BGE – Eine Grundsatzfrage

 

Worms, WHW-Eintopfessen

Gemäß der Definition ist Neid das moralisch vorwerfbare, gefühlsmäßige Verübeln der Besserstellung konkreter Anderer. Wir neiden dem Nachbarn das schönere Haus, dem Freund den größeren Wagen oder dem Kollegen das höhere Gehalt, aber wir würden es nicht eingestehen. Anderen nicht und oft genug nicht einmal uns selbst. Neid wird aber auch uns entgegen gebracht, wobei uns fast alles im Leben geneidet werden kann. Zumeist jedoch trifft uns der Neid anderer aber, wenn es um Besitz geht, die materiellen Werte.

Im Zuge der globalen Kapitalkrise, bildete sich innerhalb der Gesellschaft ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit gegenüber materiellen Werten aus und in ihrer Folge das Phänomen eines kollektiven Abwehrreflexes. Es herrscht ein Gesellschaft übergreifender Konsens, dass die materiellen Werte zu schützen sind. Selbst zuvor Linien treue linke Ideologen geben sich unversehens pragmatisch. Erlaubt ist was hilft. Im Kampf um die materiellen Werte ist jedes Mittel recht. Eine dem entsprechend konditionierte Gesellschaft, befindet sich in einer permanenten Wagenburgmentalität und wird als treuer Vasall bereitwillig jedem Kriegsherrn dienen, wenn er nur verspricht die Festung zu halten. Hat eine Gesellschaft diese Haltung erst einmal eingenommen, kann sie am leichtesten mit medialer Scheinaufklärung gelenkt werden. Die Verlustangst ist die Antriebsfeder und Neid liefert das Feindbild, die Richtung.

In dieser Position befindet sich die Gesellschaft zurzeit gegenüber der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Ein Umstand der eine offene Debatte zu dieser Frage wirkungsvoll behindert.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist im Grunde keine eigene Forderung, sondern bei genauer Betrachtung nur die Konsequenz einer grundsätzlicheren Frage, aus derer Bejahung das bedingungslose Grundeinkommen zwangsläufig wäre. Gibt es ein allgemein gültiges Existenzrecht und unveräußerliche Menschenrechte? Wenn ja, dann wäre das bedingungslose Grundeinkommen das staatliche Bekenntnis dazu, da um dies in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verwirklichen, jedem der kapitalistische Grundwert Geld zur Verfügung stehen muss. Nicht als ein Ergebnis einer erfolgreichen Teilhabe an einer Gesellschaft, oder als gnadenvolle Alimentierung, sondern als Wahrnehmung eines Menschenrechts, welches höherrangig als jedes marktwirtschaftliche Argument sein muss.

Der politische Versuch, man könne das Menschenrecht bejahen und das bedingungslose Grundeinkommen davon abkoppeln und verneinen, führt in eine juristische und moralische Sackgasse. Wenn ein Menschenrecht vorliegt, dann ist es staatliche Aufgabe, es in der Gesellschaft durchzusetzen und damit wäre das bedingungslose Grundeinkommen einklagbar. Ein Ausweg wäre nur, denen die eine bedingungslose Existenz fordern einen Ort zu bieten, an dem sie ohne staatliche Hoheit leben würden und damit keine übergeordnete Instanz zur Durchsetzung dieses Rechtes verpflichtet und verklagbar wäre. Da es keine staatsfreien bewohnbaren Gebiete auf der Erde gibt, wären diese rechtsfreien Räume noch zu schaffen. Es ist zweifelhaft, dass sich unsere Regierung für diese Variante entscheidet. Wahrscheinlicher bleibt wohl die aktuelle Vorgehensweise, das bedingungslose Grundeinkommen auf sich allein, ohne die ihr zu Grunde liegende Fragestellung, zu begrenzen und damit nationales, europäisches und internationales Recht, als auch die Charta der Vereinten Nationen zu missachten. Diese Form der Rechtsbeugung ist die aktuelle Praxis der Bundesregierung, legitimiert durch das Wissen, dass auch kein anderer Staat sich diesem Menschenrecht beugen möchte und damit eingestehen würde, dass sein staatstragendes System, eben nicht die Demokratie sondern die Marktwirtschaft ist, in der die Demokratie nur die Verwaltungsform darstellt.

