Die Gesellschaft und ihr Dogma


Wir alle leben in einer Gesellschaft und akzeptieren diese als im Grunde unumstößlich gegeben. Diese uns eigene Sichtweise auf die Gruppe der Menschen die uns zugehören oder denen wir uns zugehörig fühlen wirkt stark einengend bei der Betrachtung innergesellschaftliche Probleme und äußerst sich insbesondere auf die Art, in der wir gesellschaftliche Probleme zu lösen versuchen. So setzen wir mit Problemlösungen innerhalb der Gesellschaft an und versuchen sie von innen heraus zu reformieren. Was aber wäre so falsch daran uns einzugestehen, dass die Denkweise die uns in ein Problem hinein geführt haben, Teil des Problems selbst sind und nicht geeignet uns aus den Problemen wieder heraus zu führen. Ist es tatsächlich so undenkbar Problemlösungen bereits vorab einer Gesellschaft zu denken und damit die Frage zu zulassen. Was ist überhaupt eine Gesellschaft und brauchen wir diese?

Eine der gängigsten soziologischen Definitionen ist: Gesellschaft ist eine räumlich begrenzte Anzahl von Personen, die als soziale Akteure, auf der Basis gemeinschaftlicher Wertedogmen direkt oder indirekt miteinander interagieren.

Angenommen diese Definition erklärt zumindest im Groben eine Gesellschaft, so sind gemäß dieser Definition die Grenzen eines Staates oder Staatenbundes, die räumliche Begrenzung und die interagierenden Akteure sind die innerhalb dieser Grenzen lebenden Völker.

Der wesentlichste Bestandteil einer Gesellschaft ist gemäß der Definition das Wertedogma. Es ist der zentrale Kern, die Wertebasis einer Gesellschaft, aus der sich alle weiteren Werte ergeben oder ableiten und daher niemals im Widerspruch zu seiner Gesellschaft, der sozial reglementierten Auslebung der Werte, steht. Da eine Gesellschaft, als Gemeinschaft der Vielen eine Quantität ist, verwundert es auch nicht, dass nicht die Qualität, sondern die Quantität bestimmend für die Frage nach den Wertedogmen ist. Die Frage ist also nicht: Was ist der höchste aller Werte, also das Optimum, sondern die Frage lautet: Was ist ein von allen gemeinsam anerkannter Wert, der an sich neutral genug ist, jeden und alles daran zu messen? Die Antwort auf die Frage nach dem Wertedogma einer Gesellschaft ist. Der Kompromiss auf der Basis des ersten gemeinsamen Nenners.

Aus der Frage nach dem Wertedogma heraus verdeutlicht sich weiterhin eines der größten Probleme von Gesellschaften. Die Suche nach dem ersten gemeinsamen Nenner, führt jede Gesellschaft in die Notwendigkeit, in gleichem Maße eine Anzahl von Werten aufzugeben, wie sie wächst, um einen Mindestkonsenz zu erhalten. Je größer eine Gesellschaft ist, desto wertloser ist sie.

Die Antwort auf die Frage nach dem Wertedogma lautet für die weitaus größte Anzahl aller existierenden Gesellschaften. Geld.

