Die Last mit der Lust am Guten


jekellundhyde

Auguste Comte legte im 19.ten Jahrhundert den Grundstein zum Positivismus, nach der eine Erkenntnis nur dann Gültigkeit haben soll, wenn sie positiv begründbar ist. Um ein solches Modell aufrecht zu erhalten, schloss er Transzendenzen, die Möglichkeit bestehender aber nicht erfassbarer Zu- und Umstände aus. In den Wissenschaften wurde die Methodik dieser Denkart, die Verifikation, nach der Zu- und Umstände die nicht positiv beweisbar sind auch nicht Existent sind, zu einem elementaren Gedankenmodell und ist bis heute die Basis wissenschaftlicher Beweisführung geblieben.

Der Vorstellung von Auguste Comte nach, sollte dieses Gedankenmodell auch eine ersatzreligiöse Wertevorstellung sein und ist dieses innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde auch geblieben. Der Anspruch durch Verifikation im Besitz echter Wahrheiten zu sein, bedarf des Anspruchs des Glaubens daran, um die wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, doch nur im Besitz einer bestenfalls Halbwahrheit zu sein, zu ersetzen. Die höhere Wahrscheinlichkeit, dass eine nur Un- oder Teilwahrheit vorliegt, ergibt sich aus den beeinflussenden Faktoren der in unbegrenzter Anzahl bestehender Möglichkeiten, anderer Zu- und Umstände die wir nicht, oder noch nicht kennen.

Dass dieses Gedankenmodell große Fehler aufwies und leicht widerlegbar war, verdeutlichte Sir Karl Popper, mit der Einführung der Falsifikation als Gegenmodell zur Verifikation. Durch die Falsifikation, die sich bald als das zuverlässiger beschreibende Modell heraus stellte, kamen neue Komponenten zur Findung von angenommenen Wahrheiten hinzu, die nicht positiv sind. Das nicht zutreffen einer Annahme, ist die verneinende Wegführung zu möglichen Wahrheiten und damit der Antrieb.

Negative Aspekte wie Zweifel, Fehler und der fehlende Besitz von Wahrheiten, führen entgegen einem allgemeinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konsens, zuverlässiger in die Richtung von Wahrheiten, ohne jedoch den Anspruch zu haben in den Besitz dieser kommen zu können. Nicht das Positive ist es, das uns zu Wahrheiten führt, sondern das Negative ist das bestimmende Element, auf der Suche nach unseren Wahrheiten, die unsere Realitäten sind.

Die Wissenschaften verteidigten erfolgreich ihren verifizierenden Glauben, getreu ihrem Anspruch, nicht Verstandenes zu leugnen und behielten die Deutungshoheit über das, was eine Wahrheit ist und wie man dieser näher kommen kann. Die stolze und bestimmende Physik mit ihrer eifersüchtigen Schwester der Mathematik leiden stellvertretend für andere Wissenschaften, seit einiger Zeit an dem Phänomen das ihre Theorien sich widersprechen. Noch scheint die Mathematik bestimmender zu sein. Doch der Glaubenssatz der Verifikation, das alles was ihren Theorien widerspricht, nur die berühmte Ausnahme von der Regel ist, gerät ins Wanken.

Vielleicht ist 1 + 1 doch nicht immer 1 und sicher gibt es mehr als wir wissen oder beweisen können. Eine Zerreißprobe, die keine Wissenschaft ohne grundlegende Änderungen überstehen wird. Veränderungen die weit mehr sein müssen, als die Revidierung von Formeln oder die Aufgabe von Leitsätzen. Wer sein wissenschaftliches Weltbild mit tiefgläubiger Inbrunst vorträgt und die Welt mit mathematischen Formeln der Superlative erklärt, wird kaum den Gedanken zulassen, dass schon die Grundrechenarten fehlerhaft sein könnten und bleibt neuen Wegen verschlossen.

Durch den pseudo-religiösen Anspruch der wissenschaftlichen Welterklärungsmodelle, ist ihre Methodik, die Verifikation und damit die positive Begründung zur Erlangung des Besitzes von Wahrheiten, gesellschaftsfähig und für die Gesellschaft, bis in ihre äußersten Verästelungen bestimmend geworden. Dieses jeden Lebensbereich, selbst die persönliche Glaubens und  Weltanschauung prägende und bestimmende Positive, beruhigt die Urängste des Menschen vor unangenehmen und schmerzhaften Ereignisse. Wer sich dem Positiven zuwendet, wendet sich vom Negativen ab. Dies beruhigt dadurch, nur das Positive zu sehen, löst aber das Negative nicht auf. Die Folge sind negative Ereignisse die an Dramatik zunehmen, je überraschender sie eintreten. Eine Dramatik die so töricht wie oberflächlich ist. Töricht weil es nicht überraschend gekommen wäre, wenn man sich nicht davon abgewendet hätte und oberflächlich weil der auslösende negativer Wert nicht in das positive Weltbild übernommen wird.