Die Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens ignorieren die zu Grunde liegende Fragestellung des Menschenrechts und wiegeln alle Versuche einer offenen Debatte, mit der vermeintlichen Unbezahlbarkeit dieses Vorhabens ab. Allzu oft wider besseren Wissens.

Seit Beginn der Kapitalkrise wurden viele Beispielrechnungen, namhafter Ökonomen und Wirtschaftsprofessoren publiziert, die das bedingungslose Grundeinkommen nicht nur für wirtschaftlich möglich, sondern auch für nötig halten. Wenn das Argument der Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens tatsächlich die Unwirtschaftlichkeit wäre, dann wäre doch zu prüfen welche Berechnungen stichhaltiger sind und nicht sie ungeprüft als unmöglich zu verwerfen.

Politiker entziehen sich Galant dem Thema, wo sie nur können. Sie wissen, dass sie in diesem Thema, wie zwischen Mühlsteinen der gesellschaftlichen Verwerfungen, zerrieben werden. Das bedingungslose Grundeinkommen droht auf höchster Entscheidungsebene zu verhungern, weil selbst die Ablehnung für einen Politiker, ein halsbrecherischer Akt auf seiner Karriereleiter ist. Parteien, Verbände und Gewerkschaften positionieren sich sehr zurückhaltend zu  diesem Thema und agieren mit peinlicher Vorsicht, nur um nicht als erster in das Haifischbecken der Grundsatzfrage zu fallen.

Auf niederer Ebene verbleibt die zurück gelassene Bevölkerung, in ihrer Angst geschürt und in ihrem Neid fest fokussiert, auf die Unverdienten, die in den Augen einer profanen Mehrheit das Menschenrecht auf bedingungslose Existenzsicherung nicht ausreichend verdient haben und Schmarotzer am Volkskörper sind. Hier stellt sich die Frage, ab wie viel geleisteter Arbeit ein Menschenrecht verdient ist. Ohne Arbeit bedeutet in dieser einfachen Denkweise, asozial, der Gesellschaft nicht zugehörig zu sein. Diffuse Ängste, dass nun keiner mehr etwas tun würde und dumme Floskeln, wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ sind Botschafter der Renaissance der Puritanität und eröffnen einen finsteren Blick in eine verstörte Gesellschaftseele.

Ist das wirklich das Land, das stolz auf seine Dichter und Denker ist? In ihrem Geiste handeln sie nicht. Ist diese Gesellschaft, die eine der reichsten der Welt ist und den Anspruch erhebt die freieste zu sein, nicht bereit die Kosten für die Durchsetzung eines Menschenrechts aufzubringen und nicht mutig genug dies auch durchzusetzen?

Was ist eigentlich so undenkbar an einem Leben, ohne arbeiten zu müssen?

Auch ohne einen tieferen Einblick, wird die Fragestellung zunehmend mehr zu einem bestimmenden gesellschaftlichen Thema werden und Gegner könnten Befürworter werden. Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die klaffende Schere zwischen arm und reich, die Verarmung ganzer Bevölkerungsteile in bedenklichen und unterbezahlten Arbeitsverhältnissen bei gleichzeitig massiv zunehmender Subventionierung  der Finanzeliten, setzt sozialen Sprengstoff frei und zerrt an den Enden der Gesellschaft. Wenn die Bundesregierung nicht möchte, dass es dabei zu einer endgültigen Zerreißprobe kommt, dann wird sie einen Zwirn finden müssen, mit dem sich der größte Teil der Gesellschaft zusammen nähen lässt. Dieser Faden könnte das bedingungslose Grundeinkommen sein. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade das so verhasste und gescholtene Durchführungsmodell des Menschenrechts auf bedingungslose Existenz, das letzte Rettungsnetz der Gesellschaft sein kann.

Entgegen der euphorischen Sicht, die die Befürworter betreiben, werden ideologische und zu hohe Ansprüche und Erwartungen, die sich an das bedingungslose Grundeinkommen knüpfen, wohl nicht von diesem erfüllt werden.

