Mikrogesellschaften

 

gesell

Der Erfolg oder Misserfolg jeder zukünftigen Gesellschaft wird maßgeblich von zwei Faktoren bestimmt werden. Zum einen von der Freiheit die sie jedem Individuum zugesteht, dem Maß in welchem einem Individuum ein selbst bestimmtes und eigenverantwortliches Leben ermöglicht wird und zum anderen von der ökologischen Verträglichkeit der Gesellschaft in ihrem Ganzen, in Bezug auf die sie umgebende Umwelt.

Beide Maßgaben können von Großgesellschaften nicht verwirklicht werden. Großgesellschaften bedürfen großer Regelwerke um die große Anzahl ihrer Mitglieder zu verwalten, sowie gesellschaftliche Entwicklungen von den individuellen Bedürfnissen ihrer Teilnehmer abgekoppelt sind, da der Einzelne in ihr nicht mehr wahrgenommen wird. Auch die ökologische Verträglichkeit kann in Großgesellschaften nicht verwirklicht werden, da die Versorgung vieler Menschen nur doch große Warenströme erreicht werden kann, einem der Grundprobleme in der ökologischen Bilanz der heutigen Gesellschaften. Großgesellschaften dienen weder den Menschen noch der Umwelt, sie sind Machtanspruchskonstrukte eines anachronistischen Weltbildes.

Der Zeit der Großgesellschaften wird eine Epoche von Mikrogesellschaften folgen. Gesellschaften die klein genug sind autark zu existieren, die auf die individuellen Belange ihrer Mitglieder eingehen können und flexibel genug sind, sich verändernden Umweltbedingungen anzupassen.

Der Zusammenbruch der Großgesellschaften, welcher im Grunde keine Frage des „ob“, sondern eine Frage des „wann“ ist, ist auch den Regierungen bereits bewusst. Sie versuchen durch die Gründung von Mega – Gesellschaften eine Gegenbewegung zu etablieren und geben zumindest in Europa bereits unumwunden zu, dass Einzelstaaten keine Zukunft haben werden.

Das Ende der Großgesellschaften wird geprägt sein von inneren Unruhen, die sich aus dem Zerfall des Staatsgebildes ergeben, aber auch von Verteilungskämpfen, einer Folge des Zusammenbrechens der Warenströme und der sich daraus ergebenden Knappheit an Gütern. Diesem Prozess werden die Staaten, zum Zwecke des Erhaltes ihrer Strukturen mit Gewalt entgegen wirken. Bürgerkriege im Inneren, als auch internationale Ressourcen – Kriege werden die Folge sein. Internationale Studien, die sich mit diesem Szenario beschäftigt haben gehen davon aus, das durch die direkten oder indirekten Folgen eines Kollapses der Gesellschaften und des Weltwirtschaftssystem, wie Nahrungsmittelknappheit und Kriege, in einigen Teilen der Welt die Bevölkerung um die Hälfte dezimiert werden wird. Sie gehen weiterhin davon aus, das die Anzahl der zu erwartenden Opfer analog der Größe der zerfallenden Systeme steigt.

Dieser Zerfallsprozess wird kein einmaliger Knall sein, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der sich über eine Dekade hinziehen wird. Erkennbar für die Menschen wird dieser Prozess durch den langsamen Zerfall staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen und die Häufung kriegerischer Auseinandersetzungen, sowie durch die von den Menschen empfundenen Härten, die sich aus staatlichen Gegenmaßnahmen ergeben.

Letztendlich wird es wieder ein Krieg sein, der seinen Sieger die staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen seiner Gegner zerschlagen lässt, ohne jedoch noch die Kraft zu haben seine eigenen Strukturen zu etablieren. Die Folge ist Anarchie, die unreglementierte Räume schafft in der sich Menschen zu neuen, kleinen Gesellschaften zusammen finden werden. Diese Mikrogesellschaften werden nicht mehr durch hoheitliche oder internationale Interessen getragen werden, sondern auf kulturellen Gemeinsamkeiten und kompatiblen Wertesystemen beruhen, was Interessenkonflikte deutlich vermindern wird.

Auch zukünftige Mikrogesellschaften werden sich Regeln geben, unter welchen das Zusammenleben gestaltet werden wird. Diese werden aufgrund der begrenzten Anzahl ihrer Mitglieder sehr viel weniger reglementierend und dadurch für den Einzelnen freizügiger sein. Dennoch werden die Begründer zukünftiger Gesellschaften gut beraten sein, wenn sie um die strukturellen Fehler heutiger Gesellschaftsnormen wissen, um weniger selbst zerstörerische Regelwerke zu etablieren. Jede zukünftige Gesellschaft wird aufgerufen sein, einen Gesellschaftsvertrag aktiv mit ihren Mitgliedern zu schließen und nicht wie es zur Zeit üblich ist, einen solchen ungeschrieben und still schweigend voraus zu setzen.

Nur so wird es möglich sein, ihre Mitglieder in die Zielsetzung der Gesellschaft mit einzubeziehen und ihre aktive Teilnahme zu bekommen, die ansonsten wie heute üblich, durch eine ausufernde Normierung erzwungen werden muss, ohne einen tatsächlichen Erfolg zu dabei zu erreichen.

Ein solcher Gesellschaftsvertrag muss auf der Gleichberechtigung der unterzeichnenden Partner ausgerichtet sein und die Pflichten benennen die ein Teilnehmer zu erfüllen hat, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Ebenfalls sind die Rechte zu benennen, die aus seiner Teilnahme erwachsen.

Die Gemeinschaft hat als ausführendes Organ der Gesellschaft die Pflicht, die Rechte der Teilnehmer zu waren und als Recht, die Pflichten der Teilnehmer einzufordern. Die Gesellschaft als Vertragspartner des Teilnehmers darf keine Interessen verfolgen, die nicht den Interessen ihrer Teilnehmer entsprechen, darf keine eigenständige Instanz sein, die über eigene Machtstrukturen verfügt und kann nur durch ihre Mitglieder selbst repräsentiert werden.

