Causa Wulff


Christian Wulff

Der Bundespräsident hat gelogen, sich entschuldigt und nun dem Sender seiner Wahl ein öffentliches Interview gegeben. Er tat gut daran ARD und ZDF zu wählen, da die Wahl einer privaten Anstalt für sein Amt unangemessen und das Interview einer öffentlichen Demontage gleich gekommen wäre. Vermutlich wollte er das Interview dazu nutzen, sich von den Vorwürfen zu befreien. Dieser Versuch und sein vorheriges Verhalten machten jedoch deutlich, wie weit sich unsere Politiker und die Bevölkerung beinahe unbemerkt, in den letzten Monaten voneinander entfernt haben.

Nichts war während des Interviews von der staatstragenden Würde vorheriger Präsidenten zu fühlen. Zu sehen war ein zutiefst verunsicherter Mann, der krampfhaft versuchte offen zu wirken und dem dennoch anzusehen war, dass er im Grunde gar nicht versteht, wofür er hier an den Pranger gestellt wurde.

Diese Sichtweise ist nur zu erklären, wenn man die Entwicklungen innerhalb des politischen Bewusstseins dieser Bevölkerung innerhalb der letzten Monate außer Acht lässt. Es ist nur ein Jahr her, da war das, was ihn nun heute straucheln lässt, Teil einer durchaus normalen Handlungsweise von Politikern, das zwar auch seinerzeit nicht an die große Glocke gehängt, aber zumindest geduldet wurde. Ich erinnere hier insbesondere an Herrn Kohl, dessen leichtfertiger Umgang mit Geld und Gönnern sprichwörtlich war und der dafür bekannt war, dass er ihm missliebige Zeitgenossen gerne telefonisch „auf Linie brachte.“ Mit einigen Verlagshäusern, die bei ihm in Ungnade gefallen waren, sprach Herr Kohl aus Prinzip nicht und eine ganze Generation von Journalisten, fürchtete seine redaktionelle Einflussnahme. Dieser Umgang mit der Presse, prägte bis vor gar nicht so langer Zeit, das Verhältnis zwischen Regierungsmitgliedern und Pressevertretern.

Aus dieser politischen Generation stammt auch Herr Wulff. In ihr entwickelte er seine Sicht der Dinge, die ihm heute wohl zum Verhängnis wird, da er die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat. Wäre er der Präsident des Volkes, der er so vollmundig sein wollte, dann hätte er bemerkt, was sich im Volke verändert hat. Diese Erkenntnisse sind jedoch nicht durch die Sicherheitszonen und Mauern des Schloss Bellevue gedrungen.

Es sind die Erkenntnisse, die das Volk aus den Ereignissen des letzten Jahres gezogen hat. Ein kollabierendes Wirtschaftssystem, eine nicht enden wollende Kette von Vertröstungen und offensichtlichen Unwahrheiten, haben jeglichen Vertrauenskredit gegenüber der Politik aufgelöst. Die Politiker Europas müssen heute wissen, das sie sich keinen Fehler mehr erlauben können, das es keinen Politikerbonus mehr gibt. In einer Mehrheit der Bevölkerung herrscht die Meinung vor, dass Politiker lügen und das sie alles unternehmen dieses zu vertuschen. Ein Volk das derart fokussiert darauf ist die Lügner der Lüge zu überführen, wird sobald die Lüge offensichtlich wird, keine Gnade mehr walten lassen. Hätte Herr Wulff die Größe gehabt ein Bundespräsident zu sein, hätte er das wissen müssen.

Herr Wulff ist jedoch die benahe tragische Gestalt eines Provinzpolitiker der sich von seiner Kanzlerin in viel zu große Schuhe hat stellen lassen, um einen Bürgerrechtler, der der Kanzlerin noch weniger gefiel, als Bundespräsidenten zu verhindern.

Seine Mittelmäßigkeit ist sein Verhängnis und die zeigte sich schon bei seiner Wahl. Durch seinen relativen Erfolg als Landesfürst war er ins Visier von Frau Merkel geraten und diese Aufmerksamkeit der Kanzlerin, als möglicher Konkurrent auf etwaige Machtansprüche innerhalb der CDU, endet für gewöhnlich im politischen Freitot. Das wusste Herr Wulff, da er es im Laufe der letzten Jahre immer wieder beobachten konnte. Der plötzliche Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler bot die Möglichkeit weg befördert zu werden. Für Herrn Wulff ein sehr willkommener Umstand, konnte er doch seine politische Karriere fortsetzen, ohne der Kanzlerin ins Gehege zu kommen und auch Frau Merkel wusste die Situation zu nutzen um sich eines potentiellen Konkurrenten zu entledigen und gleichzeitig den von ihr ungeliebten Wunschkandidaten der Bevölkerung zu verhindern. Beide entschieden sich das Wahldebakel der Bundesversammlung zu ignorieren und zu hoffen, dass die Personalie Bundespräsident durch Sprachlosigkeit ausgefüllt werden könnte.

Das Herr Wulff nicht nur eine Schwäche für das Amt hatte, sondern auch das Amt durch ihn schwächelte, viel dann auch sehr bald der BILD auf, die schon bald, wenig respektvoll gegenüber dem Amt und provokativ in Wulffs Vergangenheit herum wühlte. Doch die Recherchen der BILD förderten nichts zu Tage, was einem Bundespräsidenten hätten gefährlich werden können. Einem Bundespräsidenten wohl nicht, Herrn Wulff aber schon, da er mit wenig präsidialer Würde, dünnhäutig auf Berichterstattungen reagiert. Das angeschlagene Nervenkostüm und die fehlende präsidiale Souveränität werden auch weiterhin dafür sorgen, dass der BILD Redaktion die Munition gegen Wulff nicht ausgeht und das ist keine Verfehlung der BILD, sondern die Schwäche des Präsidenten.

Herr Wulff hat Recht, wenn er sagt, dass dieses Land einen starken Präsidenten braucht. Die einzige Stärke die ein Bundespräsident gemäß seinem verfassungsrechtlichen Auftrag haben kann, ist seine moralische Integrität und seine persönliche Souveränität. Diese Stärke macht einen guten Bundespräsidenten aus. Herr Wulff hat insbesondere durch sein Interview bewiesen, das er beides nicht hat.

So hängt sein Schicksal nun wieder von der Kanzlerin ab. Sollte sie hinter den Kulissen eine Einigung mit der Opposition, über einen neuen Präsidentschaftskandidaten erzielen, wird sie sicher öffentlichkeitswirksam das mangelnde Vertrauen zu Herrn Wulff erkennen und dieser wird gehorsam abdanken.

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