Es steht jedoch auch zu befürchten, das ein BGE die dem Kapitalismus systemisch bedingende Gier entfachen und ganze Berufsgruppen zur Kapitalabschöpfung am untersten Ende der Besitzskala animiert. Dies gelte es zu verhindern. Ansonsten würde Hunger und Obdachlosigkeit von den Strassen verbannt, aber auch den Wohnraum und die Grundnahrungsmittel verteuert. Auch darüber hinaus wäre die Einführung des BGE eine gesellschaftliche Herausforderung. Es würde Menschen Zeit bringen und viele würden an dieser Zeit verzweifeln, da sie durch die permanente Terminierung ihres Lebens, verlernt haben mit ihr umzugehen. Unterbezahlte Arbeit würde verschwinden und mit ihr die Profiteure aus ihr, aber dadurch würden Arbeiten, die wir für selbstverständlich halten, nicht mehr angeboten werden, weil sie nicht selbstverständlich, sondern ausbeuterisch sind.

Auch die politischen Verwerfungen wären gravierend. Durch die zur Verfügung stehende Zeit würde sich die Gesellschaft zunehmend politisieren und dadurch überzeugende politische Mehrheiten unwahrscheinlich machen.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Frage des Geldes. Es ist zum verheimlichten Mittelpunkt eines gesellschaftlichen und politischen Stellungskrieges geworden. Ideologien prallen hier in ihren Grundfesten aufeinander und verhindern jegliche Initiative der Politik und Gesellschaft. Der gesellschaftliche Teil der die Entscheidung erzwingen muss und wohl auch wird, bleibt vorerst weiter von der Angst gefangen, die die Interessenverbände schüren und folgt weiter dem Neid, der ihm medial vermittelt wird.

Die Problematik des bedingungslosen Grundeinkommen, ist letztendlich eine menschen- und völkerrechtliche Fragestellung und aus dieser wird sich das BGE etablieren müssen und können.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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Von zynischer Kühnheit, schamloser Dekadenz und grenzenloser Dummheit

In was für einer Gesellschaft leben wir? Eine von vielen möglichen Antworten ist diese.

Wir leben in einer Gesellschaft in der viel zu Viele, satt und zufrieden vor ihrem Flat Screen sitzt, um sich die täglichen Katastrophenmeldungen, als einen genüsslich erschauernden „Guten Abend Kick“ zu holen. Eine Gesellschaft die gelernt hat, dass keine Nachricht so grausam sein kann, als das man sie nicht wegzappen könnte. Eine Gesellschaft die verdrängt und sich ihre moralische Integrität mit Sach- und Geldspenden erkauft. Es ist eine Welt der Guten und der Bösen, wobei wir immer die Guten und die Anderen die Bösen sind. Ein festes moralisches Gewand an dem jede Verantwortung abperlt.

Die Welt in der wir leben, offenbart jedoch andere Realitäten. Die Realität droht mit dem Kollaps der Ökosysteme und dem Zerfall menschlicher Ökonomien. Die Erde ist zu einer gigantischen Müllhalde unserer Zivilisation verkommen, in deren Fäkalien wir langsam verenden. In jedem der Weltmeere schwimmen hochgiftige Kunststoffkontinente von der Fläche Europas. Wasser und Nahrung sind zunehmend Herbiziden, Pestiziden und Fungiziden verseucht. Sie töten schleichend alles Leben, auch uns selbst. Nach Schätzungen der UN sterben jedes Jahr Millionen Menschen direkt oder indirekt an diesen Vergiftungen. Die Tiere die dieses Schicksal teilen müssen, werden nicht gezählt und die Pflanzen sterben leise. Wir haben gewaltige Flächen auf diesem Planeten geschaffen die so nachhaltig verseucht sind, das sie für viele Jahrhunderte für Mensch und Tier unbewohnbar bleiben werden. Wir verpesten die Atmosphäre, vergiften die Biosphäre und betreiben Raubbau an jeder natürlichen Ressource. Jeden Tag sterben aufgrund unseres rücksichtslosen Handelns, tausende Tier- und Pflanzenarten endgültig aus. Milliarden Tiere werden tagtäglich schmerzvoll gemästet und getötet, weil sie nichts mehr als ein Konsumprodukt sind. Zehntausend Kinder verhungern jeden Tag, während es am selben Tag neunhundert neue Millionäre gibt. Nur einer könnte alle retten, doch sie werden auch morgen sterben, während wir den Erfolg der nächsten Neunhundert bejubeln werden. Milliarden Menschen fristen ihr Dasein unter der Armutsgrenze, zum Wohle einer immer fetter werdenden Wohlstandsgesellschaft, zynisch begleitet von populären Forderungen nach Effizienz und einer marktgerechten Gesellschaft.