Gesellschaft ist keine eigenständige Instanz, die durch eine Regierung vertreten wird, sondern der gedachte Wille einer Gemeinschaft, der durch die Gemeinschaft selbst vertreten wird. Gesellschaft ist eine Struktur des Innenverhältnisses, der Teilnehmer untereinander. Gesellschaft ist kein Machtanspruchskonstrukt und kann nicht eigenständig im Außenverhältnis oder gegenüber anderen Gesellschaften auftreten. Das obliegt ausschließlich den Teilnehmern. Nur so wird wirkungsvoll verhindert das anonyme Strukturen eigene Interessen entwickeln und ein System über die Belange des Einzelnen gestellt, oder als Hebel für die Durchsetzung von Einzelinteressen missbraucht wird.

Durch den Wegfall nationaler, sowie internationaler Strukturen, in denen Gesellschaften heute in ihrem Handeln gebunden und verpflichtet sind, werden die Mikrogesellschaften von morgen auf ihren eigentlich Zweck reduziert sein, der Organisation ihrer Teilnehmer untereinander. Durch den Verzicht von Mikrogesellschaften auf System erhaltende Machtstrukturen, dem fehlen der Notwendigkeit zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben, die sich aus der Unmöglichkeit der Vereinnahmung von Grund und Boden durch Besitz dessen ergibt, werden Territorialkonflikte zwischen den einzelnen Microgesellschaften ausgeschlossen und kriegerische Auseinandersetzungen auf ein Mindestmaß, welche in den Unwägbarkeiten der menschlichen Psyche begründet sind, reduziert.

Mikrogesellschaften von morgen müssen kein permanenter und zwanghafter Dauerkompromiss mehr sein, da sie keine Vielzahl unterschiedlichster Interessenlagen unter einem Dach vereinen brauchen. Sie werden speziell auf die Bedürfnisse einer Gruppe angepasst sein und flexibel genug, um sich veränderten Bedürfnislagen anzupassen. Durch die Vielfältigkeit der Menschen selbst, werden sich überall die verschiedensten Microgesellschaften bilden, die autark agieren und somit eine Nachhaltigkeit zu dem sie umschließenden Ökosystem ermöglichen. Es werden religiöse, weltanschaulich differente oder Tätigkeits orientierte Gesellschaften möglich sein und auch Gesellschaften die sich auf Lebensmodelle spezialisieren werden, wie z.B. veganische oder homosexuelle. Es wird sich eine Vielfalt von Gesellschaften entwickeln, die die Vielfalt der Menschen widerspiegelt und nur von der Fähigkeit einer nachhaltigen Lebensführung begrenzt ist

Die Qualität dieser Gesellschaften wird sich nicht ihrem Umgang mit denen bemessen, die ihr zustimmen und sie unterstützen, da diese selbst in despotischen Regimen privilegiert sind. Die Qualität von Gesellschaften bemisst sich an ihrem Umgang mit den Schwachen unter ihnen und denen die mit ihren Vorgaben und Regeln brechen. Schwäche wird in Microgesellschaften, die sich aus der Individualität des Einzelnen begründen kein Leistungsmerkmal mehr sein. Aus dem Bewusstsein einer kleinen Gesellschaft heraus ist jeder Teilnehmer grundsätzlich eine Bereicherung und keine Last. Die Menschen müssen nicht mehr in vordefinierten Leistungsnormen agieren und können somit ihre schwachen Seiten vernachlässigen, während die Gesellschaft von ihren starken Seiten profitiert.

Durch die geringe Zahl von Teilnehmen an einer Mikrogesellschaft können keine Sozialsystem vorgehalten werden, in denen Menschen in die Anonymität abgeschoben werden. Schwächeren zu helfen wird durch einen persönlichen Bezug zwischen dem Helfenden und dem Geholfenen ein integrierenden Bestandteil von Mikrogesellschaften sein, da Hilfe aus Mitteln der persönlichen Lebensführung des Helfenden entnommen werden muss. Das fehlen eines Sozialsystems innerhalb kleiner Gemeinschaften verhindert wirkungsvoll die Ablehnung von Hilfe, da sich jeder Teilnehmer bewusst ist, durch die Hilfe gegenüber anderen die Sicherheit zu erlangen, selbst Hilfe zu erfahren, wenn er sie benötigt.

Der Umgang mit denen, die der Gemeinschaft oder einzelnen schaden, in dem sie gegen die gemeinschaftlichen Regeln verstoßen, kann in Mikrogesellschaften einen völlig neuen Ansatz erfahren. In der heutigen Gesellschaft werden diese Menschen Straftäter genannt. Sie werden von den staatlichen Institutionen nach dem Schuld – und Sühne – Prinzip behandelt und bestraft, um in der Bevölkerung den Anschein des Rechtsfriedens zu erhalten. Diese Prinzip ist gegenüber dem Einzelnen ungerecht, weil gleich machend und gegenüber der Gesellschaft unsinnig, weil sie ihre Probleme nicht löst sondern verwahrt. Es ist heute zu beobachten, das im Umgang mit Straftätern eine Resozialisierung versucht wird, die in den allermeisten Fällen scheitert. Sie scheitert weil sie den falschen Ansatz hat. Resozialisiert werden kann nur, wer zuvor sozialisiert war und genau das war zumeist nicht gegeben, was per Definition durch die Straftat bewiesen wurde.

Eine kleine Gemeinschaft würde als Mikrogesellschaft nicht an, dem Rechtsfrieden geschuldete übergeordnete Rechtsnormen gebunden sein und könnte sich die Frage erlauben, warum diese Verfehlungen gegen ihre gesellschaftlichen Normen zu Stande kamen und eine individuelle Reaktion der Gesellschaft, getragen durch ihren mehrheitlichen Willen ermöglichen. Der individuelle Charakter dieser gesellschaftlichen Reaktion würde das Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen stärken und die Individualität jeder Tat berücksichtigen.

