Mikrogesellschaften


 

gesell

Der Erfolg oder Misserfolg jeder zukünftigen Gesellschaft wird maßgeblich von zwei Faktoren bestimmt werden. Zum einen von der Freiheit die sie jedem Individuum zugesteht, dem Maß in welchem einem Individuum ein selbst bestimmtes und eigenverantwortliches Leben ermöglicht wird und zum anderen von der ökologischen Verträglichkeit der Gesellschaft in ihrem Ganzen, in Bezug auf die sie umgebende Umwelt.

Beide Maßgaben können von Großgesellschaften nicht verwirklicht werden. Großgesellschaften bedürfen großer Regelwerke um die große Anzahl ihrer Mitglieder zu verwalten, sowie gesellschaftliche Entwicklungen von den individuellen Bedürfnissen ihrer Teilnehmer abgekoppelt sind, da der Einzelne in ihr nicht mehr wahrgenommen wird. Auch die ökologische Verträglichkeit kann in Großgesellschaften nicht verwirklicht werden, da die Versorgung vieler Menschen nur doch große Warenströme erreicht werden kann, einem der Grundprobleme in der ökologischen Bilanz der heutigen Gesellschaften. Großgesellschaften dienen weder den Menschen noch der Umwelt, sie sind Machtanspruchskonstrukte eines anachronistischen Weltbildes.

Der Zeit der Großgesellschaften wird eine Epoche von Mikrogesellschaften folgen. Gesellschaften die klein genug sind autark zu existieren, die auf die individuellen Belange ihrer Mitglieder eingehen können und flexibel genug sind, sich verändernden Umweltbedingungen anzupassen.

Der Zusammenbruch der Großgesellschaften, welcher im Grunde keine Frage des „ob“, sondern eine Frage des „wann“ ist, ist auch den Regierungen bereits bewusst. Sie versuchen durch die Gründung von Mega – Gesellschaften eine Gegenbewegung zu etablieren und geben zumindest in Europa bereits unumwunden zu, dass Einzelstaaten keine Zukunft haben werden.

Das Ende der Großgesellschaften wird geprägt sein von inneren Unruhen, die sich aus dem Zerfall des Staatsgebildes ergeben, aber auch von Verteilungskämpfen, einer Folge des Zusammenbrechens der Warenströme und der sich daraus ergebenden Knappheit an Gütern. Diesem Prozess werden die Staaten, zum Zwecke des Erhaltes ihrer Strukturen mit Gewalt entgegen wirken. Bürgerkriege im Inneren, als auch internationale Ressourcen – Kriege werden die Folge sein. Internationale Studien, die sich mit diesem Szenario beschäftigt haben gehen davon aus, das durch die direkten oder indirekten Folgen eines Kollapses der Gesellschaften und des Weltwirtschaftssystem, wie Nahrungsmittelknappheit und Kriege, in einigen Teilen der Welt die Bevölkerung um die Hälfte dezimiert werden wird. Sie gehen weiterhin davon aus, das die Anzahl der zu erwartenden Opfer analog der Größe der zerfallenden Systeme steigt.

Dieser Zerfallsprozess wird kein einmaliger Knall sein, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der sich über eine Dekade hinziehen wird. Erkennbar für die Menschen wird dieser Prozess durch den langsamen Zerfall staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen und die Häufung kriegerischer Auseinandersetzungen, sowie durch die von den Menschen empfundenen Härten, die sich aus staatlichen Gegenmaßnahmen ergeben.

Letztendlich wird es wieder ein Krieg sein, der seinen Sieger die staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen seiner Gegner zerschlagen lässt, ohne jedoch noch die Kraft zu haben seine eigenen Strukturen zu etablieren. Die Folge ist Anarchie, die unreglementierte Räume schafft in der sich Menschen zu neuen, kleinen Gesellschaften zusammen finden werden. Diese Mikrogesellschaften werden nicht mehr durch hoheitliche oder internationale Interessen getragen werden, sondern auf kulturellen Gemeinsamkeiten und kompatiblen Wertesystemen beruhen, was Interessenkonflikte deutlich vermindern wird.

Auch zukünftige Mikrogesellschaften werden sich Regeln geben, unter welchen das Zusammenleben gestaltet werden wird. Diese werden aufgrund der begrenzten Anzahl ihrer Mitglieder sehr viel weniger reglementierend und dadurch für den Einzelnen freizügiger sein. Dennoch werden die Begründer zukünftiger Gesellschaften gut beraten sein, wenn sie um die strukturellen Fehler heutiger Gesellschaftsnormen wissen, um weniger selbst zerstörerische Regelwerke zu etablieren. Jede zukünftige Gesellschaft wird aufgerufen sein, einen Gesellschaftsvertrag aktiv mit ihren Mitgliedern zu schließen und nicht wie es zur Zeit üblich ist, einen solchen ungeschrieben und still schweigend voraus zu setzen.

Nur so wird es möglich sein, ihre Mitglieder in die Zielsetzung der Gesellschaft mit einzubeziehen und ihre aktive Teilnahme zu bekommen, die ansonsten wie heute üblich, durch eine ausufernde Normierung erzwungen werden muss, ohne einen tatsächlichen Erfolg zu dabei zu erreichen.

Ein solcher Gesellschaftsvertrag muss auf der Gleichberechtigung der unterzeichnenden Partner ausgerichtet sein und die Pflichten benennen die ein Teilnehmer zu erfüllen hat, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Ebenfalls sind die Rechte zu benennen, die aus seiner Teilnahme erwachsen.

Die Gemeinschaft hat als ausführendes Organ der Gesellschaft die Pflicht, die Rechte der Teilnehmer zu waren und als Recht, die Pflichten der Teilnehmer einzufordern. Die Gesellschaft als Vertragspartner des Teilnehmers darf keine Interessen verfolgen, die nicht den Interessen ihrer Teilnehmer entsprechen, darf keine eigenständige Instanz sein, die über eigene Machtstrukturen verfügt und kann nur durch ihre Mitglieder selbst repräsentiert werden.

Gesellschaft ist keine eigenständige Instanz, die durch eine Regierung vertreten wird, sondern der gedachte Wille einer Gemeinschaft, der durch die Gemeinschaft selbst vertreten wird. Gesellschaft ist eine Struktur des Innenverhältnisses, der Teilnehmer untereinander. Gesellschaft ist kein Machtanspruchskonstrukt und kann nicht eigenständig im Außenverhältnis oder gegenüber anderen Gesellschaften auftreten. Das obliegt ausschließlich den Teilnehmern. Nur so wird wirkungsvoll verhindert das anonyme Strukturen eigene Interessen entwickeln und ein System über die Belange des Einzelnen gestellt, oder als Hebel für die Durchsetzung von Einzelinteressen missbraucht wird.

Durch den Wegfall nationaler, sowie internationaler Strukturen, in denen Gesellschaften heute in ihrem Handeln gebunden und verpflichtet sind, werden die Mikrogesellschaften von morgen auf ihren eigentlich Zweck reduziert sein, der Organisation ihrer Teilnehmer untereinander. Durch den Verzicht von Mikrogesellschaften auf System erhaltende Machtstrukturen, dem fehlen der Notwendigkeit zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben, die sich aus der Unmöglichkeit der Vereinnahmung von Grund und Boden durch Besitz dessen ergibt, werden Territorialkonflikte zwischen den einzelnen Microgesellschaften ausgeschlossen und kriegerische Auseinandersetzungen auf ein Mindestmaß, welche in den Unwägbarkeiten der menschlichen Psyche begründet sind, reduziert.

Mikrogesellschaften von morgen müssen kein permanenter und zwanghafter Dauerkompromiss mehr sein, da sie keine Vielzahl unterschiedlichster Interessenlagen unter einem Dach vereinen brauchen. Sie werden speziell auf die Bedürfnisse einer Gruppe angepasst sein und flexibel genug, um sich veränderten Bedürfnislagen anzupassen. Durch die Vielfältigkeit der Menschen selbst, werden sich überall die verschiedensten Microgesellschaften bilden, die autark agieren und somit eine Nachhaltigkeit zu dem sie umschließenden Ökosystem ermöglichen. Es werden religiöse, weltanschaulich differente oder Tätigkeits orientierte Gesellschaften möglich sein und auch Gesellschaften die sich auf Lebensmodelle spezialisieren werden, wie z.B. veganische oder homosexuelle. Es wird sich eine Vielfalt von Gesellschaften entwickeln, die die Vielfalt der Menschen widerspiegelt und nur von der Fähigkeit einer nachhaltigen Lebensführung begrenzt ist

Die Qualität dieser Gesellschaften wird sich nicht ihrem Umgang mit denen bemessen, die ihr zustimmen und sie unterstützen, da diese selbst in despotischen Regimen privilegiert sind. Die Qualität von Gesellschaften bemisst sich an ihrem Umgang mit den Schwachen unter ihnen und denen die mit ihren Vorgaben und Regeln brechen. Schwäche wird in Microgesellschaften, die sich aus der Individualität des Einzelnen begründen kein Leistungsmerkmal mehr sein. Aus dem Bewusstsein einer kleinen Gesellschaft heraus ist jeder Teilnehmer grundsätzlich eine Bereicherung und keine Last. Die Menschen müssen nicht mehr in vordefinierten Leistungsnormen agieren und können somit ihre schwachen Seiten vernachlässigen, während die Gesellschaft von ihren starken Seiten profitiert.

Durch die geringe Zahl von Teilnehmen an einer Mikrogesellschaft können keine Sozialsystem vorgehalten werden, in denen Menschen in die Anonymität abgeschoben werden. Schwächeren zu helfen wird durch einen persönlichen Bezug zwischen dem Helfenden und dem Geholfenen ein integrierenden Bestandteil von Mikrogesellschaften sein, da Hilfe aus Mitteln der persönlichen Lebensführung des Helfenden entnommen werden muss. Das fehlen eines Sozialsystems innerhalb kleiner Gemeinschaften verhindert wirkungsvoll die Ablehnung von Hilfe, da sich jeder Teilnehmer bewusst ist, durch die Hilfe gegenüber anderen die Sicherheit zu erlangen, selbst Hilfe zu erfahren, wenn er sie benötigt.

Der Umgang mit denen, die der Gemeinschaft oder einzelnen schaden, in dem sie gegen die gemeinschaftlichen Regeln verstoßen, kann in Mikrogesellschaften einen völlig neuen Ansatz erfahren. In der heutigen Gesellschaft werden diese Menschen Straftäter genannt. Sie werden von den staatlichen Institutionen nach dem Schuld – und Sühne – Prinzip behandelt und bestraft, um in der Bevölkerung den Anschein des Rechtsfriedens zu erhalten. Diese Prinzip ist gegenüber dem Einzelnen ungerecht, weil gleich machend und gegenüber der Gesellschaft unsinnig, weil sie ihre Probleme nicht löst sondern verwahrt. Es ist heute zu beobachten, das im Umgang mit Straftätern eine Resozialisierung versucht wird, die in den allermeisten Fällen scheitert. Sie scheitert weil sie den falschen Ansatz hat. Resozialisiert werden kann nur, wer zuvor sozialisiert war und genau das war zumeist nicht gegeben, was per Definition durch die Straftat bewiesen wurde.

Eine kleine Gemeinschaft würde als Mikrogesellschaft nicht an, dem Rechtsfrieden geschuldete übergeordnete Rechtsnormen gebunden sein und könnte sich die Frage erlauben, warum diese Verfehlungen gegen ihre gesellschaftlichen Normen zu Stande kamen und eine individuelle Reaktion der Gesellschaft, getragen durch ihren mehrheitlichen Willen ermöglichen. Der individuelle Charakter dieser gesellschaftlichen Reaktion würde das Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen stärken und die Individualität jeder Tat berücksichtigen.

Mikrogesellschaften können in Zukunft eine neue Ära der menschlichen Kultur einleiten und sind ihrem Wesen nach freier und gerechter als Großgesellschaften es sein können, aber sie haben auch ihre Grenzen. Ihre Grenzen werden zum einen bestimmt von den Umweltbedingungen die sie vorfinden und auf die sie weit mehr angewiesen sind als Großgesellschaften, da sie nur autark agierend ihre Existenz, als auch die Existenz ihrer Mitglieder sichern können. Die zweite Begrenzung ist die Begrenzung in ihrer Größe, die sich aus der Anzahl ihrer Teilnehmer ergibt. Diese Begrenzung tritt ein, wenn die Anzahl ihrer Teilnehmer die Kommunikationswege so deutlich verlängert, das entweder nicht mehr alle Teilnehmer an den Entscheidungsprozessen beteiligt sein können, oder aber Entscheidungen so viel Zeit brauchen, das sie ihren Sinn verlieren.

Bevor wir in Mikrogesellschaften eintreten können, werden wir den schmerzhaften Prozess der Auflösung der Großgesellschaften durchleben müssen. Innerhalb dieses Prozesses werden wir uns von vielen Annehmlichkeiten unseres heutigen Lebens trennen. Die meisten von uns werden schmerzliche Verluste ertragen und so ziemlich jeden wird der Verlust seiner wirtschaftlichen Existenzgrundlage dazu zwingen, über einen Neuanfang nachzudenken. Dieser Neuanfang wird sicher nicht einfach werden, aber ist vielleicht die letzte Chance die wir als Menschheit haben.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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3 Kommentare zu “Mikrogesellschaften”

  1. Wie kommst du nur auf die Idee, dass „Mikrogesellschaften“ größere Individuelle Freiheiten garantieren als große Gesellschaften? Die Geschichte singt ein ganz anderes Lied! „Stadtluft macht frei“ – der Aufstieg des Bürgertums und der Städte ermöglichte es vielen, aus den Dörfern abzuhauen und sich aus ihren Clans zu befreien, wo „jeder jeden kennt“ und sozial kontrolliert. Und wenn du mal guckst, wie es in heutigen Sekten zugeht: da ist nicht viel mit individueller Freiheit!

    Leben und leben lassen ist exakt der Reiz großer Gesellschaften, in denen idealerweise vom Einzelfall abstrahierte Gesetze die allgemeinen Rechte und Pflichten bestimmen „ohne Ansehen der Person“. Niemand ist gezwungen, mit den physischen Nachbarn Beziehungen zu pflegen – und das ist sehr angenehm so,.

    Auch hat nur eine ,kleine Minderheit Lust, ständig alles selbst zu verwalten und selbst zu gestalten oder forwährend mit Gruppen irgend etwas auszuhandeln. Sollen das doch die machen, die gerne managen und regeln, Interessenkonflikte moderieren und die Vertretung nach außen übernehmen.

    Ich bin jedenfalls froh, in einer Millionenstadt zu wohnen und nicht in einem Dorf. Gruppierungen suche ich spontan auf entlang an sich verändernden Interessen und verlasse sie auch wieder – online und offline, Mit keiner Gruppe wollte ich mehr zu tun haben als eben das, was unser gemeinsames Interesse ist. Und damit bin ich kein Unikum, sondern ziemlich normal.

  2. Es gab ja früher Mikrogesellschaften – die hatten allerdings hauptsächlich im Sinn, die Nachbarn zu erobern, um letztlich Großgesellschaften zu bilden. Warum sollte sich das denn ändern bzw. geändert haben? Man braucht Raum und Ressourcen – was hält den einen Stamm ab, den anderen zu überfallen?

    Was du schreibst, ist eine Träumerei – und noch nicht mal eine angenehme! Gruslig, so ein „zurück zur Horde“!

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