Demokratie 2.0


Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, gab es eine Welt umspannende Ideologie. Das globale Geld- und Wirtschaftssystem des Kapitalismus, das selbst die unter sich vereinte, die es ablehnten. Ein System das nun an seinen eigenen Ansprüchen, nach unbegrenztem Wachstum und ewigen Fortschritt scheitert. Aus historischer Sicht sind wir die Privilegierten. Privilegiert den Untergang dieses Welt verschlingenden Giganten, als das wohl epochalste Ereignis der Menschheitsgeschichte miterleben zu dürfen, oder zu müssen. Die Folgen des uns bevor stehenden Kollaps der Weltwirtschaft, wird diese Welt, ihre Staaten und Völker und das Leben jedes Einzelnen grundlegend verändern. Einem Teil der Menschheit wird dieses Ereignis die Lebensgrundlage nehmen, einem anderen Teil wird es erst zu einer Lebensgrundlage verhelfen. Unser Verhalten vor und unsere Vorbereitung auf dieses Ereignis, wird die Weichen für unsere Zukunft stellen.

Dieses Ereignis wird mit absoluter Sicherheit eintreten und ergibt sich zwingend aus einem einzigen Argument. Systeme die allein für ihre Aufrechterhaltung, ein immerwährendes Wachstum brauchen – die Grundlage des Kapitalismus – können innerhalb nicht expansionsfähiger Systeme – in diesem Fall unsere Erde – nicht überleben.

Die von der Politik zur Beruhigung, teilweise vertretene These, der Markt brauche nicht weiter zu wachsen, ein immer mehr werde man Einhalt gebieten, ist eine bösartige Täuschung. Ein nicht wachsender Kapitalismus ist mehr als eine Unmöglichkeit, es ist ein Widerspruch in sich und ignoriert völlig den System relevanten Antrieb des Kapitalismus, seine Grundlage durch Zins und Mehrwert, die beide zwingend ein „mehr“ bedeuten.

Demokratien sind die Verwaltungsgesellschaften des Kapitalismus, die ihrem Grunde nach, Freiheiten ihren Bürgern gewähren. Jedoch nicht aus humanistischen Gründen, sondern um einen um einen maximalen Ertrag, durch ein Maximum an Freiheit des Konsums zu gewährleisten. Daher ist es innerhalb der bestehenden Demokratien auch nicht möglich, freiheitliche Rechte durch zu setzen, wenn diese marktwirtschaftlichen Forderungen entgegenstehen. Es ist uns viel zu lange vorgemacht worden, dass Demokratien etwas Eigenständiges wären, die autark und gegen den Kapitalismus existieren könnten. Eine Demokratie die das vermag, gibt es auf diesem Erdball nicht.

Durch die grundsätzliche und fatale Verwebung der vorliegenden Demokratien mit dem Kapitalismus, ist auch ihr überleben unmöglich und sie sind die Ersten, die ins Wanken geraten. Wir konnten bereits erleben, wie ehemals eiserne Grundsätze der Demokratie, mit Hilfe wirtschaftlicher Begründungen geopfert wurden. Das Aufbegehren der Menschen gegen den vollzogenen und gefühlten Demokratieverlust unterliegt jedoch noch immer der falschen Annahme, dass diese Demokratien von innen reformiert werden könnten. Alle aktuellen Demokratiebewegungen folgen dem zum scheitern verurteilten, hilflosen Wunsch, die Politik zu einer Richtungsänderung zu bewegen. Sie lassen sich blenden von kleinen Veränderungen die sie bewirken und sehen nicht, dass sie zu keinem Zeitpunkt eine Veränderung bewirkt haben, oder bewirken können, die eine grundsätzliche Richtungsänderung zur Folge hätte. Unsere Demokratie hat eine vorgegebene Richtung, sie ist Verwaltung und Vollzugsorgan der Marktwirtschaft, ohne die es sie nicht gäbe. Daher sind all diese Bemühungen sinnlos, da sie ein System reformieren wollen, was aufgrund seiner unlösbaren Bindung an den Geld- und Wirtschaftskreislauf, durch dessen bevorstehenden Kollaps, bereits selbst dem Untergang geweiht ist.

Dennoch ist es allein die Demokratie, die den Menschen ein freies und selbst bestimmtes Leben gewährleisten kann. Wir brauchen eine Demokratie, jedoch keine die wirtschaftlichen Interessen folgt, oder sich an Ideologien bindet. Um eine solche Demokratie zu erreichen, müssen wir Demokratie neu definieren. Wir müssen ihr grundsätzliches Wesen verstehen und uns von so manchem verabschieden, was uns an dieser Demokratie so einfach erschien, aber nur gegeben sein konnte, weil es ihr Ziel war unsere Bedürfnisse über zu befriedigen, aber nicht uns Freiheit zu gewähren. Wir werden lernen müssen, das Demokratie eine Aufgabe ist, der wir uns zu unserem eigenen Wohl stellen müssen und die viel von uns fordern kann. Freiheit kann man nun mal nicht kaufen und verschenkt wird sie auch nicht.