Doch wer trägt die Verantwortung an diesem Desaster? Sind es die Anderen?

Nein. Du und Ich. Wir tragen diese Verantwortung.

Wir beauftragen unsere Politiker, die Entscheidungen zu treffen, die diesen Wahnsinn aufrechterhalten. Wir bestechen die Wirtschaft noch maß- und rücksichtsloser zu agieren, durch den Kauf all der Dinge, die wir besitzen wollen, aber nicht wirklich brauchen. Wir treiben den Finanzkapitalismus an, denn wir sind es die mehr Zinsen, mehr Geld und mehr Lohn fordern. Wir verschließen die Augen und sind immer noch gewillt diesen Propheten aus Wissenschaft, Ökonomie und Politik, die uns in diese fatale Lage geführt haben zu glauben, dass ausgerechnet sie einen Weg aus dieser Katastrophe heraus zeigen könnten oder auch nur wollten. Wir sind es die aufschreien, wenn wir nicht zu jeder Jahreszeit die exotischsten Früchte im Supermarkt vorfinden. Wir bilden uns ein, das die Armada von Strahltriebwerken in der oberen Atmosphäre, die uns an die entferntesten Urlaubsorte bringt, irgendwie zu rechtfertigen sei. Wir bilden uns ein, dass im Überfluss vorhandene und billige Lebensmittel folgenlos sind und zwingen Bauern ihre Böden zu überdüngen. Es ist Deine und meine, es ist unsere Gier. Sie bildet ein gewaltiges Kollektiv der Maßlosigkeit. Jeder von uns bildet sich ein, ihm stünden die Erfolgsdevotionalien einer wohlstandspervertierten Gesellschaft zu.Wir bilden die ökonomische Supermacht die Banken, Konzerne und Regierungen vor sich hertreibt und jede ihre Totsünden gnädig legitimiert.

Wir wälzen die Verantwortung auf andere ab, doch es gibt keine anderen. Es gibt nur uns. Da sind keine bösen Mächte und keine finsteren Verschwörungen, da sind nur wir. Die Politiker, Finanzjongleure und Wirtschaftsmagnaten agieren nicht gegen unseren Willen, sie folgen ihm. Sie kommen aus unserer Mitte und sind unsere Eliten, unsere „Besten“. Wir versuchen sogar unsere Kinder so auszubilden, wie wir diese Eliten ausgebildet und gefördert haben. Wir können uns nicht wundern, wenn sie das tun, was wir sie lehrten zu tun. Unsere Kritik an ihnen ist letztlich der Neid, nicht selber so maßlos sein zu dürfen.

Fortschritt und Wachstum sind unsere Götter, in deren Namen wir diese Welt zerstören.  Jeder einzelne von uns weiß darum und macht es überhaupt erst möglich. Die Zustände die uns umgeben sind nicht einfach geschehen, sie wurden durch uns geschaffen. Es kann keine Rechtfertigung für diese Gier und Ignoranz geben. Du und ich, wir sollten bessere Wege kennen.