Geld ist weit mehr als ein Zahlungsmittel oder ein Machtinstrument. Unsere Gesellschaft, die Gesellschaft des Geldes führt uns tagtäglich die Universalität und Wirkung ihres Wertedogmas vor Augen. Wertvoll ist, was einen hohen Geldwert hat und wertlos, was einen geringen Geldwert hat. Wir selbst arbeiten einen großen Teil unseres Lebens um den Wert Geld zu erhalten und benötigen diesen Wert um unsere Existenz, unser Wohnen und unser Essen bezahlen zu können. Wir bemessen den sozialen Status von Menschen nach der Größe des Besitzes des Wertes Geld. Alles was auf diesem Planeten physisch existent ist, bemessen wir im Wert mit Geld. Verfehlungen gegen das Regelwerk, welches um das Wertedogma Geld entstand, werden mit dem Verlust des Wertes geahndet, sowie besondere Leistungen im Sinne des gesellschaftlichen Regewerkes mit Anhäufung des Wertes Geld belohnt werden. Die meisten Kapitalverbrechen drehen sich ums Geld und selbst ganze Gesellschaften opfern jegliche anderen Wert wenn sie für den Profit, raubend und mordend, ihre Kriege über den Globus ziehen. Selbst dann stellen die verfeinden Kriegsgegner, den gemeinsamen Wert Geld, nicht in Frage. So ist auch die nahezu unantastbare Position der Finanzeliten zu erklären, die als Wahrer und Hüter des heiligen Wertedogmas Geld, in den Stand der Hohepriester erhoben sind. Es ist ein Teil des Erfolgsrezeptes das Gesellschaften mit ihrem Wertedogma Geld, die primitivsten Emotionen, wie Neid, Gier und Habsucht zu ihrer Erhaltung bedienen und es ist folgerichtig, dass die so bedienten Emotionen die größten Probleme hervorrufen. Die Probleme die eine Gesellschaft hat, sind keine fehlgeleiteten Auswüchse die zu beheben wären, sondern sind der systembedingte Ausdruck einer Gesellschaft selbst. Diejenigen die sich von einer Gesellschaft abwenden, oder gegen sie opponieren tun dies oftmals nach dem sie ein neues Wissen über die Gesellschaft erhalten, etwas was auch zuvor schon Bestandteil der Gesellschaft war, aber um das sie nicht wussten. Sie verlassen nicht eine Gesellschaft, sie haben ihr nie angehört, da um ihr anzugehören sie den gemeinsamen Werten gefolgt sein müssten, was sie nicht konnten, da sie um sie nicht wussten. Jedoch ließ man sie glauben, Teil der Gesellschaft zu sein und bezieht aus diesem Irrglauben postum das Recht, über sie zu richten, da das was für Recht bestimmt wurde, nur innerhalb der Gesellschaft Anwendung findet.

Einer dieser Irrglauben ist, dass unsere freiheitlichen Rechte der Demokratie geschuldet sind. Die Demokratie ist jedoch nicht das Wesen einer Gesellschaft, sondern nur ihre Verwaltungsform. Jegliche Rechte, die die Teilhaber einer Gesellschaft für sich in Anspruch nehmen können, sind durch das gemeinsame Wertedogma bedingt und auch beschränkt. Unsere freiheitlichen Rechte sind nicht das Ergebnis von gelebter Demokratie, sondern die Folge einer zugestandenen Individualität zur Förderung der uneingeschränkten Freiheit des Konsums und damit eine größtmögliche Maximierung des Wertedogmas Geld verspricht. Daher ist auch die Annahme unsinnig, dass freiheitliche Rechte über ein von dem Wertedogma bedingtes Ausmaß hinaus, zu verwirklichen wären. Jede Gesellschaft hat ihre freiheitlichen Grenzen, die Grenze unserer Gesellschaft wird durch Geld bestimmt.

Das Wertedogma ist die Basis jeder Gesellschaft und die in Frage Stellung dieser Basis führt zwangsläufig zu der in Frage Stellung der Gesellschaft. Gesellschaften sind das Produkt der Wertedogmen und somit nicht veränderbar, solange ihr Grundwert nicht verändert wird.

Natürlich sind Gesellschaften auf der Basis anderer Wertedogmen möglich. Einige Modelle solche Gesellschaften, die nur wenig mit unserer gemein hätten, könnten auch die Lebensqualität der einzelnen Teilhaber erhöhen. Bedingung dafür wäre eine freiwillige Teilnahme und die Möglichkeit unter einer Vielzahl von Gesellschaften die zu wählen, die eine größt mögliche Deckungsgleichheit eigener Werte mit den Wertedogmen der Gesellschaft verspricht. Die Menschen hätten die Möglichkeit zwischen z.B. einer veganen, einer homosexuellen oder einer künstlerischen Gesellschaft zu wählen, wobei die Ausrichtungen der Gesellschaften nahezu unbegrenzt wären. Nicht nur räumlich wäre es dafür aber zwingend notwendig, das solche Gesellschaften möglichst klein wären, auch die Erkenntnis, das Gesellschaften an Qualität gewinnen, je kleiner sie werden, spricht für solche Microgesellschaften.

Microgesellschaften stehen in absolutem Widerspruch zu der jetzigen Gesellschaft, die den Gesetzen ihres Wertedogmas, den Gesetzen des freien, unbegrenzten und ewiglich expandierenden Marktes folgt und immer größere Gesellschaften mittels der wirtschaftlichen Globalisierung formt. Dem entsprechend heftig ist die Ablehnung, auch nur über die Möglichkeit nachzudenken. Angstschürend wird gegen die Entstehung solcher Microgesellschaften polemisiert, oftmals mit der einschüchternden Drohung des Verlustes, diese oder jene Errungenschaft der Gesellschaft, nicht mehr aufrecht erhalten können, oder bestimmte Ziele nicht mehr zu erreichen wären.

Diesem Argument wäre Recht zu geben, wenn man Unumstößlichkeit dieser Gesellschaft zu Grunde legt, innerhalb der grundsätzliche Veränderungen zum Zusammenbruch führen würden und außer acht lässt, dass gerade diese Errungenschaften und Ziele Teil der Probleme sind, derer Überwindung für uns als Kultur und vielleicht auch als Rasse, von so schicksalhafter Bedeutung sind.

Die Realitäten die uns umgeben, zwingen uns neue Wege zu gehen, die auf neuen Werten beruhen müssen, da unsere alten Werte und ihre Gesellschaften, uns überhaupt erst hierhin geführt haben. Neue Werte bedeuten aber auch neue Gesellschaften. Wie viel Zerstörung und Leid dieser sterbende Molloch der Geldgesellschaft noch anrichten wird, bevor er an seinen eigenen Grenzen verendet, ist auch eine Frage des Mutes den wir aufbringen müssten, um das zu beenden, von dem wir alle wissen, dass es beendet werden muss und dem Schrecken ein Ende bereiten, bevor es uns ein Schrecken ohne Ende bereitet.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Die Gesellschaft und ihr Dogma”

  1. „Nicht weil es schwer (unmöglich) ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer (unmöglich)“ nach Seneca
    In sämtlichen Bereichen und Themen von Foren und Blogs stelle ich aber immer wieder fest, dass man sich unheimlich viele Gedanken zu Lösungsansätzen bzgl. der auftretenden Krisen und Probleme macht. Allerdings stelle ich auch fest, dass man sich überall in erster Linie stets mit den Wirkungen, den Symptomen befasst und auseinander setzt und hierfür Lösungsvorschläge und Korrekturen anbietet. Jetzt will ich diese Sichtweisen und damit verbundenen Lösungsvorschläge nicht generell als abwegig oder falsch bezeichnen. Aber…und dies ist m. E. ausschlaggebend; diese Lösungsansätze bieten stets und immer wieder nur scheinbare Verbesserungen und Lösungen für eine, an sich zum Scheitern verurteilte „Krankheit“. Es sind System bedingte Korrekturen, welche aber immer dem System dienen und damit auch zu keiner wahrhaften Lösung führen können. Wenn das System selbst Verursacher der Probleme ist, wie soll dann der Verursacher seine selbst geschaffenen Probleme und Krisen lösen, wenn er doch durch seinen ureigenen Sinn und seine daraus resultierenden Erkenntnisse genau zu den – ständig durch Überdenken und Eingriffe in das vorherrschende System korrigierende Maßnahmen, also letztlich nur dem Befassen mit dem System an sich – Problemen und Krisen geführt hat?
    Angst regiert die Welt.
    Es ist nicht das Geld, es sind nicht die Regierungen, es sind nicht die von – sich dazu berufen fühlenden – Menschen geschaffenen Gesetze und Rechtsanschauungen; sondern es ist die pure Angst!
    Die Angst zu wenig oder nur ungenügend Geld zur Verfügung zu haben; die Angst, nicht an der Regierung und damit an der Macht zu bleiben; die Angst, dass Recht und Gesetz – und die damit verbundenen Strafen – den Menschen einholen; Angst, die Zeit vergeudet, bzw. zu wenig davon zu haben; die Angst vor Wirtschafts- und Finanzkrisen; die Angst vor Kriegen, usw. usw.
    Die „Mächtigen“ haben Angst, ihre Macht zu verlieren. Die „Ohnmächtigen“ haben Angst, von den Mächtigen unterdrückt und ausgebeutet zu werden. Und Alle haben Angst, dass ihnen die Zeit für ihre jeweiligen Vorhaben nicht reichen könnte. Diese Sichtweise scheint auch gerechtfertigt, wenn man sich die Welt und die Geschichte der Menschheit und dessen Dasein betrachtet.
    Aber hat die Angst jemals nur im Geringsten zu einer wahrhaften Lösung beitragen können?! Man müsste doch meinen, dass man – gerade auf Grund der Angst und deren Erfahrungen – gelernt hat, dass und was Angst bewirkt?

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