Woran aber erkennen wir, dass wir auf dem richtigen Weg, in eine Demokratie der Freiheit und Eigenverantwortung sind. Es ist nicht möglich das Bild einer perfekten Demokratie zu zeichnen, da es ein statisches Bild von ihr nicht geben kann. Sie ist etwas beinahe Lebendiges, das mit und an uns beständig wächst. Demokratie ist kein Ziel, sie ist ein Weg. Einzig ein paar wenige Grundzüge sind zu benennen und diese noch unter dem Vorbehalt nicht bessere zu kennen.

Demokratie ist nicht, wie uns gerne glauben gemacht wird, die Mitbestimmung des Volkes. Sie ist mehr, sie ist die Teilhabe des Volkes. Diese Teilhabe umfasst die Einbindung jedes Einzelnen in alle Entscheidungen, nicht erst zur Abstimmung über diese, sondern bereits bei der Informationsbeschaffung und Auswertung, sowie die Einbringung von persönlichen Wünschen und Bedürfnissen. Ein Ausschluss des Volkes von diesem Prozess und sei es auch nur teilweise, führt zu einer Klientelpolitik. Das bedeutet aber auch das nicht nur jeder an diesen Prozessen teilnehmen kann, sondern auch das jeder nach seinen Möglichkeiten, daran teilnehmen muss. Eine Hürde, die die uns vorliegende Demokratie zu keinem Zeitpunkt gemeistert hat.

Demokratie bedeutet für jeden der an ihr teilnimmt, die Übernahme von Verantwortung. Weniger die Verantwortung für andere, was eines der Zerrbilder dieser Demokratie ist, sondern zuerst die Verantwortung für sich selbst und die eigenen Entscheidungen. Entscheidungen gleich welcher Art müssen namentlich getroffen werden, so das jeder seine Entscheidung für und in der demokratischen Gesellschaft zu verantworten hat. Selbstverständlich hat auch jeder die Konsequenzen aus seinen Entscheidungen, sich selbst und der demokratischen Gesellschaft gegenüber zu tragen. Jeder hat das Recht, Aufgaben in oder die Führung der Gesellschaft zu übernehmen, wie auch die Pflicht, wenn er von der Gesellschaft dazu aufgerufen wird. Das delegieren von Verantwortungen, wie es in dieser Demokratie üblich ist, ist ein sicheres Indiz, sich der Verantwortung zu entziehen und führt zu unverantwortlichem Handeln.

Demokratie darf keine Dogmen kennen, weder gesetzlicher noch wirtschaftlicher noch religiöser Art und muss ihr Regelwerk immer neu hinterfragen und zur Disposition stellen. Daher ist Demokratie weder statisch noch berechenbar.

Demokratie ist nicht die gewollte Gleichschaltung, starker und schwacher Menschen. Demokratie ist ein bedingungslos gleiches Regelwerk für alle, an dem sich jeder messen muss um seine Platz in ihr zu finden. Demokratie ist nicht gerecht im Sinne einer bedingungslosen Gleichstellung, aber das gerechteste System menschlicher Selbstverwaltung, unter der Prämisse, eigenverantwortlich und selbstbestimmt nach eigenen individuellen Vorgaben und Möglichkeiten sein Leben zu gestalten.

Es ist schon schwierig eine Demokratie zu denken. An die Grenzen ihrer Möglichkeit gerät jede echte Demokratie über ihre Größe. Das was zu verwirklichen wäre, um eine Demokratie entstehen zu lassen, bedingt eine für jeden Teilnehmer überschaubare Anzahl von weiteren Teilnehmern. Ist eine Demokratie allein durch die Anzahl ihrer Teilnehmer so groß, das die Entscheidungen des Einzelnen nicht mehr allen bekannt werden können, entlässt diese Gemeinschaft Einzelne in die Anonymität und befreit sie damit von ihrer Verantwortung. Eine Demokratie ist daher nur in Kleinen möglich. Wer wirklich Demokratie möchte muss zu ihrer Verwirklichung auch Microgesellschaften wollen.

Microgesellschaften sind unter den heutigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen undenkbar, aber genau diese werden sich ja bald ändern.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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2 Kommentare zu “Demokratie 2.0”

  1. ich schließe mich der analyse der demokratie an. sie war und bleibt doppelköpfig: voraussetzung für individuell selbstbestimmtes leben auf der einen, komplizin und alibi des herrschenden neoliberalen wirtschaftssystems auf der anderen seite.

    als barbiturat für die massen geschickt von den profiteueren des marktglaubens eingesetzt, ist sie in der heutigen form ungeeignet, eine gesollte änderung herbeizuführen.

    ebenfalls stimme ich ihrer prinzipiellen wirksamkeit nur in kleinteiligen gesellschaftsformen zu, die für den einzelnen in ihrer ganzen komplexität noch überschaubar sind und für die er verantwortung übernehmen kann und muss.

    weitergedacht ergeben sich für mich zwei konkrete fragen:
    wie verhindert man (auch auf microgesellschaftlicher ebene) die ausbeutung der (geistig oder körperlich) schwächeren durch die starken?

    und wie soll man sich die vernetzung der einzelnen gesllschaften vorstellen? keinerlei interdependenz? und wenn doch, wie wären diese zu organisieren, ohne dass die probleme der mangelnden überschaubarkeit erneut auftreten?

    ich denke beides kann ohne geeignete delegierte nicht gelingen. fehlende kontrolle und mangelnde verantwortungszuschreibung sind m e die hauptursachen für das scheitern unseres derzeitigen demokratischen systems.

    hier gilt es anzusetzen.

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