Anders Breivik und die Presse


Anders Breivik hat 77 Menschen getötet. Aus diesem Grund steht er nun vor Gericht. Fast ebenso wie seine Tat findet nun sein Prozess das internationale mediale Interesse. Doch der Umgang mit diesem Prozess wirft ein fragwürdiges Licht auf die Presse.

Eine strafbare Handlung begeht, wer den gesetzlichen Tatbestand erfüllt und dabei rechtswidrig und schuldhaft handelt. Das ist in Norwegen ebenso wie in Deutschland. Die Erfüllung des Tatbestands ist unstreitig, insbesondere auch weil Breivik seine Tat gestanden hat. Das aber reicht nicht aus um eine strafbare Handlung begangen zu haben. Gleichwertig zur Tatbestandserfüllung kommen die Rechtswidrigkeit seiner Tat und seine Schuld. Bezüglich seiner Schuld liegen dem Gericht zwei unterschiedliche Gutachten vor und es bleibt abzuwarten, welcher gutachterlichen Einschätzung das Gericht folgen wird. Hält das Gericht ihn für schuldfähig, trägt er die volle Schuld für seine Tat. Folgt das Gericht der Einschätzung, dass er nicht schuldfähig sei, trägt er auch keine Schuld an der Tat und kann für sie weder verurteilt noch bestraft werden. Zum Schutze der Allgemeinheit würde er dann wohl in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Ungeklärt ist auch noch die Rechtswidrigkeit seiner Tat. Eine Rechtswidrigkeit liegt erst vor, wenn Breivik keine Rechtfertigungsgründe für seine Tat geltend machen kann. Notwehr, Nothilfe, Krieg oder übergesetzlicher Notstand wären solche Gründe, die ihm die juristische Rechtfertigung zu seiner Tat geben könnten. Auch in diesem Falle, hätte er keine strafbare Handlung begangen und wäre frei zu sprechen.

Für seinen Prozess gelten, sofern dieser rechtstaatlich sein soll, die Gleichheit vor dem Gesetz und die Möglichkeit seine Rechtfertigungsgründe vorzutragen. Für diese Rechtfertigung, die formaljuristisch ebenso wichtig ist wie seine Tatbeteiligung selber, hat er nun fünf Tage Zeit, sie dem Gericht vorzutragen. Gelingt es ihm während dieser Zeit nicht, das Gericht von der Rechtfertigung seiner Tat zu überzeugen, wird das Gericht ihn verurteilen.

Was aber wenn dieser unwahrscheinliche Fall eintritt. Unmöglich wäre das nicht einmal in diesem Fall und Breivik bemüht sich nach Kräften, diesen Fall eintreten zu lassen.

Wir Zuschauer des deutschen Fernsehens können uns zumindest keinen Eindruck von seinen Rechtfertigungsversuchen machen. Was diesen Mann bewegt hat 77 Menschen zu töten und was wir aus seiner Rechtfertigung für die Zukunft lernen könnten, um ähnliche Geschehnisse zu verhindern, wird uns verborgen bleiben.

Eine Zunft rechtschaffender Journalisten hat entschieden, dass uns dieses nicht zu zumuten sei. Die Medien filtern die Bilder, kürzen die Aussagen oder lassen sie gleich unter den Tisch fallen, weil so einem keine Bühne bereitet werden dürfe. Hier sei der Einwurf erlaubt, dass es sich nicht um eine Bühne handelt sondern um ein öffentliches Gerichtsverfahren, unter der Leitung erfahrener Richter, die sich zuvor sehr wohl Gedanken gemacht haben, ob dieser Prozess öffentlich oder nicht, stattfinden soll. Diese Richter sind mit dem Fall, den Einzelheiten und dem Täter vertraut und entschieden sich für eine öffentliche Verhandlung. In welcher Position glauben Journalisten zu sein, die gegen die Entscheidung des Gerichtes, diese Öffentlichkeit beschränken. Wie viel werden wir über die Beweggründe eines Mannes erfahren, der für diese 77 Menschen tötete? Wie viel Wahrheit wird man uns gönnen und wie viel Wahrheit hat man uns in der Vergangenheit schon nicht gegönnt?

Nachrichtensendungen des ersten und zweiten deutschen Fernsehens haben den Anspruch an sich objektiv und umfassend zu berichten. Wie viel Objektivität verbleibt eigentlich noch wenn Teile verschwiegen werden und wer maßt sich an zu entscheiden, was mir zu zumuten ist und was nicht? 3000 Tote an einem Tag aufgrund eines Massakers in Zentralafrika ist mir offensichtlich zu zumuten. Sind 77 Todesopfer eines Massakers in Norwegen schrecklicher? Wer glaubt, mir eine solche moralische Vorwertung geben zu können?

Mein Respekt gilt dem norwegischen Volk, welches schon nach dem Massaker und insbesondere durch diesen Prozess eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass eine in sich geschlossene demokratische Gesellschaft, mit jeder Wahrheit umgehen kann, egal wie tragisch sie ist, wenn sie diese nur bekommt.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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3 Kommentare zu “Anders Breivik und die Presse”

  1. Tja, die Presse … Diese schreckliche Tat passt sogar nicht in Demokratien, in unsere vermeintlichen Demokratien! Schuld ist insofern immer der Täter und was ist mit den Tätern, hinter den Tätern, dazu zählen wir letztlich alle …
    Die Presse dürfte wie immer heillos überfordert sein …

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