Innocence of Muslims


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Ein Video, welches an sich durch seine dilettantische Machart bereits an seiner Ernsthaftigkeit zweifeln lässt, ist zum Auslöser von gewalttätigen Protesten in der muslimischen Welt geworden. Eine Weltreligion gibt sich empört und lässt den Fanatikern in den eigenen Reihen freie Hand, während westliche Demokratien in Sorge um die bilateralen Beziehungen zu den arabischen Staaten vorauseilend die Säulen ihrer demokratischen Gesellschaftsformen in Frage stellen.

Was wie die missglückte Aufführung einer Gesellschaftssatire anmutet und von seinem Inhalt kaum zu mehr als zu einem Treppenwitz internationaler Politik reicht, hat sich schlagartig als eine internationale Krise entpuppt. Das fragwürdige Video ist ein Home-Video fundamentaler Christen und war der Auslöser, aber es war nicht die Ursache für diese Eskalation. Es war nur einer der oft zitierten Tropfen, die in regelmäßigen Abständen das Fass zum überlaufen bringen. Das, was wir aus den Metropolen der muslimischen Welt zu sehen bekommen, ist nicht neu und wiederholt sich nicht erst seit der Veröffentlichung der Mohammed Karikaturen, in immer kürzeren Abständen. Nicht nur die Quantität dieser wiederkehrenden Eskalationen, sondern auch die Qualität dieser nimmt von mal zu mal zu. Die qualitative Aufwertung der aktuellen Eskalation ergibt sich aus der Erstürmung von Botschaften und der damit verbundenen in Frage-Stellung ihrer Integrität. Eine derartige Beschädigung der Grundwerte internationalem Rechts kann von der Völkergemeinschaft nicht toleriert werden. In Ermangelung adäquater  Reaktionsmöglichkeiten, dadurch dass ein wütender Mob keine staatliche Institution und damit kein dingfest zu machender Adressat ist, versucht die Diplomatie in vorauseilendem Gehorsam die aufgebrachten Massen zu beruhigen, indem sie die Forderung des Verbotes des Videos propagiert und mittels hochrangiger Politiker, zumeist der Außen-Ressorts, so platziert, dass diese mittels der internationalen Medien an den Brennpunkten gehört werden.

Der Auslöser der Proteste war das Video, doch dieser Auslöser ist beinahe beliebig austauschbar und wird auch in Zukunft immer neu gefunden werden. Die Ursache der Proteste ist jedoch die Politik der westlichen Demokratien gegenüber den muslimischen Staaten. Es sind die westlichen Demokratien, die die Definitionshoheit für sich in Anspruch nehmen, für das wie eine freiheitliche Gesellschaft auszusehen hat und auf welchen Werten sie zu beruhen hat. Die muslimische Welt hat in den vergangenen Jahrzehnten unter einem hohen Blutzoll lernen müssen, dass Demokratie die Einführung der Marktwirtschaft bedeutet – einem globalisierten Wirtschaftssystem, in dem die meisten muslimischen Länder nicht oder nur bedingt konkurrenzfähig sind und dass gerade in diesen Ländern allzu oft nicht den Wohlstand, sondern die Abhängigkeit brachte. Auch eine zweite Lehre blieb ihnen nicht erspart. Sie lautet: Demokratie ist die Freiheit, die mittels Kampfbombern kommt, wenn man sie nicht freiwillig rein lässt. Nicht zuletzt die Kriege im Irak und Afghanistan haben ein tiefes Trauma  der Demütigung innerhalb der muslimischen Welt hinterlassen.

Die meisten derer, die nun wütend auf den Strassen protestieren, haben in ihrem gesamten Leben nur ein einziges Buch in der Hand gehalten, den Koran. Der Einfluss und die Bedeutung der Worte des Koran werden in westlichen Staaten zumeist ignoriert oder unterschätzt und stehen in völligem Gegensatz zu den Ansprüchen westlicher Demokratien. Muslimische Staaten wollen keine Demokratie, zumindest keine, die wir als Demokratie verstehen würden. Ein Umstand, der sich auch deutlich in der Forderung der Massen nach einem Verbot des Videos offenbart. Ein Verbot scheint ihnen nicht nur angemessen, sondern zwingend erforderlich, sowie es in ihrem Selbstverständnis völlig normal ist, dass demokratische Grundrechte nicht gelten, wenn sie in einem Interessenkonflikt zum Islam stehen und Staaten in erster Linie einen solchen Interessenkonflikt im Sinne des Islam zu beenden haben. Diese Forderungen zeigen die Bedeutung eines Staatsgebildes in islamischen Ländern. Der Staat hat nicht die Aufgabe die Gleichheit der Interessen zu wahren, sondern ist die weltliche Umsetzung des Islam und dies insbesondere auch in Staaten, von denen uns die Politik gerne glauben macht, dass diese nicht fundamentalistisch seien.

Der wütende Mob, angestachelt durch die Vorbeter in den Moscheen, erkennt einen Angriff auf den Islam durch eine vermeintliche Verunglimpfung seines obersten Vertreters, des Propheten Mohammed. Solche „Angriffe“, und oftmals reichte schon die Vermutung solcher, waren in der islamischen Geschichte oft genug Kriegsgründe. Der Wunsch nach einem solchen Krieg ist in den Köpfen der Muslime bei weitem nicht so Schrecken erregend wie in der Bevölkerung nicht islamischer Staaten. Das ergibt sich aus der islamischen Historie, in der alle islamischen Kriege als heroisch, gerecht und vor allem siegreich verklärt wurden. Ein solcher Kriegszustand ist für die meisten Muslime keine Horrorvorstellung, sondern ein erstrebenswerter Zustand, in dem der Einzelne seinen Glauben durch den Kampf für ihn beweisen und sein Platz im Paradies sichern kann, den er vielleicht durch irdische Verfehlung bereits in Gefahr gebracht hat. Dies führt noch nicht in einen Krieg, aber in eine weit verbreitete Bereitschaft mit dem Gedanken an einen solchen zu spielen und diesen schnell und oftmals unter nichtigem Grund zu fordern. Eine solche Konditionierung wird noch erleichtert, wenn ein klares Feindbild vorhanden ist und um dieses in der muslimischen Welt zu schaffen, haben sich die westlichen Staaten alle erdenkliche Mühe gegeben. Die meisten Konflikte innerhalb der arabischen Welt im Laufe der  letzten Jahrhunderte führten zur Besetzung durch westliche Truppen oder wurden durch westliche Militärhilfe entschieden. In islamischen Medien sind Kriegshandlungen seit Jahrzehnten bestimmend und bei all den Bomben und Gemetzel sind immer ausländische Truppen im Bild. Deutlich zu erkennen durch das Sternenbanner auf den Uniformen. Unter der gleichen Flagge flogen die Bomber, fuhren und fahren die Truppentransporter und die Kriegsschiffe die nunmehr seit zwei Jahrzehnten einen maßgeblichen Teil der muslimischen Welt in einem permanenten Kriegszustand halten. Die islamische Welt hat ihren Feind klar und deutlich ausgemacht und dieser Feind sind wir.

Der Aufschrei des Westens nach der Tötung der Diplomaten und des Botschaftspersonals stößt in der  muslimischen Welt auf Unverständnis. Nach ihrem Verständnis kann man sich kaum über ein paar Tote aufregen, wenn ihr Prophet beleidigt und damit die Wahrheit ihres Glaubens in Frage gestellt wurde. Diese Haltung wird durch den Koran gestützt. Sure 2, Vers 191: “Und erschlagt sie die Ungläubigen, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben; denn Verführung zum Unglauben ist schlimmer als Totschlag.“ Weiter in Sure 4, Vers 89: „Sie möchten gern, ihr wäret ungläubig, so wie sie ungläubig sind, damit ihr gleich wäret. Nehmt euch daher niemand von ihnen zu Freunden, solange sie nicht um Gottes willen auswandern! Und wenn sie sich abwenden, dann greift sie und tötet sie, wo ihr sie findet, …“

Der oberste und religiöse Führer des Iran – Ayatollah Khamenei, des einzigen islamischen Gottesstaates legitimierte öffentlich solche Bluttaten mit den Worten: “Die Christen und Juden sagen: Du sollst nicht töten! Wir sagen, dass das Töten einem Gebet gleichkommt, wenn es nötig ist. Täuschung, Hinterlist, Verschwörung, Betrug, Stehlen und Töten sind nichts anderes als Mittel für die Sache Allahs!” (gleichlautend geäußert von Mohammed Nawab-Safavi in “Dschame’eh va Hokumat Islami” Teheran 1985, 2. Ausg. S. 63, auf deutsch zitiert aus “Morden für Allah” von Amir Taheri, München 1993, Droemersche, S. 56)

Genauso wenig wie die Empörung einer breiten muslimischen Bevölkerung über das Video hier nicht nachvollzogen werden kann, genauso wenig wird in muslimischen Staaten unsere Empörung und unser Wunsch nach freier Meinungsäußerung nachvollzogen. Die Lösung dieser Krise besteht nicht darin ein Konsens zwischen islamischen und westlichen Werten zu finden, da ein solcher Konsens für beide Seiten einen Identitätsverlust mit sich bringt, der in Zukunft nur noch schlimmere und folgenreichere Eskalationen provoziert. Eine nachhaltige Lösung ergibt sich nur aus einer Ausdifferenzierung der Gesellschaftssysteme, die beide autark existieren lässt, ohne durch Zwangsvergemeinsamung aufgrund globaler wirtschaftlicher Interessen gefährliche und in Zukunft immer unberechenbarer werdende Konflikte, um ein, in Teilen der Politik und Wirtschaft gewünschtes aber nicht existierendes, gemeinsames Wertesystem zu schüren.

Für einige Politiker scheint sich nun die Frage zu stellen, ob das Video verboten werden soll. Ein Verbot würde ihrer Ansicht nach eine weitere Eskalation verhindern. Abgesehen davon, dass ein Verbot eine unerträgliche Beschneidung unserer Grundwerte wäre, würde es ein Exempel statuieren und eine Eskalation in Zukunft überhaupt erst ermöglichen. Die Botschaft an die Welt wäre deutlich. Die westliche Welt hält nur solange an ihren ach so hohen Idealen fest, bis man ihr droht. Droht man nur lange und vehement genug, wirft der Westen in vorauseilendem Gehorsam seine Werte über Bord. Diese Botschaft wird gehört werden und wie ein Brandbeschleuniger in zukünftigen Interessenkonflikten wirken. Es scheint ein Kalkül zu sein, das seine Wirkung nicht verfehlt, zumindest innerhalb unserer Regierung ist bereits jetzt die Wirkung der Drohungen zu spüren. Ihre Forderungen nach einem Verbot des Videos werden lauter.

Politiker unserer Regierungen bemühen gerne die Floskel, dass auch freie Meinungsäußerung ihre Grenzen habe und bekennen sich damit zur Begrenzung dieser. Es ist eine Unart und schlicht unrichtig eine begrenzte Möglichkeit der Meinungsäußerung, und sei dieses noch so vernünftig, als „frei“ zu bezeichnen. Eine Meinungsäußerung ist entweder frei oder sie ist es nicht und jeder Kompromiss dazwischen ist eine bewusste Täuschung zur Aufrechterhaltung eines Trugbildes, das suggeriert etwas zu sein, was es nicht ist.

Wenn es unser Interesse ist für unsere Werte nicht angegriffen zu werden, sollten wir den überheblichen Versuch unterlassen, unsere Werte anderen aufzuzwingen. Tun wir dies aber weiterhin, dürfen wir uns nicht wundern, dass diese Werte auch in einem anderen Wertesystem bestehen müssen und damit von den solcherart Zwangsbeglückten auch in Frage gestellt werden können.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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