Durch unsere tägliche Arbeit halten wir diese gigantische Maschinerie am laufen und produzieren die Dinge die diese Welt zerstören. Unser Konsum befeuert den Raubbau an Ressourcen. In schamloser Dekadenz konsumieren wir das Leiden eines ganzen Planeten. Unsere Gier nach Besitz, schafft die Armut der Welt. Wir leben in einer Welt der Endlichkeiten und damit fehlt was wir im Übermaß besitzen oder konsumieren anderen, sei es Mensch oder Tier, zum Erhalt der Lebensgrundlage. Die Raffgier der Finanzjongleure und Konzerne ist nichts weiter als Deine und meine Raffgier, die diese, nicht zuletzt zu unserem Profit und in unserem Auftrag umsetzen. Unsere Ökonomie ist nicht eine des Wohlstands, sondern eine der Verarmung Vieler zum Wohle Weniger. Wir sind die Profiteure und verteidigen diese Ökonomie erbittert gegen jeden Wiederstand. In der perfiden Lethargie des Wohlgenährten, gönnen wir uns dazu noch zynisch die Kühnheit, über Stellschrauben oder Reformen zu dieser menschlichen Katastrophe zu philosophieren. Es ist unzweifelhaft eine menschliche Katastrophe, denn sie hatte ihren Ursprung in einer wahnwitzigen Idee; Der Mensch sei die Krone der Schöpfung und die Welt ihm Untertan. Aus einer irren Idee wurde eine alles durchtränkende Ideologie und schließlich ein vernichtender Humanismus.

Aus evolutions-geschichtlicher Sicht ist das Ganze kein Problem, sondern eine der vielen Metamorphosen, die sich die Biomasse unterzieht. Arten sterben aus, andere entstehen. Welch ein Dilemma. Der Mensch nutzt seine kognitive Überlegenheit als Werkzeug seiner Dummheit und begeht einen Arten-Genozid nach dem anderen, bis er schließlich sich selbst richtet. Ein evolutionärer Fehlversuch .

Es wäre grob fahrlässig, den so jämmerlich gestrauchelten Menschen, in seiner Art weiter gewähren zu lassen. Es ist nicht nur sein Untergang den er auf dem Hochaltar seiner Ideologie zelebriert. In noch größerem Maße wie er sich gefährdet, gefährdet er dann weiterhin, alle die mit ihm ihren Lebensraum teilen. Das Sterben wird weiter gehen und unsere Welt wird immer giftiger werden. Wie könnte ein Recht begründet werden, damit fortfahren zu dürfen?

Wir reden viel über Ethik. Haben wir das Recht über Ethik zu philosophieren, nicht längst verwirkt? Was weiß der Henker schon vom Leben, außer das es sein Ziel ist es zu töten. Wir entstellt muss eine Ethik sein, die uns noch eine Rechtfertigung geben könnte? Ob wir nun Glauben, das die Vielfalt der Schöpfung Gottes Werk, oder das Wunderwerk der Evolution ist. Was legitimiert diese gleichgültige Arroganz, dem Leben gegenüber?

Du und ich, jeder von uns, ist in vollem Umfang für alles was der Natur, dieser Erde und den vielen Verlieren dieses Systems geschieht, persönlich verantwortlich und wird am Ende dafür haften.

Jeder von uns, der mehr besitzt, mehr konsumiert oder mehr Geld verdient, als er für eine bescheidene und maßvolle Lebensführung bräuchte, macht sich vor dem Hintergrund des tatsächlichen Zustandes der Erde schuldig. Jeder von uns, der nicht alles, was er zu viel hat, aufgibt und nicht alles versucht, ein nachhaltiges Leben zu führen, um mit seinem Beispiel diesem Treiben ein Ende zu gebieten, ist der Mittäterschaft schuldig. Es gibt keine Entschuldigung dafür.

Reichtum, selbst Wohlstand ist einer Welt des Leids und der Ausbeutung, ausnahmslos immer die Folge von Verbrechen, gegen das Leben, die Freiheit oder die Natur.

Es liegt in unserer Verantwortung, nicht wegzuschauen und nicht zuzulassen. Wegschauen und Zulassen, war schon oft in unserer Geschichte der Grund, der aus menschlichen Fehlern, unnötige Katastrophen entstehen ließ. Diese Welt krankt nicht an der Gier weniger, sondern an der Verantwortungslosigkeit vieler. Kein Finanzjongleur, kein Konzern und keine Regierung könnte derart vernichtend gegen das Leben zu Felde ziehen, wenn es nicht unser Profit und unser Wille ist, der sie dazu ermächtigt.

In einer fernen Zukunft, wird die Menschheit von dieser Epoche, als eine der schwärzesten in ihrer Geschichte sprechen.

Wie lebst Du mit dieser Schuld?

Was ist Deine Ausrede?

Wir können das besser!

Die Last mit der Lust am Guten

jekellundhyde

Auguste Comte legte im 19.ten Jahrhundert den Grundstein zum Positivismus, nach der eine Erkenntnis nur dann Gültigkeit haben soll, wenn sie positiv begründbar ist. Um ein solches Modell aufrecht zu erhalten, schloss er Transzendenzen, die Möglichkeit bestehender aber nicht erfassbarer Zu- und Umstände aus. In den Wissenschaften wurde die Methodik dieser Denkart, die Verifikation, nach der Zu- und Umstände die nicht positiv beweisbar sind auch nicht Existent sind, zu einem elementaren Gedankenmodell und ist bis heute die Basis wissenschaftlicher Beweisführung geblieben.

Der Vorstellung von Auguste Comte nach, sollte dieses Gedankenmodell auch eine ersatzreligiöse Wertevorstellung sein und ist dieses innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde auch geblieben. Der Anspruch durch Verifikation im Besitz echter Wahrheiten zu sein, bedarf des Anspruchs des Glaubens daran, um die wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, doch nur im Besitz einer bestenfalls Halbwahrheit zu sein, zu ersetzen. Die höhere Wahrscheinlichkeit, dass eine nur Un- oder Teilwahrheit vorliegt, ergibt sich aus den beeinflussenden Faktoren der in unbegrenzter Anzahl bestehender Möglichkeiten, anderer Zu- und Umstände die wir nicht, oder noch nicht kennen.

Dass dieses Gedankenmodell große Fehler aufwies und leicht widerlegbar war, verdeutlichte Sir Karl Popper, mit der Einführung der Falsifikation als Gegenmodell zur Verifikation. Durch die Falsifikation, die sich bald als das zuverlässiger beschreibende Modell heraus stellte, kamen neue Komponenten zur Findung von angenommenen Wahrheiten hinzu, die nicht positiv sind. Das nicht zutreffen einer Annahme, ist die verneinende Wegführung zu möglichen Wahrheiten und damit der Antrieb.

Negative Aspekte wie Zweifel, Fehler und der fehlende Besitz von Wahrheiten, führen entgegen einem allgemeinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konsens, zuverlässiger in die Richtung von Wahrheiten, ohne jedoch den Anspruch zu haben in den Besitz dieser kommen zu können. Nicht das Positive ist es, das uns zu Wahrheiten führt, sondern das Negative ist das bestimmende Element, auf der Suche nach unseren Wahrheiten, die unsere Realitäten sind.

Die Wissenschaften verteidigten erfolgreich ihren verifizierenden Glauben, getreu ihrem Anspruch, nicht Verstandenes zu leugnen und behielten die Deutungshoheit über das, was eine Wahrheit ist und wie man dieser näher kommen kann. Die stolze und bestimmende Physik mit ihrer eifersüchtigen Schwester der Mathematik leiden stellvertretend für andere Wissenschaften, seit einiger Zeit an dem Phänomen das ihre Theorien sich widersprechen. Noch scheint die Mathematik bestimmender zu sein. Doch der Glaubenssatz der Verifikation, das alles was ihren Theorien widerspricht, nur die berühmte Ausnahme von der Regel ist, gerät ins Wanken.

Vielleicht ist 1 + 1 doch nicht immer 1 und sicher gibt es mehr als wir wissen oder beweisen können. Eine Zerreißprobe, die keine Wissenschaft ohne grundlegende Änderungen überstehen wird. Veränderungen die weit mehr sein müssen, als die Revidierung von Formeln oder die Aufgabe von Leitsätzen. Wer sein wissenschaftliches Weltbild mit tiefgläubiger Inbrunst vorträgt und die Welt mit mathematischen Formeln der Superlative erklärt, wird kaum den Gedanken zulassen, dass schon die Grundrechenarten fehlerhaft sein könnten und bleibt neuen Wegen verschlossen.

