Individualismus oder Hierarchie


Hierarchie ist fester Bestandteil unseres Lebens. Wir begegnen ihr überall und die sich aus ihr ergebende Weisungshoheit ist das wesentlichste Bestimmungsmerkmal unseres Alltags.

Wir wachsen innerhalb familiärer Hierarchien auf und leben in hierarchischen Gesellschaften. Unser Leben ist geprägt von Verordnungen und Bestimmungen denen wir genügen oder Folge leisten müssen. Dieses Bestimmungen sind alle hierarchisch da wir uns ihnen unter zu ordnen haben. Verfehlungen gegen diese bedeuten Konsequenzen, ein untrügliches Zeichen unserer Unterordnung unter diese Bestimmungen. Hierarchien ergeben sich aus der Ungleichheit von Individuen direkt, oder den abgeleiteten Ansprüchen aus dieser Unterschiedlichkeit, es sind Rangordnungen die Führungsansprüche manifestieren. Diese Rangordnungen finden sich aber nicht nur in menschlichem Miteinander, sondern auch in der Flora und Fauna, sowie allen biotischen Kreisläufen. Es ist eines der natürlichen Prinzipien der Intra- oder Interaktion von Individuen.

Auch die Heterarchie, die vermeintliche Gleichstellung suggeriert und „Buttom up“ Entscheidungen zulässt ist hierarchisch, da sie Gleichstellung und Mitbestimmung nur partiell, innerhalb definierter Vorgaben und mit Zustimmung der hierarchisch Übergeordneten zulässt.

Unabhängig von diesem Interaktionsprinzip, ist jedes Wesen und so auch jeder Mensch ein Individuum. Auch diese Individualität ist Bestandteil unseres Seins und steht im Widerspruch zur Hierarchie. Nicht jedoch in einem ausschließenden Widerspruch, sondern in einem begrenzenden Widerspruch, der nicht zur Unmöglichkeit des einen oder des anderen führt sondern zu einem Miteinander dieser Prinzipien, die beide Einzelansprüche nach Durchsetzung der Individualität als auch der Hierarchie begrenzt. Diese Symbiose der Verwirklichung des Ichs und den Forderungen eines Wir, schafft erst die Möglichkeit als Individuum in einer Gemeinschaft zu Leben und sie ist wie jede Symbiose auf eine natürliche Ausgewogenheit angewiesen.

Menschlich konstruierte Hierarchien leiden an dem Fehlen dieser Ausgewogenheit, die sich aus drei Gründen ergibt.

Zum ersten ergeben sich diese Hierarchien nicht aus der Individualität des Einzelnen, die in einem Gemeinschaft der Vielen zu begrenzen ist, sondern folgen schlicht der Verwaltung von Vielen. Somit wird Individualität nicht als Bestandteil der Hierarchie empfunden, sondern als Ausschluss daraus.

Zum zweiten folgen diese Hierarchien nicht dem Überlegenheitsprinzip, welches sie für ein Individuum überhaupt erst akzeptabel macht, sondern dem Unterdrückungsprinzip und den Vorgaben von Machtkollektiven, so das als Ergebnis dann nicht der Stärkste führt, sondern die mächtigste Gruppe. Dies beschränkt die individuelle Forderung nach einem eigenen, zumindest theoretischen Führungsanspruch, der innerhalb des natürlichen Prinzips nur durch die individuellen Vorgaben und Möglichkeiten begrenzt wird, nicht aber durch eine fehlende Zugehörigkeit zum Machtkollektiv.

Zum dritten scheitern gesellschaftliche Hierarchien an ihren zu großen Ansprüchen. Die allumfassenden Ansprüche ergeben sich aus der Vielzahl der zu verwaltenden Teilnehmer und der sich daraus ergebenden Unmöglichkeit der Berücksichtigung des Einzelnen. Die fehlende Möglichkeit des Individuums als verschwindend kleiner Teil einer Masse, einen Kontakt zu der Rangordnung selbst zu haben oder auf diese Einwirken zu können, wird als fehlende Teilnahme empfunden, die zu einer Entfremdung gegenüber der Hierarchie und zu einer Stärkung der Individualität führt.

Hierarchie ist ein natürliches Prinzip, aber keines das sich unbegrenzt quantitativ erweitern lässt. Wir Menschen unterliegen den gleichen Grundvorgaben und unsere Entwicklung folgte den gleichen evolutionären Prinzipien, wie sie auch für alle anderen Tiere gelten. In der Überheblichkeit in der wir uns selbst in einer Sonderstellung sehen und in Folge der Ansprüche die wir aus dieser verzerrten Sichtweise ableiten, gewinnen wir die Einschätzung das natürliche Prinzipien und evolutionäre Vorgaben für uns keine Gültigkeit mehr hätten. Doch wir irren. Auch wir folgen den natürlichen Vorgaben, die unser Sein bestimmt und begrenzt. Es ist zu beobachten, das Hierarchien an die kognitive Entwicklung von Phänotypen gekoppelt ist. Je höher die kognitive Entwicklung einer Spezies ist, desto kleiner ist der Wirkungsgrad ihrer Hierarchie. Während bei Insekten die größten hierarchischen Gesellschaften zu finden sind, sind Fisch- und Vogelschwärme bereits deutlich kleiner. Bei Primaten finden sich nur noch kleine Gesellschaften und die hierarchischen Strukturen sind bereits so lückenhaft, dass jedes Individuum die Möglichkeit besitzt gegen die hierarchische Ordnung aufzubegehren, oder diese zu verlassen.

Hierarchien sind ein wichtiges Element unserer Entwicklung und sie haben auch zukünftig für uns eine Bedeutung. Unsere Entwicklung hat gezeigt, dass Hierarchien nicht im Widerspruch zur Individualität stehen, sondern die Entwicklung von Individualität unterstützen und mit zunehmender Individualität zurück treten. Sie sind auch heute noch für uns wichtig, aber nur analog unserer eigenen Entwicklung. Hierarchien sind für uns Menschen Rangordnungen untereinander, deren Teilnahme und Unterordnung unter ihre Strukturen wir aufgrund unserer kognitiven Fähigkeiten selbst bestimmen und so in ihnen einen Halt und eine Aufgabe finden.

Nach einer Periode in die seit dem Zeitalter der Aufklärung, die Formung von Gesellschaften unter der Maßgabe der individuellen Entwicklung des Einzelnen folgte, stehen wir heute vor einer gegenläufigen Entwicklung. Die Gesellschaften folgen nicht mehr den Bedürfnissen des Individuums, sondern den globalen Geld- und Warenflüssen. Hierarchien, die nur in der Überschaubarkeit ihrer Teilnehmer einen Bezug zur Individualität entwickeln, werden zunehmend abstrakt. Die Märkte fordern zunehmend die Bildung immer größerer Gesellschaften ein, um ihre Ziele zu verwirklichen. Europa ist ein Beispiel für eine solche geforderte Großgesellschaft und die Verwaltung solcher Ungetüme schafft Hierarchien, in den die Menschen keinen Bezug mehr zu sich selbst finden. Die dadurch immer weiter sich verbreitende Forderung nach direkter Demokratie, ist nicht weiter als der Wunsch der Teilhabe an einer Hierarchie und entsteht aus dem Empfinden, den Bezug zu dieser verloren zu haben. Dieser Forderung nach direkter Demokratie und damit einer überschaubaren Hierarchie ist nur im Kleinen möglich und steht im Widerspruch zu einer Großgesellschaft.

Solange keine hierarchischen Strukturen gegeben sind, die die Individualität des Einzelnen fördern und nur da eingreifen, wo seine Individualität nicht ausreichend für ein selbst bestimmtes und eigenverantwortliches Leben ist, solange sind Hierarchien als widernatürlich abzulehnen. Dort wo wir aber auf Hierarchien treffen, in denen wir durch die Interaktion mit den Einzelnen, eigene Führungsansprüche begründen, oder die anderer bewusst akzeptieren können, wird nicht nur unsere Individualität gewahrt, sondern auch der uns schützende Sinn der Hierarchie selbst.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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Veröffentlicht von

Heinz Sauren

Sozialanthropologie und Gesellschaftskritik

3 Gedanken zu „Individualismus oder Hierarchie“

  1. !

    …es fiel mir immer leicht Führung durch Kompetenz anzuerkennen. Durch Sterne auf der Schulter nie…

    …und nun die Erklärung dazu.

    Danke Heinz Sauren für deine Seite.

  2. It is appropriate time to make some plans for the future and it is time to be happy. I have read this post and if I could I want to suggest you few interesting things or suggestions. Maybe you can write next articles referring to this article. I wish to read more things about it! dcaabgfaafca

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