Nicht die These des Positivismus, nicht der selbst schmeichelnde Glaube, der Mensch strebe nach dem Guten machten diese Theorie so resistent gegen Kritik, sondern die tief verwurzelte Angst des Menschen vor dem Unbekannten, von dem er immer das Negativste annimmt, treibt in an. Nicht das Positive nähert den Menschen der Wahrheit an, es ist das Negative und der Mensch findet seinen Weg, in dem er das Negative in seiner Unvermeidlichkeit akzeptiert und es in seine Theorien mit einbezieht um eine Strategie dazu zu entwickeln. Einen Weg zu finden, bedeutet für den Menschen das Negative im Auge zu haben, doch das gelingt im nur, wenn er das Negative auch erkennen kann und durch negative Zu- oder Umstände gelernt hat damit umzugehen.

Ein Blick in die Gesellschaft zeigt ein düsteres Bild. Die Verbannung des Negativen ist Gesellschaftsziel und der Umgang mit negativen Ereignissen reicht von hilfloser Lethargie bis zu medialer Massenhysterie. In einem kollektiven Wahn wird nicht nur grundsätzlich Negatives, sondern in bereits viel flacheren Ansätzen wie moralisch-ethischen oder ästhetischen Vorstellungen, alles Negative aus dem Fokus verdrängt. Geglaubt wird nur was Positives verspricht und nur dem, der sich positiv darstellt. Die für den Menschen so wichtigen negativen Emotionen wie Zweifel, Kritik und Ablehnung, sind nicht gesellschaftsfähig. Menschen werden wegen vermeintlichen negativen, moralisch-ethisch oder ästhetischen Anschauungen, persönlich diskriminiert, oder durch gesellschaftlichen Druck angegriffen und ausgeschlossen. Das Negative verschwindet jedoch nicht, es fristet unausgesprochen sein Dasein in den Köpfen der Menschen und ist dort der Nährboden für das nächste negativ und dramatisch empfundene Ereignis.

Es bildet sich eine Gesellschaft heraus, die ihre positive Selbstdarstellung perfektioniert und versucht die Gedanken positiv zu reglementieren, in dem sie ihre eigene Sprache von negativen Ausdrücken bereinigt und durch unverfängliche, positiv anmutende ersetzt. Eine Gesellschaft die Unworte definiert und negatives Gedankengut als behandlungswürdig erkennt. Es ist eine Gesellschaft die das Negative nicht mehr kennen will und sich ihm dadurch schutzlos ausliefert, indem sie sich auf Reaktionen auf die Folgen des Negativen beschränkt.

Auguste Comte hat Unrecht. Doch die Vorstellung das Positive sei der Attraktor des menschlichen Seins ist von betörender Attraktivität für alle, deren Lebensmodell die komfortable Unwahrheit, einer Annäherung an Wahrheiten vorzieht.

Das Positive ist der flehende Wunsch einer schwachen Mehrheit und damit die Doktrin einer demokratischen Regierung, als auch das oberste Gesetz der Märkte, für die gilt: Was die Mehrheit will, soll die Mehrheit bekommen und sei es noch so sinnlos. Der Zwang zum Positiven ist die Schwäche unserer Welterklärungsmodelle, unserer Gesellschaft und unserer Marktwirtschaften. Es scheint deutlich, dass der Mensch sich die Welt weder schöner denken, noch reden kann. Aber das kann er leider ignorieren.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Advertisements

Veröffentlicht von

Heinz Sauren

Sozialanthropologie und Gesellschaftskritik

5 Gedanken zu „Die Last mit der Lust am Guten“

  1. Eigentlich ist es doch ganz einfach:
    Ying-Yang
    Gegensätze
    Nichts POSITIVES ohne NEGATIVES. Beides bedingt sich gegenseitig.
    Den Blick auf die vermeintlich ‚düstere Seite‘ verdrängen wir. Lebensbejahend wie wir sind verdrängen wir den Tod.

    Letztendlich, so denke ich, kann Existenz, Realität, Leben, … usw. nur im Spannungsfeld von Gegensätzen stattfinden. Beide Pole gilt es gleichermaßen wahrzunehmen.Im Kleinen, wie im Großen, Innen wie Aussen

    Liebe Grüße
    Duderich

  2. Prinzipiell stimme ich den im Artikel geäusserten Ansichten zu .

    Ich finde allerdings, der Gedanke Poppers ist nicht ganz richtig wiedergegeben. Und auch wird etwas frei mit den unterschiedlichen Bedeutungen von „positiv“ und „negativ“ umgegangen.
    Poppers Falsifizierbarkeitsprinzip bedeutet grob, eine wissenschaftliche Hypothese soll so formuliert sein, dass sie prinzipiell widerlegbar ist.
    Die Auslegung, dass Popper den „wissenschaftlichen Zweifel“ als Prinzip fordert erscheint mir also korrekt.
    Ob man so weit gehen kann und diese Einstellung zu *bewerten* (was durch die Ausdrücke „positiv“ und „negativ“ geschieht) ist diskutabel. Ich denke, es entspricht nicht Poppers Vorstellung (wie man seinen Überlegungen zur Ethik entnehmen kann).
    Dass Positivismus nun bedeutet, man sucht überall das Schöne und Gute in der Welt halte ich ebenfalls für zu weit hergeholt. Meint Positivismus erkenntnistheoretisch nicht eher, dass ich die Übereinstimmung einer Hypothese mit den Fakten positiv belegen muss? Grob gesagt, Statistiken befragen und dann die Signifikanz beurteilen?
    Woran der Positivismus scheitert lässt sich mit der Frage nach der Zulässigkeit der Todesstrafe illustrieren. Welche Statistik sollte ich hier bemühen, um diese Frage zu beantworten?

    Woran es in unserer Zeit krankt ist doch, dass ständig versucht wird, Qualitäten (wie Freiheitsrechte etc.) zu quantifizieren (und damit zu relativieren). Da entsteht ein logisches Problem. Eben die Unterscheidung in Gut und Böse – in Positiv und Negativ wird immer mehr forciert. Aber: absolute Freiheit ist nicht nur nicht herstellbar, sondern es ist höchst fraglich, ob sie überhaupt wünschenswert wäre. Womit wir uns in der Konsequenz dann wieder einig wären – nur die Herleitung ist etwas anders 😉

  3. Gracia´n meint, dass wir in unserem Leben hauptsächlich von den Informationen abhängig sind, die wir von anderen bekommen und nur zu einem geringen Teil von unseren eigenen Wahrnehmungen. Sinngemäß heißt es bei ihm: Das Ohr ist die Hintertür der Wahrheit, aber die Eingangstür der Lüge. Die Wahrheit wird meistens gesehen, aber nur sporadisch gehört: Sie erreicht uns selten ungeschunden, vor allem, wenn sie von weit her kommt, und sie ist immer von dem Gemütszustand des jeweiligen Überbringers angekratzt. Gefühle verleihen ihr eine beliebige Färbung, sie lassen sie mal hässlich, dann wieder wunderschön erscheinen, immer in der Absicht, unser Urteil zu beeinflussen.
    Du musst mit dir selbst zu Rate gehen und deinen Verstand gebrauchen, um zu prüfen, ob eine Münze falsch oder leicht ist.
    „Und“, so Gracia´n, „bewahre dir immer genügend Raum zum Nachdenken und habe immer ein offenes Ohr für die andere Partei. Es muss Platz bleiben für eine zweite oder dritte Lesart. Schnell dem Einfluss anderer zu erliegen, zeugt von Unfähigkeit und grenzt an Parteilichkeit.“

  4. Dinge, Geschehnisse positiv zu reden ist nicht dasselbe, als in schwierigsten Situationen zu versuchen, in einer positiven Haltung Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Eine positive Haltung ist aus meiner Sicht keinesfalls die Haltung, Negatives zu beschönigen. „Die Last mit der Lust am Guten“: das Laster zu meinen, Gutes wäre Gütdünken gleich zu setzen. „Eine Gesellschaft, die das Negative nicht mehr kennen will“: ich würde sagen, eine Gesellschaft die meint, Leben würde nur sinnvoll sein, vergnüglichen Dingen nachzurennen, für diese alles aufzuwenden, ohne sich jegliche Gedanken darüber zu machen. Alles was unbequem erscheint, wird ignoriert, verdrängt und versucht auszurotten, ne-giert.

  5. Reblogged this on Evi Mariposa und kommentierte:
    Dinge, Geschehnisse positiv zu reden ist nicht dasselbe, als in schwierigsten Situationen zu versuchen, in einer positiven Haltung Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Eine positive Haltung ist aus meiner Sicht keinesfalls die Haltung, Negatives zu beschönigen. „Die Last mit der Lust am Guten“: das Laster zu meinen, Gutes wäre Gütdünken gleich zu setzen. „Eine Gesellschaft, die das Negative nicht mehr kennen will“: ich würde sagen, eine Gesellschaft die meint, Leben würde nur sinnvoll sein, vergnüglichen Dingen nachzurennen, für diese alles aufzuwenden, ohne sich jegliche Gedanken darüber zu machen. Alles was unbequem erscheint, wird ignoriert, verdrängt und versucht auszurotten, ne-giert.
    Danke Heinz für deine Sichten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s