Wachstum und Konsolidierung


 

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Manchmal sind es einfache Begriffe die komplexe Zusammenhänge erklären und manchmal sind Umstände so unpopulär, dass sie mit Hilfe einfacher Ausdrücke verfälscht werden um ihr tatsächliches Wesen zu verschleiern. Solche Wortspiele werden gerne von Politikern und Personen die im öffentlichen Fokus stehen genutzt, um ihre eigene Unverbindlichkeit zu wahren. Der entstehende Eindruck der Beliebigkeit ist ihnen weniger bedenklich, als ihnen ein offenes Wort wäre. Zwei dieser Begriffe sind aus dem Sprachschatz der Krisen geschüttelten Nationen nicht mehr weg zu denken, Wachstum und Konsolidierung. Sie sind ein Synonym für den guten, den richtigen Weg aus der Krise und mitunter zum alternativlosen Garanten einer Zukunft überhaupt, verklärt worden. Die Gründe aus denen die Politik und Wirtschaft die Deutungshoheit zu den Begriffen hält und pflegt sind offensichtlich, offenbaren jedoch nicht was hinter diesen Begriffen steht.

Per Definition heißt Konsolidierung Verfestigung oder Stabilisierung und meint im Finanzwesen die Änderung kurzfristiger Schulden in Langfristige. Dem wäre im Grunde wenig entgegen zu setzen, wenn der Begriff Konsolidierung für den größten Teil der Bevölkerung nicht etwas anderes bedeuten würde. Eine bessere Umschreibung für diesen Begriff wäre, zumindest in seiner Wirkung auf die Allgemeinheit, Streichung und Verlust. Die Löhne und Sozialleistungen werden zusammengestrichen, Vergünstigungen und Zuwendungen oftmals ersatzlos gestrichen und da bei all dem was gestrichen wird, nicht zu erwarten ist, dass die Bevölkerung diesem freiwillig zustimmt, werden Rechte die vor diesen Streichungen schützten ebenfalls gestrichen. Konsolidierung bedeutet Verlust. Nicht nur ein Verlust an Behaglichkeit, sondern der Verlust von allem was nötig zu sein scheint um das wirtschaftliche Ziel zu erreichen. Allein das übergeordnete Ziel der Wirtschaft ist in einer Konsolidierung maßgeblich, das jeden Verlust des Einzelnen und seine dafür notwendige Entrechtung zu legitimieren scheint.

Noch scheint es eine Mehrheit innerhalb der Bevölkerung zu geben, die den Konsolidierungskurs unserer Regierung billigt, da der Glaube an seine Alternativlosigkeit weit verbreitet ist. Es sind die Satten und Selbstzufriedenen, die immer noch von diesem Wirtschaftsmodel profitieren und erfolgreich verdrängen, dass ihr Wohlstand auf der Entrechtung und Ausbeutung Anderer basiert. Wer von ihnen will schon gerne hören, dass für das meiste, was sie stolz glauben selbst erarbeitet zu haben, nur deshalb in ihrem Besitz ist weil dafür irgendwo auf diesem Globus Kinder gearbeitet und Familien gehungert haben. Niemand von ihnen will hören, dass ihr opulenter Einkauf im Supermarkt nur deshalb möglich ist, weil andere diese Dinge nicht essen können, Landstriche veröden und ganze Lebensräume vernichtet werden. Allein schon die nicht Teilnahme an ihrem Konsumwahn ist ihnen so suspekt, dass die Nichtteilnehmer für sie als unwillig, gemeinschaftsschädlich oder arbeitsscheu gelten und jene die gegen ihr Treiben das Wort ergreifen als weltfremde Querulanten und missgönnende Spielverderber ihres naiven Glaubens an immer währenden Konsumwohlstand gelten. Die Politik folgt dieser bigotten Mehrheit und flötet das beruhigende Lied der Simplifizierung. Wenn man zuviel Geld ausgegeben hat, muss man halt in Zukunft sparen, lautet die einfache Formel mit der die Politik, hoch komplexe Finanz- und Wirtschaftskreisläufe, auf Lieschen Müllers Haushaltsheft herunter dividiert. Fragen nach dem wer, dem was und dem warum werden, um keine Irritationen bei einer potentiellen Wählerschaft aufkommen zu lassen, ausgeblendet. Einfache Lösungen sind populär beim Volk, welches bei einer schwer verständlichen Krise nicht auch noch schwer verständliche Lösungen haben will. Es herrscht der Wunsch, dass alles wieder so werden soll wie es vor der Krise war und Politiker die das versprechen, dürfen sich generös die Belästigungen mit Details sparen. Die Lüge des folgenlosen Konsums und des gerechten Wachstums wurde so lange wiederholt, bis sie in den Augen eines großen Teiles unserer Gesellschaft, gerne und endlich zur Wahrheit wurden.

Wenn Lieschen Müller ihren Kredit bezahlen und deshalb sparen muss, dann tut sie das zum Wohle und zum Nutzen ihrer Bank. Schafft sie es nicht die Forderungen ihrer Bank zu befriedigen, wird sie in die Pleite getrieben und aus dem Wirtschaftskreislauf ausgestoßen. Die Bank macht ihre Forderung steuerlich geltend und verkauft danach den Titel. Eine Mischkalkulation bei der die Bank über die Menge der Kredite immer im Plus bleibt. Dieses perfide System welches immer nur einen Gewinner kennt, wurde in der Vergangenheit auch auf Staaten angewandt. Diesmal jedoch schreckte die Finanzwirtschaft auch nicht davor zurück das System durchzusetzen, obwohl der Betroffene nicht aus dem Wirtschaftskreislauf entfernt werden kann. Die Betroffenen sind heute Staaten wie Griechenland und morgen wird es wahrscheinlich Spanien sein. Sie sind in Europa und können nicht heraus gelöst werden, ob sie im Euro bleiben oder nicht. An Staaten wie Griechenland ist abzulesen, was Konsolidierung heißt und welche Folgen es mit sich bringt.

Haushaltskonsolidierung war das Diktat an Griechenland und es war Nötigung. Um Griechenland keine Möglichkeit zu geben dem Konsolidierungsdiktat zu entkommen, wurden lebenserhaltende Geldspritzen eingesetzt. Nie genug um es auf die eigenen Beine kommen zu lassen, obwohl dieses wahrscheinlich billiger gewesen wäre, sondern immer gerade genug um nicht zu kollabieren. Die griechische Wirtschaft wurde künstlich am Leben gehalten um sie ausbluten zu lassen. Die Griechen mussten der Konsolidierung folgen und sich damit in den Abgrund sparen. Das Ergebnis der griechischen Haushaltskonsolidierung zeigt deutlich, dass diese keine Hilfe war. Dem Staat Griechenland und den Griechen geht es heute schlechter als vor dem Sparzwang. Aber für was war der nütze, wenn nicht zur Hilfe. Griechenland hat sich so lange konsolidiert, bis die Geldgeber ihre Risiko behafteten Kredite auf die Schultern der Sozialgemeinschaften abgewälzt hatten. Griechenland hat die Konsolidierung nichts genutzt. Im Gegenteil hat es den Staat handlungsunfähig gemacht, die Bevölkerung verarmt und die Demokratie gefährdet. Aus Sicht der Politik war das ein akzeptabler Preis für die Haushaltskonsolidierung, die doch keine war und nur dem Zweck folgte, den Finanzsektor nicht zu verärgern oder wohlmöglich gegen sich selbst aufzubringen. Der propagierte Zweck des Sparens hat sich ebenfalls nicht eingestellt. Es wurde nicht weniger Geld bewegt, sondern mehr, allerdings immer zu Gunsten der Banken, deren Zinsgewinne sich während der Hilfe an Griechenland noch einmal stiegen.

Es wird offensichtlich, das unserer Regierung die Wirtschaft in ihrem Streben, vor die Demokratie und ihre Durchführung stellt. Die Empörung über das griechische Wahlergebnis zeigt deutlich wo die Gewichtung liegt. Das griechische Volk hat sich mehrheitlich gegen das Spardiktat ausgesprochen.  Unseren Finanzminister interessieren demokratische Gepflogenheiten offensichtlich nur, wenn sie im Konsens mit seinen Zielen stehen. So versuchte er das Votum des griechischen Volkes mit den Worten „pacta sund servanda“ weg zu wischen. Sicherlich ist die neue Lage für ihn ärgerlich, wie auch das nicht einhalten von Verträgen ärgerlich sein kann, aber das er durch sein Zitat, Verträge und wirtschaftliche Forderungen über den Willen eines Volkes gestellt hat, spricht Bände. Die Mehrheit der Griechen möchte einen anderen Weg beschreiten und ist bereit dafür mit bestehenden Forderungen der Finanzwelt zu brechen. Auch wir haben in unserer Geschichte bestehende Verträge gebrochen. Das ist legitim, wenn ein Volk das für notwendig erachtet.

Ebenso gerne wie die Konsolidierung wird der Begriff des Wachstums, als wirtschaftliches Allheilmittel propagiert. Wirtschaftswachstum bedeutet Produktion und Arbeit. Durch die Produktion wird Mehrwert generiert und durch die Arbeit die Sozialkassen befüllt. Für viele Jahrzehnte war dieses simple und effektive Model, der Garant für unseren Wohlstand und da es sich so leicht verständlich machen lässt, ein Lieblingskind der Politik. Doch so fördernd dieses Model in der Vergangenheit für uns war, so schädlich wird es für unsere Zukunft sein. Wachstum bedeutet Expansion, doch wohin lässt sich expandieren, wenn alle Ressourcen verbraucht, oder zumindest bereits verteilt sind, wenn keine neuen Märkte mehr erschlossen, sondern in ihnen nur noch verdrängt werden kann. Dann ist der Wachstum des einen, immer der Grund für den Kollaps des anderen. Das Wachstum das heute noch und das auch nur zeitlich sehr befristet entstehen kann, wird aus der letzten Ressource generiert, die noch nicht gänzlich ausgereizt ist. Der Mensch als Human-Ressource. Wir wissen das schon länger und haben diesem Ziel einen unverfänglichen Namen gegeben. Die Dienstleistungsgesellschaft. In ihr ist die Leistung des Einzelnen der Rohstoff, aus dem der Mehrwert erwirtschaftet wird. Der Mensch als Ressource bedeutet, die Anwendung marktwirtschaftlicher Gesetze und Mechanismen auf ihn. Er muss ein immer mehr erwirtschaften, um den Mehrwert zu gewährleisten und immer günstiger werden um im Wettbewerb den Gewinn zu sichern. Der Mensch als Ressource ist bereits bittere Realität. Sinkende Reallöhne, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und arbeiten zu müssen, ohne davon leben zu können, sind die Auswirkungen der Marktmechanismen auf die Ressource Mensch, die in Verdrängungswettbewerben der Kosten- und Aufwandsminimierung folgen.

Wachstum bedeutet in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem, in dem sich der Gewinn des Einen, aus dem Verlust und der Schuld des Anderen ergibt, immer die gewollte und bewusste Förderung der Armut Vieler zum Nutzen Weniger.

Die Propheten des Wachstums sind die Propheten einer Gesellschaft, in der der Mensch nicht mehr als ein Produktionsmittel ist. Den Gesetzen des Marktes folgend, muss der Mensch immer produktiver werden und das wird seine völlige Entrechtung bedeuten. Politiker oder Parteien die auch weiterhin auf Wachstum setzen, tun dies entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die deutlich das Ende allen möglichen Wachstums zeigen. Auch der Wunsch ihr Klientel zu befriedigen und ihre Macht zu erhalten, setzt ein simples Gesetz nicht außer Kraft. Ein System unbegrenzten Wachstums – hier die Wirtschaft – kann innerhalb nicht wachsender Systeme – hier die Erde – nicht überleben. Wer dennoch Wachstum und Konsolidierung vertritt offenbart den Geist der dahinter steht und ist eine Gefahr für die Freiheit jedes Einzelnen, eine Bedrohung für jede demokratische Gesellschaft und der GAU für unseren Lebensraum Erde.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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4 Antworten auf “Wachstum und Konsolidierung”

  1. Lieber Heinz Sauren!

    Ich habe selten so eine treffend formulierte, klare Analyse der bestehenden Zustände gelesen, wie Ihre/Deine.

    Ich empfehle Ihnen/Dir, diesen Text einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen. Seiten wie http://le-bohemien.net/ veröffentlichen qualitativ so hochwertige Beiträge.

    Zum Inhalt:
    Leider sind die Dogmen „Wachstum“ und „Konsolidierung“ derzeit fest zementiert. Da sich inhaltlich (auch medial) nur innerhalb dieses Denksystems bewegt wird, kann keine Alternative gedacht werden.

    Texte wie diese tragen hoffentlich dazu bei, aus bestehenden Denkmustern/-diktaten auszubrechen.

    Herzlichst
    Duderich

  2. Werter Heinz Sauren!

    Über Ihre Qualitäten als Analysator und Analysenergebnisvermittler möchte ich nicht in Wiederholungen verfallen. Der Duderich hat alles gesagt.

    Ich würde Ihre Texte gerne in FB verlinken, und wo sonstwo noch ….

    Sie sind zu gut, um unentdeckt zu bleiben…

    Einverstanden?

    lg Dirk

  3. Super analysiert und verständlich rübergebracht! Danke für diesen Text.

    Die Frage, die sich nun aufdrängt und auf die ich selbst händeringend eine Lösung suche ist: was sind denk- und vermittelbare Alternativen?
    Rein logisch kommt mir nur ein Systemwechsel in den Sinn (wie auch immer ein erstrebenswertes neues System aussehen mag), doch wie sollte man das vermitteln können?
    Das Problem ist doch, dass sich (in den intelligenteren Teilen der Bevölkerung) inzwischen weitgehend durchgesetzt hat, dass es so nicht weitergeht – nicht weitergehen kann! Aber: Wo bleiben die glaubwürdigen Alternativen? (zur von der Mehrheit der politischen Eliten gepredigten „Alternativlosigkeit“)

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