Mikrogesellschaften können in Zukunft eine neue Ära der menschlichen Kultur einleiten und sind ihrem Wesen nach freier und gerechter als Großgesellschaften es sein können, aber sie haben auch ihre Grenzen. Ihre Grenzen werden zum einen bestimmt von den Umweltbedingungen die sie vorfinden und auf die sie weit mehr angewiesen sind als Großgesellschaften, da sie nur autark agierend ihre Existenz, als auch die Existenz ihrer Mitglieder sichern können. Die zweite Begrenzung ist die Begrenzung in ihrer Größe, die sich aus der Anzahl ihrer Teilnehmer ergibt. Diese Begrenzung tritt ein, wenn die Anzahl ihrer Teilnehmer die Kommunikationswege so deutlich verlängert, das entweder nicht mehr alle Teilnehmer an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein können, oder aber Entscheidungen so viel Zeit brauchen, das sie ihren Sinn verlieren.

Bevor wir in Mikrogesellschaften eintreten können, werden wir den schmerzhaften Prozess der Auflösung der Großgesellschaften durchleben müssen. Innerhalb dieses Prozesses werden wir uns von vielen Annehmlichkeiten unseres heutigen Lebens trennen. Die meisten von uns werden schmerzliche Verluste ertragen und so ziemlich jeden wird der Verlust seiner wirtschaftlichen Existenzgrundlage dazu zwingen, über einen Neuanfang nachzudenken. Dieser Neuanfang wird sicher nicht einfach werden, aber ist vielleicht die letzte Chance die wir als Menschheit haben.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Advertisements

Zivilisatorische Grenzen

Jedes menschliche Konstrukt und jedes von Menschen erdachte System, hat aus sich heraus Grenzen. Grenzen die sich aus den tatsächlichen Gegebenheiten ergeben die das System umgeben und schon gezogen sind, als das System erdacht wurde.

Allein aus der Begrenzung der menschlichen Befähigung, die Interaktion eines von ihm geschaffenen Systems mit anderen Gegebenheiten und die sich daraus ergebenden Folgen in ihrer Gänze, durch die Unmöglichkeit des Erkennens aller beeinflussenden Faktoren, zu überblicken, ergibt sich das Dilemma seiner Entwicklung. Die Schwierigkeit des Menschen im Umgang mit dieser Begrenztheit innerhalb der von ihm erdachten Systeme, liegt in dem Widerspruch des vermeintlich erkennbaren Erfolges, die als Kern das System zu bestätigen scheinen, zu den ebenso systemimmanenten Misserfolgen, die wir geblendet durch die Erfolge als Randprobleme verstehen wollen und sie an die Peripherie drängen.

Die Ur-Angst vor den Unwägbarkeiten des Lebens haben wir ebenso aus den Höhlen unserer frühzeitlichen Entwicklung mitgebracht, wie den Wunsch nach der Sicherheit unserer Behausung, in der die Gefahren immer draußen lauerten.

So geschieht es auch heute noch mit unserer neuen Behausung, dem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, welches soweit expandiert ist, das es kein außerhalb mehr gibt, in das die Gefahren verschoben werden können. Die Gefahren und offensichtliche Probleme unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, welches nicht zuletzt durch die Globalisierung auf diesem Planeten keine Grenzen mehr kennt, sind ein internes und damit ein Problem des Kerns selber geworden.

Es ist nicht grundsätzlich falsch, das Menschen sich eine Gesellschaft schaffen und ihre benötigten Ressourcen mittels eines Wirtschaftssystems teilen. Falsch ist aber an einem System festzuhalten, das sich nicht mehr bewährt. Wesentlicher Bestandteil unserer Entwicklungsgeschichte war die Veränderung, die uns überhaupt erst ermöglichte zu werden, was wir heute sind. Diese Veränderungen führten immer dazu, das wir das System verließen, in dem wir uns zuvor eingerichtet hatten und sie waren immer den gleichen Zwängen zur Veränderung ausgesetzt. Unserer wachsenden Population und den sich daraus ergebenden neuen Anforderungen an den Umgang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Unsere Entwicklungsgeschichte wäre schnell zu Ende gewesen, wenn wir in den Höhlen geblieben wären. Wir haben sie verlassen, weil unsere wachsende Population nicht mehr eine ausreichende Anzahl von Höhlen fand und die lebensnotwendigen Ressourcen für die größere Anzahl von Menschen nicht mehr ausreichten. Wir fanden den Mut unser damaliges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem zu verlassen. Ein Schritt der für uns damals gefährlich war, uns unserer Sicherheit beraubte und doch unser überleben sicherte.

Die Lösung unseres damaligen Problems hieß Expansion. Wir breiteten uns aus, erschlossen neue Ressourcen und strukturierten uns immer wieder neu. Immer größer zu werden war das neue Erfolgsrezept. Es sicherte den stetig wachsenden Sozialverbänden, die in Familien begannen und in Staaten endeten die Versorgung und damit ihr Überleben. Aber auch die Expansion ist ein zeitlich begrenztes Modell. Es fand seinen Höhepunkt aber auch sein Ende im Zeitalter der Kolonialisierung, in der die großen Ressourcenvorkommen verteilt wurden. In der zweiten Hälfte des 19.ten Jahrhunderts gelangte das über lange Zeit erfolgreiche Modell der Expansion an seine natürlichen Grenzen, der Mensch hatte die Erde erobert.

Quantitativ hatte der Mensch eine Erfolgsgeschichte durchlebt, jedoch qualitativ konnte er seinem rasanten Aufstieg nicht folgen. Er war noch immer in seiner Ur-Angst gefangen, die ihm vorgaukelte noch immer in seiner Höhle zu sitzen, aus denen er die Unwägbarkeiten des Lebens zu verbannen suchte. Diese Angst vor einer neuen Veränderung, für die nunmehr hunderte Millionen Menschen hätten gewonnen wären müssen, führte zu folgenschweren Fehlentscheidungen, die heute unser Dilemma sind. Die damals bestimmenden Eliten aus Adel und Industrie wollten ihre Machtstellungen nicht für eine Veränderung in Gefahr bringen und etablierten ein neues System welches dem Veränderungsdruck entgegen wirkte, in dem es durch die Aufrechterhaltung der Grundpfeiler des alten Systems, eine Sicherheit vorgaukelte, die sich durch eine gedachte weitere Expansion ergab. Eine Expansion, die aber das erste Mal in der Geschichte des Menschen nicht einer tatsächlichen Expansion entsprach, sondern sich eines Hilfsmittels bediente, das keiner natürlichen Begrenztheit mehr unterlag, weil es fiktiv wurde. Dem Geld.

Geld hatte sich als Tauschmittel in wachsenden Gesellschaften bewährt, in denen allein aufgrund der Anzahl ihrer Mitglieder, es dem einzelnen nicht mehr möglich war, seine Lebensgrundlagen zu erwirtschaften. Seinem Sinn nach war es ein Tauschmittel, dessen Besitz die tatsächliche Möglichkeit darstelle den Gegenwert in Naturalien zu nutzen. Unter dem Zwang in einer nicht weiter expansionsfähigen Gesellschaft dennoch die bewährten Mechanismen der Expansion weiter wirken zu lassen, wurde das Geld, das aufgrund seiner ursprünglichen Bedeutung als tatsächlicher Ersatzwert für Naturalien akzeptiert war, zum Träger der weiteren Expansion. Einer Expansion, die den Glauben vermittelte auch die vermeintlich dahinter stehenden Naturalien würden sich vermehren und doch nicht mehr war als eine Illusion, die dadurch aufrecht erhalten wurde, dass die in gleichem Verhältnis fortschreitende Entwertung des Tauschmittels verschleiert wurde, die analog seiner nominellen Vermehrung auftrat. Ein unausweichlicher Effekt, der sich aus den nicht expansionsfähigen und damit nicht weiter wachsendem naturalen Gegenwert zwingend ergibt.

Auch diese Entwicklung hatte ihre zeitliche Begrenzung. Eine Begrenzung die heute nicht mehr zu verschleiern ist, da sie eine fatale Wirkung mit sich führte. Bis die Menschheit die natürliche Grenze ihrer Expansion erreicht hatte, lebte sie mit den natürlichen Gegebenheiten und mehr oder weniger im Einklang mit dem sie umgebenden ökologischen System. Als sie jedoch ein expandierendes System aufrecht erhielt, welches keine natürliche Expansion mehr zur Grundlage hatte, generierte sie diese Expansion durch eine in gleichem Maße ansteigende Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die im weiteren Verlaufe nun zu einer Gefährdung des gesamten Ökosystems wurde.

Jedem der heute nicht mutwillig seine Augen verschießt kann an nahezu jedem Ort des Globus feststellen, dass das ökologische Gleichgewicht nicht mehr vorhanden ist. Es ist offensichtlich das wir diesen Planeten ausbluten lassen um unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, von dem wir zu Unrecht glauben das es Alternativlos sei. Es wäre schon schlimm genug wenn es nur um diese Tatsache gehen würde, die eine immense Schuld auf uns lädt, als nur eine Rasse auf diesem Planeten, die den Lebensraum aller anderen Rassen die mit uns diese Welt bewohnen zerstören oder zumindest gefährden. Es gibt einfach kein Recht, aus welchem wir unsere egoistische und Leben verachtende Handlungsweise begründen können. Fataler für uns ist die Tatsache, dass wir mit unserem Handeln in nicht einmal 150 Jahren ,unsere eigene Existenz so sehr vergiftet haben, dass unsere Zukunft als Einzelner oder als Menschheit konkret in Gefahr ist. Dies ist ein Fakt, genauso wie es ein Fakt ist, dass wir das getan haben, in dem wir zuließen, das eine profitierende Elite die Folgen nicht sehen wollte, die wir in der ängstlichen Sorge um unsere Sicherheit und der Begrenztheit unseres intellektuellen Horizonts nicht sehen konnten.

Mitte des 19.ten Jahrhunderts stand die Menschheit mit dem Ausgang des Kolonialzeitalters, wieder an einem Punkt, an dem sie ihr altes System hätte aufgeben müssen um ihren Fortbestand zu sichern, wie sie es schon oft in ihrer Geschichte getan hatte. Sie tat es nicht und so haben schon eineinhalb Jahrhunderte ausgereicht um uns an den Abgrund unserer eigenen Existenz zu führen. Es ist ein evolutionäres Gesetz das Rassen, denen es nicht gelingt nachhaltig ihre Lebensgrundlage zu sichern, dem Untergang geweiht sind und es wird keinen Einfluss auf diese evolutionäre Entwicklung haben, dass der von uns fälschlicher Weise beschrittene Weg aber der bequemste für uns war. Die rasante Vernichtung unserer Lebensgrundlage verdeutlicht, wie wenig Zeit uns noch bleibt und es ist fraglich wie viel, insofern uns ein Richtungswechsel überhaupt gelingt, wir von unserer jetzigen Zivilisation retten können, da ein großer Teil dieser, Mechanismen folgt oder auf Grundlagen basiert, die sich aus einer Illusion ergeben und sich als gefährlicher Irrtum für uns alle heraus gestellt hat.

So offensichtlich wie die Schädigung des gesamten Ökosystems, welches die unersetzliche Grundlage auch unserer Zivilisation und nahezu allen Lebens auf der Erde ist, auch sichtbar ist, so wenig ist auch die Bereitschaft zu erkennen dieses in seiner Wirkung auf uns und uns alle zu erkennen. Vorherrschend sind noch immer die Versuche der Beschwichtung und Beruhigung, die auch weiterhin die Illusion der Sicherheit aufrecht halten soll und nur einem Ziel folgen, der weiteren Aufrechterhaltung des Systems.

Dieser Versuch, das System aufrecht zu erhalten ist heute schon fast so zerstörerisch wie das System selbst. Die sich daraus aufrecht Erhaltung ergebenden Folgen werden von mal zu mal schwerwiegender, da sie ein immer größeres Missverhältnis zwischen unserer zivilisatorischen Lebensweise und den ökologischen und ökonomischen Gegebenheiten kaschieren muss. Es ist nicht zu erwarten, dass die heutigen Entscheidungsträger eine tatsächliche Veränderung bewirken werden. Dabei liegt es nicht daran, dass sie nicht genügend Vernunft aufbringen könnten, die Sachlage zu erfassen, sondern an dem Umstand das es ihnen verboten ist, das zu zu tun. Wir beschäftigen Staatsdiener, die wir dafür bezahlen dieses System zu verwalten und haben Politiker berufen uns zu vertreten, mit nur einem Auftrag, dieses System zu erhalten.

Wir können nicht erwarten, dass die, die wir explizit beauftragt haben, den Status Quo zu erhalten, nun die sein werden, die ihn verändern. Insbesondere leider auch dann nicht, wenn dieses eigentlich zu unserem Schutz geschehen würde. Die Entscheidungsträger unserer Gesellschaften folgen ihrem Auftrag und versuchen aus diesem heraus auf die Missstände zu reagieren. Sie entscheiden immer zuerst unter ihrer obersten Prämisse, der Aufrechterhaltung des Systems. Daher gelingt es ihnen auch nicht tatsächliche Veränderungen zu bewirken, die nur erreicht werden können, wenn der Grund unserer gefährlichen Probleme, nämlich der Kern unseres Systems in Frage gestellt werden würde. Von daher ist auch falsch die Politik zu beauftragen, eine Lösung für die existentielle Krise der Menschheit zu finden, sowie es auch falsch ist diese zu kritisieren, für die Tatsache das es ihnen nicht gelingt eine zu finden.

Der Anachronismus unserer Gesellschaft zeigt sich besonders deutlich an den Säulen auf denen sie ruht. Dem Staatswesen, der Rechtskultur und dem Wirtschaftswesen. Unser Staats- und Rechtswesen ist aus dem altrömischen Modell entstanden. Einem Kastenwesen welches von Imperatoren und Despoten aus Geburtshierarchien bestimmt wurde, das auf Expansionskriege seine Macht begründete und Folterung, Plünderung und Mord als legitime Mittel ansah. Unser Rechtssystem begründet sich ebenfalls im römischen Recht, wobei besondere Ereignisse und Personen ihren Geist in ihm bis heute verewigten. Als nicht abschließende Aufzählung der Prägung unseres Rechtswesens seien hier die Rechtsgutachten der Inqisition, die Freibriefe des Völkerschlachtens des dreißig jährigen Krieges, das Belagerungsrecht der napoleonischen Okupation und das Sozialgesetzbuch des Dritten Reiches genannt. Unser gesamtes Wirtschaftswesen liegt in der Kolonialzeit begründet, einer Zeit in der eine unendliche Expansion und unbegrenzt neue entdeckbare Schätze und Ressourcen das denken bestimmten und wurde in der Zeit des kalten Krieges in seine jetzige Form geschliffen, in der der Kapitalismus Staatsdoktrin in der westlichen Hemisphäre war. Es ergab sich eine bis heute deutliche Prägung dieser Einflüsse, auch wenn diese sicherlich den jeweiligen zeitlichen Gegebenheiten angepasst wurden. Die moralischen Regeln, die unser miteinander bestimmen basieren auf Mythen der abrahamitischen Religionsstiftung. Unbestritten haben diese Regelwerke ihre Berechtigung gehabt, zumindest in einer Welt die hinter den Grenzen Europas zu Ende zu sein schien, in der ökologische Ungleichgewichte und globale Problemlagen unbekannt waren und auf eine Bevölkerung wirkte, deren Interessenlage am jeweiligen Dorfrand endeten und staatliche Entscheidungen aufgrund sehr langer Kommunikationswege, eine Frage von Monaten und Jahren waren. Jedoch ist nicht ernsthaft anzunehmen das mit Hilfe dieser Regelwerke, auf die existentiellen Probleme der Menschheit angemessen reagiert werden kann, weil sie zum einen nicht für die Dimension der Fragestellungen gedacht war und ebenfalls seiner originären Aufgabe unterliegt, seiner Selbsterhaltung.

Ein zukünftiger Bestand der menschliche Zivilisation ergibt sich nur und ausschließlich aus der Befähigung eine Zivilisation zu etablieren die keine Expansion braucht und mit der Erde und ihren Ressourcen nachhaltig ihre Lebensgrundlage zu sichern vermag und nicht wie bisher von der Erde durch ihre Ausbeutung lebt. Ein solches Gesellschafts- und Wirtschaftssystem steht in absoluten Widerspruch zu dem heute etablierten. Unbedingte Grundvoraussetzung für ein solches System wäre nicht die Eindämmung, sondern völlige Verhinderung jeglicher Expansion und die Aufhebung der Grundsätze, die unser heutiges System tragen und sogar erst ermöglichen. Eigentum wäre nur noch begrenzt denkbar, an Grund und Boden sogar unmöglich. Es kann keine Zinsen mehr geben und ein Mensch kann nicht nach mehr als seiner Lebensgrundlage streben, da ihm jedes mehr darüber hinaus verboten wäre. Ressourcen könnten nicht besessen werden, würden aber im Gegenzug allen Menschen wie auch allen anderen Lebewesen als gleichrangige Teilnehmer des Ökosystems uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Die Hortung von Gütern über die Erhaltung der eigenen Lebensgrundlage hinaus, wäre gegenüber anderen Teilnehmern der Ökogemeinschaft eine nicht zu tolerierende Vorenthaltung dieser Güter. Reichtum wäre damit strafbar. Aber auch eine Alimentierung derer, die es nicht vermögen ihre Lebensgrundlage zu erhalten wäre nicht mehr möglich. Soziale Netze wären nur in äußerst begrenztem Maße innerhalb der Möglichkeiten zu Weitergabe von Gütern aus der eigenen Lebensgrundlage denkbar. Die Folge wäre eine Auflösung aller uns bekannten Staatsformen, Gesellschafts-, Wirtschafts-, und Finanzsysteme.

Die Gesellschaft reagiert auf solche Ankündigungen mit Ablehnung und Unverständnis. Die Menschen haben sich an das bequeme Leben in dieser Gesellschaft gewöhnt und wollen es nicht mehr missen. Daher sind ihre Forderungen nach Veränderung auf Oberflächlichkeiten beschränkt und ihre Vertreter, die Politiker bleiben auch weiterhin aufgerufen, das System zu erhalten. Forderungen dieser Art werden als Sozialdarwinismus oder -neid abgetan. Sie sind weder gewillt noch befähigt zu verstehen, das ihr vermeintlich gutes Leben in der Vergangenheit eine Anleihe an eine Zukunft war, die sie dadurch unmöglich machten. Die Durchsetzung solch grundlegender Veränderungen sind eine Utopie, genauso wie eine Nichtdurchsetzung die Existenz der Menschheit zu einer Utopie macht.

Die Wissenschaft hat uns glauben gemacht das alles möglich sei. Sie hat uns sogar an die wundersame Vermehrung von Nahrung glauben lassen. Diese Ertragssteigerung von Nahrung haben wir mit unserer schleichenden Vergiftung bezahlt. Unser wissenschaftliche Fortschritt hat uns geholfen viele Krankheiten zu überwinden, für den Preis nun noch mehr neue Krankheiten zu haben. Unser Glauben, die Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen zu können ist illusorisch. Wir leben in einem Ökosystem in dem alles was wir tun Folgen hat, die direkt auf uns zurück fallen. Wissenschaft kann uns helfen die Welt zu verstehen, aber sie ist ungeeignet sie zu verändern, da alle von uns vorgenommenen Veränderungen nur oberflächlicher Natur sind, die das ökologische System mit einer Reaktion beantwortet, die uns unserer Lebensgrundlage entzieht. Die Natur bestraft uns nicht, sie versucht nur die Balance in einem Ökosystem zu erhalten, welches wir permanent einseitig verändern. Eine der fatalsten Folgen unserer Wissenschaftshörigkeit ist jedoch die Annahme ihrer Durchführungsgesetze. Eines dieser wissenschaftlichen Gesetzen ist, das eine Annahme solange aufrecht erhalten wird, bis eine gegenteilige Annahme bewiesen wurde. Dieser Gedanke führt dazu das wir auch an dem fatalsten System welches sich der Mensch je erdacht hat, seine jetzige Gesellschafts- und Wirtschaftsform, festhalten werden. Nicht weil wir nicht wüssten, das dieses falsch ist, sondern allein weil uns noch nichts besseres eingefallen ist.Wir halten an dem was unsere Welt, unsere eigene Gesundheit und letztlich unsere gesamte Existenz zerstört fest, weil wir uns nicht eingestehen können, das es ein Fehler war. Es hat uns ja noch niemand bewiesen, das es etwas besseres gibt. Das makabere dieses Gedanken ist seine Konsequenz. Es wird die Bereitschaft sein eine Veränderung erst dann anzunehmen, wenn der Beweis erbracht ist und das ist der unwiederbringliche Verlust unserer Lebensgrundlage innerhalb dieses Ökosystems.

Der Mensch wird die Gegebenheiten, die er auf der Erde vorfindet nicht verändern können. Durch die Begrenztheit seines Lebensraumes auf der Erde, kann auch er nur sein Überleben sicher, wenn auch dieses auf Begrenztheit beruht. Das Maß der Begrenztheit wird nicht von seinen Wünschen bestimmt, sondern von dem Maß der Ressourcen die er auf diesem Planten vorfindet und die er mit allen anderen Lebewesen teilen muss. Die Zukunft der Menschheit ergibt sich daraus, ob es ihm gelingt dieses Gleichgewicht zu finden und zu erhalten, bevor er seine Lebensgrundlage verloren hat.

Viele haben sich die Rettung der Natur, den Schutz der Umwelt und sogar die Erhaltung natürlicher Lebensräume auf ihre Fahnen geschrieben. Viele wollen die Politik verändern und soziale Missstände beseitigen. Viele haben sogar die fatale Wirkungsweise dieses Systems erkannt. Diese Erkenntnisse und Bestrebungen, die auf den ersten Blick erstrebenswert scheinen, sind bei genauer Betrachtung nicht ohne Gefahr, da jene die sich für ihre Durchsetzung einsetzen, diese Veränderung innerhalb des Systems suchen. Sie wollen die Politik verändern und sie menschlicher, vielleicht auch ökologischer machen. Dadurch das sie sich in das politische System, wenn auch mit dem Willen zur Veränderung einbringen, stärken sie dieses System sogar noch und ihre Erfolge verändern nichts, sondern verlängern nur seinen Bestand in dem sie das Leiden durch und innerhalb des Systems abschwächen. In letzter Konsequenz verlängern sie das Überleben des Systems und damit auch den Schaden, der von ihm ausgeht.

Nur sehr wenige sind bereit und befähigt tiefer zu denken und den Kern des Übels zu erkennen. Sie werden sich nicht in das System einbringen und auch aus dem System heraus keine Veränderungen erwarten. Sie sind die letzte Hoffnung auf einen Fortbestand der Menschheit, aber zu wenige um eine realistische Hoffnung für den Fortbestand unserer Zivilisation zu sein.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Innocence of Muslims

innocenseof muslims

Ein Video, welches an sich durch seine dilettantische Machart bereits an seiner Ernsthaftigkeit zweifeln lässt, ist zum Auslöser von gewalttätigen Protesten in der muslimischen Welt geworden. Eine Weltreligion gibt sich empört und lässt den Fanatikern in den eigenen Reihen freie Hand, während westliche Demokratien in Sorge um die bilateralen Beziehungen zu den arabischen Staaten vorauseilend die Säulen ihrer demokratischen Gesellschaftsformen in Frage stellen.

Was wie die missglückte Aufführung einer Gesellschaftssatire anmutet und von seinem Inhalt kaum zu mehr als zu einem Treppenwitz internationaler Politik reicht, hat sich schlagartig als eine internationale Krise entpuppt. Das fragwürdige Video ist ein Home-Video fundamentaler Christen und war der Auslöser, aber es war nicht die Ursache für diese Eskalation. Es war nur einer der oft zitierten Tropfen, die in regelmäßigen Abständen das Fass zum überlaufen bringen. Das, was wir aus den Metropolen der muslimischen Welt zu sehen bekommen, ist nicht neu und wiederholt sich nicht erst seit der Veröffentlichung der Mohammed Karikaturen, in immer kürzeren Abständen. Nicht nur die Quantität dieser wiederkehrenden Eskalationen, sondern auch die Qualität dieser nimmt von mal zu mal zu. Die qualitative Aufwertung der aktuellen Eskalation ergibt sich aus der Erstürmung von Botschaften und der damit verbundenen in Frage-Stellung ihrer Integrität. Eine derartige Beschädigung der Grundwerte internationalem Rechts kann von der Völkergemeinschaft nicht toleriert werden. In Ermangelung adäquater  Reaktionsmöglichkeiten, dadurch dass ein wütender Mob keine staatliche Institution und damit kein dingfest zu machender Adressat ist, versucht die Diplomatie in vorauseilendem Gehorsam die aufgebrachten Massen zu beruhigen, indem sie die Forderung des Verbotes des Videos propagiert und mittels hochrangiger Politiker, zumeist der Außen-Ressorts, so platziert, dass diese mittels der internationalen Medien an den Brennpunkten gehört werden.

Der Auslöser der Proteste war das Video, doch dieser Auslöser ist beinahe beliebig austauschbar und wird auch in Zukunft immer neu gefunden werden. Die Ursache der Proteste ist jedoch die Politik der westlichen Demokratien gegenüber den muslimischen Staaten. Es sind die westlichen Demokratien, die die Definitionshoheit für sich in Anspruch nehmen, für das wie eine freiheitliche Gesellschaft auszusehen hat und auf welchen Werten sie zu beruhen hat. Die muslimische Welt hat in den vergangenen Jahrzehnten unter einem hohen Blutzoll lernen müssen, dass Demokratie die Einführung der Marktwirtschaft bedeutet – einem globalisierten Wirtschaftssystem, in dem die meisten muslimischen Länder nicht oder nur bedingt konkurrenzfähig sind und dass gerade in diesen Ländern allzu oft nicht den Wohlstand, sondern die Abhängigkeit brachte. Auch eine zweite Lehre blieb ihnen nicht erspart. Sie lautet: Demokratie ist die Freiheit, die mittels Kampfbombern kommt, wenn man sie nicht freiwillig rein lässt. Nicht zuletzt die Kriege im Irak und Afghanistan haben ein tiefes Trauma  der Demütigung innerhalb der muslimischen Welt hinterlassen.

Die meisten derer, die nun wütend auf den Strassen protestieren, haben in ihrem gesamten Leben nur ein einziges Buch in der Hand gehalten, den Koran. Der Einfluss und die Bedeutung der Worte des Koran werden in westlichen Staaten zumeist ignoriert oder unterschätzt und stehen in völligem Gegensatz zu den Ansprüchen westlicher Demokratien. Muslimische Staaten wollen keine Demokratie, zumindest keine, die wir als Demokratie verstehen würden. Ein Umstand, der sich auch deutlich in der Forderung der Massen nach einem Verbot des Videos offenbart. Ein Verbot scheint ihnen nicht nur angemessen, sondern zwingend erforderlich, sowie es in ihrem Selbstverständnis völlig normal ist, dass demokratische Grundrechte nicht gelten, wenn sie in einem Interessenkonflikt zum Islam stehen und Staaten in erster Linie einen solchen Interessenkonflikt im Sinne des Islam zu beenden haben. Diese Forderungen zeigen die Bedeutung eines Staatsgebildes in islamischen Ländern. Der Staat hat nicht die Aufgabe die Gleichheit der Interessen zu wahren, sondern ist die weltliche Umsetzung des Islam und dies insbesondere auch in Staaten, von denen uns die Politik gerne glauben macht, dass diese nicht fundamentalistisch seien.

Der wütende Mob, angestachelt durch die Vorbeter in den Moscheen, erkennt einen Angriff auf den Islam durch eine vermeintliche Verunglimpfung seines obersten Vertreters, des Propheten Mohammed. Solche „Angriffe“, und oftmals reichte schon die Vermutung solcher, waren in der islamischen Geschichte oft genug Kriegsgründe. Der Wunsch nach einem solchen Krieg ist in den Köpfen der Muslime bei weitem nicht so Schrecken erregend wie in der Bevölkerung nicht islamischer Staaten. Das ergibt sich aus der islamischen Historie, in der alle islamischen Kriege als heroisch, gerecht und vor allem siegreich verklärt wurden. Ein solcher Kriegszustand ist für die meisten Muslime keine Horrorvorstellung, sondern ein erstrebenswerter Zustand, in dem der Einzelne seinen Glauben durch den Kampf für ihn beweisen und sein Platz im Paradies sichern kann, den er vielleicht durch irdische Verfehlung bereits in Gefahr gebracht hat. Dies führt noch nicht in einen Krieg, aber in eine weit verbreitete Bereitschaft mit dem Gedanken an einen solchen zu spielen und diesen schnell und oftmals unter nichtigem Grund zu fordern. Eine solche Konditionierung wird noch erleichtert, wenn ein klares Feindbild vorhanden ist und um dieses in der muslimischen Welt zu schaffen, haben sich die westlichen Staaten alle erdenkliche Mühe gegeben. Die meisten Konflikte innerhalb der arabischen Welt im Laufe der  letzten Jahrhunderte führten zur Besetzung durch westliche Truppen oder wurden durch westliche Militärhilfe entschieden. In islamischen Medien sind Kriegshandlungen seit Jahrzehnten bestimmend und bei all den Bomben und Gemetzel sind immer ausländische Truppen im Bild. Deutlich zu erkennen durch das Sternenbanner auf den Uniformen. Unter der gleichen Flagge flogen die Bomber, fuhren und fahren die Truppentransporter und die Kriegsschiffe die nunmehr seit zwei Jahrzehnten einen maßgeblichen Teil der muslimischen Welt in einem permanenten Kriegszustand halten. Die islamische Welt hat ihren Feind klar und deutlich ausgemacht und dieser Feind sind wir.

Der Aufschrei des Westens nach der Tötung der Diplomaten und des Botschaftspersonals stößt in der  muslimischen Welt auf Unverständnis. Nach ihrem Verständnis kann man sich kaum über ein paar Tote aufregen, wenn ihr Prophet beleidigt und damit die Wahrheit ihres Glaubens in Frage gestellt wurde. Diese Haltung wird durch den Koran gestützt. Sure 2, Vers 191: “Und erschlagt sie die Ungläubigen, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben; denn Verführung zum Unglauben ist schlimmer als Totschlag.“ Weiter in Sure 4, Vers 89: „Sie möchten gern, ihr wäret ungläubig, so wie sie ungläubig sind, damit ihr gleich wäret. Nehmt euch daher niemand von ihnen zu Freunden, solange sie nicht um Gottes willen auswandern! Und wenn sie sich abwenden, dann greift sie und tötet sie, wo ihr sie findet, …“

Der oberste und religiöse Führer des Iran – Ayatollah Khamenei, des einzigen islamischen Gottesstaates legitimierte öffentlich solche Bluttaten mit den Worten: “Die Christen und Juden sagen: Du sollst nicht töten! Wir sagen, dass das Töten einem Gebet gleichkommt, wenn es nötig ist. Täuschung, Hinterlist, Verschwörung, Betrug, Stehlen und Töten sind nichts anderes als Mittel für die Sache Allahs!” (gleichlautend geäußert von Mohammed Nawab-Safavi in “Dschame’eh va Hokumat Islami” Teheran 1985, 2. Ausg. S. 63, auf deutsch zitiert aus “Morden für Allah” von Amir Taheri, München 1993, Droemersche, S. 56)

Genauso wenig wie die Empörung einer breiten muslimischen Bevölkerung über das Video hier nicht nachvollzogen werden kann, genauso wenig wird in muslimischen Staaten unsere Empörung und unser Wunsch nach freier Meinungsäußerung nachvollzogen. Die Lösung dieser Krise besteht nicht darin ein Konsens zwischen islamischen und westlichen Werten zu finden, da ein solcher Konsens für beide Seiten einen Identitätsverlust mit sich bringt, der in Zukunft nur noch schlimmere und folgenreichere Eskalationen provoziert. Eine nachhaltige Lösung ergibt sich nur aus einer Ausdifferenzierung der Gesellschaftssysteme, die beide autark existieren lässt, ohne durch Zwangsvergemeinsamung aufgrund globaler wirtschaftlicher Interessen gefährliche und in Zukunft immer unberechenbarer werdende Konflikte, um ein, in Teilen der Politik und Wirtschaft gewünschtes aber nicht existierendes, gemeinsames Wertesystem zu schüren.

Für einige Politiker scheint sich nun die Frage zu stellen, ob das Video verboten werden soll. Ein Verbot würde ihrer Ansicht nach eine weitere Eskalation verhindern. Abgesehen davon, dass ein Verbot eine unerträgliche Beschneidung unserer Grundwerte wäre, würde es ein Exempel statuieren und eine Eskalation in Zukunft überhaupt erst ermöglichen. Die Botschaft an die Welt wäre deutlich. Die westliche Welt hält nur solange an ihren ach so hohen Idealen fest, bis man ihr droht. Droht man nur lange und vehement genug, wirft der Westen in vorauseilendem Gehorsam seine Werte über Bord. Diese Botschaft wird gehört werden und wie ein Brandbeschleuniger in zukünftigen Interessenkonflikten wirken. Es scheint ein Kalkül zu sein, das seine Wirkung nicht verfehlt, zumindest innerhalb unserer Regierung ist bereits jetzt die Wirkung der Drohungen zu spüren. Ihre Forderungen nach einem Verbot des Videos werden lauter.

Politiker unserer Regierungen bemühen gerne die Floskel, dass auch freie Meinungsäußerung ihre Grenzen habe und bekennen sich damit zur Begrenzung dieser. Es ist eine Unart und schlicht unrichtig eine begrenzte Möglichkeit der Meinungsäußerung, und sei dieses noch so vernünftig, als „frei“ zu bezeichnen. Eine Meinungsäußerung ist entweder frei oder sie ist es nicht und jeder Kompromiss dazwischen ist eine bewusste Täuschung zur Aufrechterhaltung eines Trugbildes, das suggeriert etwas zu sein, was es nicht ist.

Wenn es unser Interesse ist für unsere Werte nicht angegriffen zu werden, sollten wir den überheblichen Versuch unterlassen, unsere Werte anderen aufzuzwingen. Tun wir dies aber weiterhin, dürfen wir uns nicht wundern, dass diese Werte auch in einem anderen Wertesystem bestehen müssen und damit von den solcherart Zwangsbeglückten auch in Frage gestellt werden können.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren