundrechten.

Alles was ist, hat aus sich heraus, allein durch das Sein, einen unveräußerlichen Wert in seiner Existenz, unabhängig des Bezuges auf, oder der Interaktion mit Anderem. Dies ist der Wert der Dinge an sich und als solcher, mit menschlichen Parametern, weder erfassbar noch benennbar.

Ein großer Teil der Menschheit besitzt kaum mehr als die Kleidung, die am Körper getragen wird und doch gibt es kein Wert, kein Gut und kein Stück Boden auf welches nicht irgendjemand einen Besitzanspruch erhebt, mehr noch die zwangsläufige Nutzung der meisten die kein Boden besitzen, sich bezahlen zu lassen. Es ist eine physische Zwangsläufigkeit auf dem Boden zu gehen, zu wohnen und leben zu müssen, der irgendjemanden gehört und mit Verpflichtungen belegt ist. Verpflichtungen, die für die allermeisten Menschen ein unabwendbarer Zwang und nicht das Ergebnis einer Zustimmung sind. Es ist eine Absurdität, dass dadurch, allein die physische Existenz eines Menschen Gebührenpflichtig ist. Jedes Tier, jede Pflanze hat einen Ort an dem es Leben kann und auch jedem Menschen steht ein solcher Ort zu. Das Natur gegebene Recht auf Leben, welches uns allen per Geburt verliehen wurde, macht wohnen zu einem Existenzrecht.

Nahezu eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten hungern oder dursten in Lebensgefahr, eine weitere Milliarde Menschen  hungert oder durstet regelmäßig und schätzungsweise weitere zwei Milliarden Menschen hungern oder dursten gelegentlich, auch in Europa und in Deutschland. Es ist mehr als die Hälfte der gesamten Menschheit die Hunger oder Durst kennt und sie hungern oder dursten nicht, weil keine Nahrung oder kein Wasser vorhanden wäre, sondern weil die Nahrung und das Wasser nur einigen wenigen gehört, die diesen Mangel mit Profit verwalten. Wie wollen wir einem hungernden Menschen, einem nach Wasser schreienden Tier erklären, das es ihnen nicht erlaubt ist zu essen und zu trinken, bevor dieses bezahlt wurde und weiter zu hungern und zu dursten, wenn sie nicht zu dem privilegierten Teil der Menschheit gehören, der über ausreichend Geld verfügt. Essen und trinken sind keine Sucht, kein Laster und schon gar kein Luxus. Essen und trinken ist eine biologische Notwendigkeit um die eigene Existenz zu erhalten. Was macht uns eigentlich glauben, das die reine Bewahrung vor dem Tod, Gebührenpflichtig sein muss, überhaupt sein darf? Jedes Tier, jede Pflanze und auch jeder Mensch hat den Willen und das Recht sein Leben zu erhalten. Nahrung und Wasser ist ein Existenzrecht.

Ein weiteres Recht gehört zu den Existenzrechten, als ein Mindestmaß zivilisatorischer Errungenschaft. Das Recht auf ein selbst bestimmtes Leben. Dieses Recht umfasst in erster Linie die Möglichkeit auf eine eigene, nicht fremdbestimmte Lebensgestaltung. Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit gehören hierzu, wobei Selbstbestimmung gegeben ist, wenn das eigene Leben betreffenden Entscheidungen frei und ohne Zwang, also ohne eine wirtschaftliche, rechtliche oder moralische Notwendigkeit, getroffen werden können und diese Eigenverantwortlich, also die Konsequenzen selbst tragend und verantwortend, getroffen werden. Dies beinhaltet auch immer, das Recht falsche Entscheidungen treffen zu können und Schaden an sich selbst zu nehmen, sowie das Recht am eigenen Sterben, als Konsequenz des eigenen Lebens. Weiterhin beinhaltet das Recht auf ein eigenes Leben, die Möglichkeit frei zu wählen, ob man an einer Gemeinschaft teilhaben möchte, oder eine andere wählt. Keine Gesellschaft hat das Recht die Teilnahme an ihr zu erzwingen, da jeder Zwang fremdbestimmt ist. Die Zwangsteilnahme in einer Gesellschaft mittels Geburt, nötigt unter das Regelwerk der Gesellschaft und ist somit die Fortsetzung der Sklaverei mit völkerrechtlichen Mitteln.

Existenzrechte können nicht verliehen werden, sie bedürfen weder einer Zustimmung noch einer Legitimation. Jede Einschränkung dieser Rechte ist ein Gewaltakt gegen das Leben und die Vorenthaltung der Existenzrechte sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Durchsetzung der Existenzrechte ist der vornehmste Anspruch an jede zivilisierte Gesellschaft und oberste Aufgabe jeder ernst zu nehmenden Regierungsform.

Welche Grundrechte eine Gesellschaft ihren Teilhabern einräumt ist das Ergebnis eines Prozesses des Widerstreites verschiedener Interessen innerhalb dieser. Die Durchsetzung der Existenzrechte ist dem entgegen nur einem Interesse geschuldet, dem Leben, es ist werde durch Gesellschaften gegeben noch auf sie beschränkt. So kann auch die Durchsetzung der Existenzrechte weder verurteilt noch geahndet werden, da sie keinen gesellschaftlichen Regeln unterliegt, von diesen nicht einmal erfasst werden können, da sie bereits vorab jeder gesellschaftlichen Regel gegeben sind.

Das in den meisten Gesellschaften fehlende Zugeständnis zur Unantastbarkeit von Existenzrechten, würde zwangsläufig zu zwei Alternativen führen.

Entweder die Freistellung des Bodens, des Wassers und der Nahrung zur freien Nutzung, was einem weltweiten Wirtschaftskollaps gleich käme und das Tor zu einer neuen Gesellschaft öffnen würde, oder aber man möchte ein solches Ereignis nicht einleiten, die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens und der weitgehenden Erhaltung des Wirtschaftssystems.

Durch die rasende Ausweitung der Missstände ist die Einleitung der Alternativen, nicht nur zwingend notwendig, sondern auch kurzfristig nötig.

Die Gesellschaft und ihr Dogma

Wir alle leben in einer Gesellschaft und akzeptieren diese als im Grunde unumstößlich gegeben. Diese uns eigene Sichtweise auf die Gruppe der Menschen die uns zugehören oder denen wir uns zugehörig fühlen wirkt stark einengend bei der Betrachtung innergesellschaftliche Probleme und äußerst sich insbesondere auf die Art, in der wir gesellschaftliche Probleme zu lösen versuchen. So setzen wir mit Problemlösungen innerhalb der Gesellschaft an und versuchen sie von innen heraus zu reformieren. Was aber wäre so falsch daran uns einzugestehen, dass die Denkweise die uns in ein Problem hinein geführt haben, Teil des Problems selbst sind und nicht geeignet uns aus den Problemen wieder heraus zu führen. Ist es tatsächlich so undenkbar Problemlösungen bereits vorab einer Gesellschaft zu denken und damit die Frage zu zulassen. Was ist überhaupt eine Gesellschaft und brauchen wir diese?

Eine der gängigsten soziologischen Definitionen ist: Gesellschaft ist eine räumlich begrenzte Anzahl von Personen, die als soziale Akteure, auf der Basis gemeinschaftlicher Wertedogmen direkt oder indirekt miteinander interagieren.

Angenommen diese Definition erklärt zumindest im Groben eine Gesellschaft, so sind gemäß dieser Definition die Grenzen eines Staates oder Staatenbundes, die räumliche Begrenzung und die interagierenden Akteure sind die innerhalb dieser Grenzen lebenden Völker.

Der wesentlichste Bestandteil einer Gesellschaft ist gemäß der Definition das Wertedogma. Es ist der zentrale Kern, die Wertebasis einer Gesellschaft, aus der sich alle weiteren Werte ergeben oder ableiten und daher niemals im Widerspruch zu seiner Gesellschaft, der sozial reglementierten Auslebung der Werte, steht. Da eine Gesellschaft, als Gemeinschaft der Vielen eine Quantität ist, verwundert es auch nicht, dass nicht die Qualität, sondern die Quantität bestimmend für die Frage nach den Wertedogmen ist. Die Frage ist also nicht: Was ist der höchste aller Werte, also das Optimum, sondern die Frage lautet: Was ist ein von allen gemeinsam anerkannter Wert, der an sich neutral genug ist, jeden und alles daran zu messen? Die Antwort auf die Frage nach dem Wertedogma einer Gesellschaft ist. Der Kompromiss auf der Basis des ersten gemeinsamen Nenners.

Aus der Frage nach dem Wertedogma heraus verdeutlicht sich weiterhin eines der größten Probleme von Gesellschaften. Die Suche nach dem ersten gemeinsamen Nenner, führt jede Gesellschaft in die Notwendigkeit, in gleichem Maße eine Anzahl von Werten aufzugeben, wie sie wächst, um einen Mindestkonsenz zu erhalten. Je größer eine Gesellschaft ist, desto wertloser ist sie.

Die Antwort auf die Frage nach dem Wertedogma lautet für die weitaus größte Anzahl aller existierenden Gesellschaften. Geld.

Geld ist weit mehr als ein Zahlungsmittel oder ein Machtinstrument. Unsere Gesellschaft, die Gesellschaft des Geldes führt uns tagtäglich die Universalität und Wirkung ihres Wertedogmas vor Augen. Wertvoll ist, was einen hohen Geldwert hat und wertlos, was einen geringen Geldwert hat. Wir selbst arbeiten einen großen Teil unseres Lebens um den Wert Geld zu erhalten und benötigen diesen Wert um unsere Existenz, unser Wohnen und unser Essen bezahlen zu können. Wir bemessen den sozialen Status von Menschen nach der Größe des Besitzes des Wertes Geld. Alles was auf diesem Planeten physisch existent ist, bemessen wir im Wert mit Geld. Verfehlungen gegen das Regelwerk, welches um das Wertedogma Geld entstand, werden mit dem Verlust des Wertes geahndet, sowie besondere Leistungen im Sinne des gesellschaftlichen Regewerkes mit Anhäufung des Wertes Geld belohnt werden. Die meisten Kapitalverbrechen drehen sich ums Geld und selbst ganze Gesellschaften opfern jegliche anderen Wert wenn sie für den Profit, raubend und mordend, ihre Kriege über den Globus ziehen. Selbst dann stellen die verfeinden Kriegsgegner, den gemeinsamen Wert Geld, nicht in Frage. So ist auch die nahezu unantastbare Position der Finanzeliten zu erklären, die als Wahrer und Hüter des heiligen Wertedogmas Geld, in den Stand der Hohepriester erhoben sind. Es ist ein Teil des Erfolgsrezeptes das Gesellschaften mit ihrem Wertedogma Geld, die primitivsten Emotionen, wie Neid, Gier und Habsucht zu ihrer Erhaltung bedienen und es ist folgerichtig, dass die so bedienten Emotionen die größten Probleme hervorrufen. Die Probleme die eine Gesellschaft hat, sind keine fehlgeleiteten Auswüchse die zu beheben wären, sondern sind der systembedingte Ausdruck einer Gesellschaft selbst. Diejenigen die sich von einer Gesellschaft abwenden, oder gegen sie opponieren tun dies oftmals nach dem sie ein neues Wissen über die Gesellschaft erhalten, etwas was auch zuvor schon Bestandteil der Gesellschaft war, aber um das sie nicht wussten. Sie verlassen nicht eine Gesellschaft, sie haben ihr nie angehört, da um ihr anzugehören sie den gemeinsamen Werten gefolgt sein müssten, was sie nicht konnten, da sie um sie nicht wussten. Jedoch ließ man sie glauben, Teil der Gesellschaft zu sein und bezieht aus diesem Irrglauben postum das Recht, über sie zu richten, da das was für Recht bestimmt wurde, nur innerhalb der Gesellschaft Anwendung findet.

Einer dieser Irrglauben ist, dass unsere freiheitlichen Rechte der Demokratie geschuldet sind. Die Demokratie ist jedoch nicht das Wesen einer Gesellschaft, sondern nur ihre Verwaltungsform. Jegliche Rechte, die die Teilhaber einer Gesellschaft für sich in Anspruch nehmen können, sind durch das gemeinsame Wertedogma bedingt und auch beschränkt. Unsere freiheitlichen Rechte sind nicht das Ergebnis von gelebter Demokratie, sondern die Folge einer zugestandenen Individualität zur Förderung der uneingeschränkten Freiheit des Konsums und damit eine größtmögliche Maximierung des Wertedogmas Geld verspricht. Daher ist auch die Annahme unsinnig, dass freiheitliche Rechte über ein von dem Wertedogma bedingtes Ausmaß hinaus, zu verwirklichen wären. Jede Gesellschaft hat ihre freiheitlichen Grenzen, die Grenze unserer Gesellschaft wird durch Geld bestimmt.

Das Wertedogma ist die Basis jeder Gesellschaft und die in Frage Stellung dieser Basis führt zwangsläufig zu der in Frage Stellung der Gesellschaft. Gesellschaften sind das Produkt der Wertedogmen und somit nicht veränderbar, solange ihr Grundwert nicht verändert wird.

Natürlich sind Gesellschaften auf der Basis anderer Wertedogmen möglich. Einige Modelle solche Gesellschaften, die nur wenig mit unserer gemein hätten, könnten auch die Lebensqualität der einzelnen Teilhaber erhöhen. Bedingung dafür wäre eine freiwillige Teilnahme und die Möglichkeit unter einer Vielzahl von Gesellschaften die zu wählen, die eine größt mögliche Deckungsgleichheit eigener Werte mit den Wertedogmen der Gesellschaft verspricht. Die Menschen hätten die Möglichkeit zwischen z.B. einer veganen, einer homosexuellen oder einer künstlerischen Gesellschaft zu wählen, wobei die Ausrichtungen der Gesellschaften nahezu unbegrenzt wären. Nicht nur räumlich wäre es dafür aber zwingend notwendig, das solche Gesellschaften möglichst klein wären, auch die Erkenntnis, das Gesellschaften an Qualität gewinnen, je kleiner sie werden, spricht für solche Microgesellschaften.

Microgesellschaften stehen in absolutem Widerspruch zu der jetzigen Gesellschaft, die den Gesetzen ihres Wertedogmas, den Gesetzen des freien, unbegrenzten und ewiglich expandierenden Marktes folgt und immer größere Gesellschaften mittels der wirtschaftlichen Globalisierung formt. Dem entsprechend heftig ist die Ablehnung, auch nur über die Möglichkeit nachzudenken. Angstschürend wird gegen die Entstehung solcher Microgesellschaften polemisiert, oftmals mit der einschüchternden Drohung des Verlustes, diese oder jene Errungenschaft der Gesellschaft, nicht mehr aufrecht erhalten können, oder bestimmte Ziele nicht mehr zu erreichen wären.

Diesem Argument wäre Recht zu geben, wenn man Unumstößlichkeit dieser Gesellschaft zu Grunde legt, innerhalb der grundsätzliche Veränderungen zum Zusammenbruch führen würden und außer acht lässt, dass gerade diese Errungenschaften und Ziele Teil der Probleme sind, derer Überwindung für uns als Kultur und vielleicht auch als Rasse, von so schicksalhafter Bedeutung sind.

Die Realitäten die uns umgeben, zwingen uns neue Wege zu gehen, die auf neuen Werten beruhen müssen, da unsere alten Werte und ihre Gesellschaften, uns überhaupt erst hierhin geführt haben. Neue Werte bedeuten aber auch neue Gesellschaften. Wie viel Zerstörung und Leid dieser sterbende Molloch der Geldgesellschaft noch anrichten wird, bevor er an seinen eigenen Grenzen verendet, ist auch eine Frage des Mutes den wir aufbringen müssten, um das zu beenden, von dem wir alle wissen, dass es beendet werden muss und dem Schrecken ein Ende bereiten, bevor es uns ein Schrecken ohne Ende bereitet.