Durch den pseudo-religiösen Anspruch der wissenschaftlichen Welterklärungsmodelle, ist ihre Methodik, die Verifikation und damit die positive Begründung zur Erlangung des Besitzes von Wahrheiten, gesellschaftsfähig und für die Gesellschaft, bis in ihre äußersten Verästelungen bestimmend geworden. Dieses jeden Lebensbereich, selbst die persönliche Glaubens und  Weltanschauung prägende und bestimmende Positive, beruhigt die Urängste des Menschen vor unangenehmen und schmerzhaften Ereignisse. Wer sich dem Positiven zuwendet, wendet sich vom Negativen ab. Dies beruhigt dadurch, nur das Positive zu sehen, löst aber das Negative nicht auf. Die Folge sind negative Ereignisse die an Dramatik zunehmen, je überraschender sie eintreten. Eine Dramatik die so töricht wie oberflächlich ist. Töricht weil es nicht überraschend gekommen wäre, wenn man sich nicht davon abgewendet hätte und oberflächlich weil der auslösende negativer Wert nicht in das positive Weltbild übernommen wird.

Nicht die These des Positivismus, nicht der selbst schmeichelnde Glaube, der Mensch strebe nach dem Guten machten diese Theorie so resistent gegen Kritik, sondern die tief verwurzelte Angst des Menschen vor dem Unbekannten, von dem er immer das Negativste annimmt, treibt in an. Nicht das Positive nähert den Menschen der Wahrheit an, es ist das Negative und der Mensch findet seinen Weg, in dem er das Negative in seiner Unvermeidlichkeit akzeptiert und es in seine Theorien mit einbezieht um eine Strategie dazu zu entwickeln. Einen Weg zu finden, bedeutet für den Menschen das Negative im Auge zu haben, doch das gelingt im nur, wenn er das Negative auch erkennen kann und durch negative Zu- oder Umstände gelernt hat damit umzugehen.

Ein Blick in die Gesellschaft zeigt ein düsteres Bild. Die Verbannung des Negativen ist Gesellschaftsziel und der Umgang mit negativen Ereignissen reicht von hilfloser Lethargie bis zu medialer Massenhysterie. In einem kollektiven Wahn wird nicht nur grundsätzlich Negatives, sondern in bereits viel flacheren Ansätzen wie moralisch-ethischen oder ästhetischen Vorstellungen, alles Negative aus dem Fokus verdrängt. Geglaubt wird nur was Positives verspricht und nur dem, der sich positiv darstellt. Die für den Menschen so wichtigen negativen Emotionen wie Zweifel, Kritik und Ablehnung, sind nicht gesellschaftsfähig. Menschen werden wegen vermeintlichen negativen, moralisch-ethisch oder ästhetischen Anschauungen, persönlich diskriminiert, oder durch gesellschaftlichen Druck angegriffen und ausgeschlossen. Das Negative verschwindet jedoch nicht, es fristet unausgesprochen sein Dasein in den Köpfen der Menschen und ist dort der Nährboden für das nächste negativ und dramatisch empfundene Ereignis.

Es bildet sich eine Gesellschaft heraus, die ihre positive Selbstdarstellung perfektioniert und versucht die Gedanken positiv zu reglementieren, in dem sie ihre eigene Sprache von negativen Ausdrücken bereinigt und durch unverfängliche, positiv anmutende ersetzt. Eine Gesellschaft die Unworte definiert und negatives Gedankengut als behandlungswürdig erkennt. Es ist eine Gesellschaft die das Negative nicht mehr kennen will und sich ihm dadurch schutzlos ausliefert, indem sie sich auf Reaktionen auf die Folgen des Negativen beschränkt.

Auguste Comte hat Unrecht. Doch die Vorstellung das Positive sei der Attraktor des menschlichen Seins ist von betörender Attraktivität für alle, deren Lebensmodell die komfortable Unwahrheit, einer Annäherung an Wahrheiten vorzieht.

Das Positive ist der flehende Wunsch einer schwachen Mehrheit und damit die Doktrin einer demokratischen Regierung, als auch das oberste Gesetz der Märkte, für die gilt: Was die Mehrheit will, soll die Mehrheit bekommen und sei es noch so sinnlos. Der Zwang zum Positiven ist die Schwäche unserer Welterklärungsmodelle, unserer Gesellschaft und unserer Marktwirtschaften. Es scheint deutlich, dass der Mensch sich die Welt weder schöner denken, noch reden kann. Aber das kann er leider ignorieren.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren