Profiteure und Verlierer


Kaum jemand versteht in vollem Umfang die Mechanismen und absurden Möglichkeit des Finanzkapitalismus. Auch unsere Regierungen nicht, trotz aller Versuche der Gesicht wahrenden und gegenteiligen Darstellungen. Zwar mühen sie sich, einen roten Faden für ihr Handeln zu finden und bemühen ganze Heerscharen von Analytikern und vermeintlichen Fachleuten, müssen jedoch immer wieder aufs neue feststellen, dass die Finanzjongleure ihnen immer einen Schritt voraus sind, in dem undurchdringbaren Dickicht finanztechnischer Gaukeleien.

Die Interessen der einstmals an einem Strang ziehenden Hauptakteure stehen sich konträr gegenüber seitdem, auch durch eine fehlgeleitete Politik, einer der beiden, hier die Finanzwelt für sich erkannte, wie leicht es ist exorbitante Gewinne zu realisieren, bei gleichzeitig nahezu vollständiger Abwälzung der Risiken, auf den anderen, die Politik und in Folge dessen auf jeden einzelnen Teilhaber an dem Geldsystem. Die Regierungen, die einstmals ebenso maßlos an den Gewinnen partizipieren durften, fühlen sich von dem warmen Geldregen abgekoppelt und müssen nunmehr ihren Bevölkerungen erklären, warum diese immer mehr für ein System bezahlen müssen, von dem sie nicht mehr profitieren. Solche Belastungen sind unpopulär, gefährden einstmals sicher geglaubte Mehrheiten und führen zu politischen Verwerfungen, die eine etablierte Politik nicht hinnehmen kann, wenn sie nicht grundsätzlich ihren eigenen Machterhalt gefährden will. Die Zeit der beruhigenden Geschenke an die Wähler, des billigen Kaufes der eigenen Macht ist vorbei. Zwangsweise sieht sich die Politik mit den Realitäten konfrontiert. Realitäten, die sich nicht verändert haben, die von der Politik so gewollt wurden, unter den neuen Vorzeichen aber nicht mehr profitabel für die Politik sind. Die Macht des Geldes hat der Politik ihre Machtlosigkeit gezeigt und den Kampf vorerst gewonnen. Ein Kampf der eigentlich schon entschieden war, als die beiden Akteure miteinander antraten, um die Welt unter sich aufzuteilen. Entschieden durch die Naivität der Politiker, die sich durch Geldgeschenke blenden ließen und nicht Fragen wollten, wie dieses Geld eigentlich generiert wurde, solange sie davon profotierten. Diese „Nach mir die Sintflut“ Mentalität, war bezeichnend für die Politprominenz gegenüber der Finanzwelt, in den letzten zwanzig Jahren.

Nun ist alles anders. Der ehemalige Verbündete ist zum neuen Feind erklärt worden und der Einfachheit halber, gleich mit alle Fehlern der Vergangenheit belastet. Die eigenen Hände in Unschuld waschend, versucht die Politik nun, zu retten was zu retten ist. Diese Rettungsversuche sind dem neuen Feindbild angepasst und folgen dem großen Ziel, der unbedingten Erhaltung der Strukturen, zur Erhaltung der bestehenden Machtverhältnisse. Es wäre naiv zu glauben, dass die Politik sich generell in der gleichen machtlosen Position, wie gegenüber dem Finanzmarkt, befindet. Ihre Macht ist auch weiterhin gegeben, zwar nicht in Hinsicht auf die Akteure des Finanzkapitalismus, jedoch auf die eigenen Bevölkerungen. Folgerichtig versucht die Politik auch nicht die Finanzjongleure zu Rechenschaft zu ziehen, diese Mitursache befindet sich außerhalb des Machtbereiches der Politik, sie versucht die Symptome zu mildern und Lösungen zu etablieren, auf den Feldern, in denen sie Macht hat, der Gesellschaften und ihren Bevölkerungen. Zwangsläufig muss nun der einzig unter den Machtstrukturen der Politik verbleibende Beteiligte, zur Lösung der Strukturkrise heran gezogen werden. Einer Krise die nur an einem krankt, dem Geld und daher auch nur mit einem zu heilen ist, mit Geld. Zumindest solange wie man die grundsätzlichen Strukturen nicht in Frage stellen möchte, was die Politik mit Sicherheit nicht wird, da eine solche Infragestellung, einer Infragestellung ihrer selbst gleich käme. Daher ist es auch irrelevant ob und wann dieses Geldsystem aus sich heraus kollabiert, da Systeme unbegrenzten Wachstums, innerhalb geschlossener Systeme nun einmal nicht funktionieren. Das eigentlich bereits unter gehende Geldsystem hat einen Befreiungsschlag vollbracht. Abzulesen ist dieser an dem Bruttoinlandsprodukt der Ländern, bei welchem der durch Dienstleistungen erbrachte Mehrwert seit einigen Jahren beständig wächst. Die Dienstleistungsgesellschaft ist die Lösung gegen ausgehenden natürlichen Ressourcen, so ist der Glaube der Politik, da diese Ressource geeignet scheint, den wegbrechenden Mehrwert aus den natürlichen Ressourcen zu kompensieren. Die Ausbeutung des Menschen wird von einem geduldeten Nebeneffekt zu einer System relevanten Ressource.  Solange die vorhandenen Strukturen wirken, würde ein Zusammenbruch des Geldsystems schlicht ignoriert und der Glanz durch immer neue Finanzgaukeleien erhalten werden. Wenn zwei Spieler sich einig sind und einfach weitermachen, lassen sich Fakten lange vertuschen, wenn es einen Dritten gibt, der sich zum füllen der aufgerissenen Lücken auspressen lässt.

Viele haben dieses bereits erkannt und hoffen auf einen generellen Neustart. Ein Neustart mit Hilfe eines neuen und gerechten Währungssystems, welches zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, nicht auf der Mittellosigkeit und Armut einer breiten Masse basieren würde. Die Euphorie die diese Gruppe der Abtrünnigen trägt, wird zum einen durch die bestechende Richtigkeit ihrer Erkenntnis und zum anderen aus dem gefühlten Zuspruch einer breiten Masse, genährt. Sich diesen Zuspruchs sicher zu fühlen, ist jedoch zumindest eine gutgläubige Sichtweise auf die breite Masse der Bevölkerung. Es besteht ein eklatanter Unterschied für die meisten Menschen innerhalb der Bevölkerung, eine offensichtliche Fehlentwicklung als Lippenbekenntnis zu kritisieren und dem gegenüber der tatsächlichen Zustimmung zur Zerschlagung des etablierten Geldsystems. Dieser Unterschied besteht in der Zustimmung zu einer theoretischen Möglichkeit und dem tatsächlichen erleiden der Konsequenzen, die zwangsläufig wären. Diese Zwangsläufigkeit ist dem Großteil der Menschen bewusst. Da ihnen jedoch die Komplexität eines solchen Ereignisses Angst macht und etwaige positive Folgen daraus den meisten zu abstrakt bleiben, bewerten sie die möglichen Ereignisse an ihren persönlichen Umständen.

Geld ist seinem Sinne nach ein positiver Wert und wird von den Menschen auch so verstanden. Obwohl dies einen der folgenschwersten Irrglauben der menschlichen Geschichte darstellt, ist es eine unabwendbare Tatsache. Geld hat ihnen ihren schönen Mittelklassekombi beschert und auch ihr Häuschen ist Geld Wert. Geld ist die Belohnung ihrer Arbeit, gibt ihnen Sicherheit und einen verdienten Urlaub auf Mallorca. Ihre Rente ist Geld und damit ihre Zukunft.

Die Infragestellung von Geld, ist die Infragestellung der wichtigsten Werte der Menschen. Es wäre naiv zu glauben, den Willen einer Gesellschaft dazu zu erhalten, ihr Selbstverständnis, ihr Leben und ihre Zukunft zu zerschlagen, für die Hoffnung auf ein besseres danach.

Für die Abtrünnigen bedeutet das, je größer sie an Anzahl und Einfluss werden und damit die Wahrscheinlichkeit ihres Erfolges erhöhen, desto größer wird die qualitative und quantitative Abwehr gegen sie sein. So lange die Werte dieser Gesellschaft bestehen, solange ist für die Abtrünnigen keine Mehrheit denkbar und damit auch keine grundlegende Änderung des Systems.

Die Veränderung eines grundsätzlichen Wertes wie des Geldes, der an Universalität und Einfluss weltweit seines gleichen sucht, Gesellschaften in ihrer Funktion trägt und formt, wird nicht die Folge einer vielleicht sogar kollektiven Einsicht sein. Ein derart etablierter und bestimmender Wert, ist das Produkt vieler Generationen gelebter Entwicklung und mit nahezu allen anderen unserer Werte verhängnisvoll verknüpft. Der Wert Geld ist Teil unserer eigenen kulturellen Evolution. Dieser Wert ist im Grunde die Fortsetzung des Feudalismus mit neuen Feudalherren und stellt sicherlich keine Weiterentwicklung in zivilisatorischer Hinsicht dar, aber er ist gegeben.

Um das finanztechnische Instrument Geld zu zerschlagenen, müssten zuerst die grundsätzlichsten und im Weiteren, alle daraus abgeleiteten Werte, in den Köpfen der Menschen verändert werden um so eine allgemeine Akzeptanz für den Wandel und die Etablierung eines Ersatzwertes zu schaffen. Eine Mammutaufgabe die sich im 20.ten Jahrhundert der Kommunismus in der Sowjetunion gestellt hatte und nach nahezu 80 Jahren daran zerbrach. Dennoch ist es eine Aufgabe, der es sich jetzt zu stellen gilt. Schließlich befinden wir uns bereits in der dritten Generation der Werteneugewinnung, die Anfang der 1960er Jahre begann und in den 68er Revolten ihren ersten Höhepunkt fand.

Die bestehende Geldkrise wird in diesem Wertesystem beendet werden. Dieses Wertesystem wird auch die Lösung für die Geldkrise bereit stellen, da es sich ansonsten selbst in Frage stellen würde. Es wird ein Kompromiss der beiden minderheitlichen aber machtvollen Akteure sein, der plakativ zur Beruhigung der Volksseele beide bluten lassen wird, jedoch bei gegenseitiger Bestandsgarantie. Die Lasten aus diesem Kompromiss wird die Gruppe tragen, über die einzig gemeinsam die Macht besteht sie zur Ertragung der Lasten zu zwingen. Die Bevölkerung. Aus Sicht dieser zwar hart und ungerecht, aber kein Totalverlust, der ihnen schon sicher gewesen schien, wenn sie den Abtrünnigen gefolgt wären.

Wirklich leiden in diesem Spiel, in dem sich die Finanzwelt und die Politik den Gesetzen des Machterhaltes folgend jegliche Regelwerke, Gesetze und Richtersprüche bricht, solange es dem Ziele dienlich zu sein scheint, sind jene die in diesem Geldsystem am wenigsten Systemrelevanz haben. Es sind die Armen und Kaufkraftschwachen. Dem folgend sind es auch immer zuerst die Sozialsysteme eines Staates, die geplündert oder zusammen gekürzt werden. Obwohl dies soziales Konflikte vermuten lassen würde, ist das am wenigsten systemgefährdend in einem Wertesystem der Besitzenden. Solche zu erwartenden Unruhen haben zwar eine insbesondere mediale Dramatik und erhöhen das kollektive Unrechtsempfinden, sind aber für ein Geldsystem strukturell nicht gefährdend, da die dann zu erwartenden Forderungen einer wütenden Mehrheit auf den gefühlten Ausgleich der bestehenden Not gerichtet sein werden und dieses durch das Geldsystem erbracht werden kann. Die Vergangenheit hat gezeigt, das der Wert des Geldes und das streben nach ihm, nach sozialen Unruhen oder Kriegen immer zunahm, ja sogar das zusammen gebrochene Geldsysteme (z.B. 1929) sich in nachfolgenden Zeiten sozialer Unruhe (z.B. die große Depression der 30er Jahre des 20.ten Jahrhunderts), sich regenerieren und neu strukturieren konnten.

Wir sehen einer Zeit entgegen, in der soziale Mindest-Standards in Frage gestellt und der Begriff Armut sowohl Quantitativ als auch Qualitativ, völlig neu definiert werden. Diesen Kampf werden die Besitzenden für sich entscheiden, da sie den eigentlichen Schlüssel ihrer Macht,  die Deutungshoheit über die Werte, in Händen halten. Die Folge wird eine noch dramatischere Öffnung der Besitzschere sein, die  einen minder privilegierten Teil der Bevölkerung zunehmend entrechtet. Entrechtet nicht durch die Wegnahme von Rechten, die ab einem gewissen Maße des Leidens einer Bevölkerung, für jede Regierung selbstmörderisch wäre, sondern durch Aufwertung des Besitzes und damit des Besitzenden und ihrer Privilegien.

Die Armen und Kaufkraftschwachen sind die einzigen, die durch das erduldete und noch zu erduldende Unrecht was ihnen geschieht, die Ausbeutung ihrer Existenz durch Arbeit um ihr Leben bezahlen zu können, die Legitimation haben, ein Unrecht durch eines neues zu ersetzen und eine Revolution zu wagen. Dieses Recht ist das Recht auf Notwehr und das einzige Recht welches das Unrecht gegen andere legitimiert. Aber auch diese Legitimität wäre temporär begrenzt.

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2 Kommentare zu “Profiteure und Verlierer”

  1. Am treffendsten hat Peter de Polnay diesen Begriff definiert:“Geld ist ausschließlich das Mittel, nicht an Geld denken zu müsen.“ Geld ist Freiheit in barer Münze, es versetzt uns in die Lage, das Leben intensiver zu genießen.
    Wer jedoch nach Reichtum strebt, um zu Ansehen und Macht zu gelangen, den erwartet ein erbärmliches Leben. Er wird nie genug davon haben, und es wird immer Leute geben, die reicher sind als er. Das Ansehen, das er erwirbt, ist begrenzt.
    Denen, die Geld ausschließlich als Mittel betrachten, um ein unabhängiges Leben zu führen, wird er nicht imponieren können, und sein Einflussbereich wird sich auf Leute beschränken, die so denken wie er.

  2. ” Geld ist Freiheit in barer Münze, es versetzt uns in die Lage, das Leben intensiver zu genießen.“
    »:«
    Wie sagte Janis Joplin doch so treffend.: „Freedom is just another word for nothing left to lose.“ Ins Deutsche einigermassen brauchbar uebersetzt mit .: Freiheit ist nur ein anderes Wort dafuer keine Verlustangst mehr zu haben.-. Nichts mehr zu verlieren zu haben.
    Ich sage.: Freiheit ist nur ein anderes Wort dafuer ohne Angst in der Wahrheit zu sein.!
    Freiheit erfordert mehr als Materialismus.
    Gustav.

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