Heimat

Heimat

Meine Geburt bestimmte völkerrechtlich die Zugehörigkeit zu einem Staat. Fortan sollte dieser Staat mein Land, meine Heimat sein. Die Teilnahme an diesem Land versprach mir exklusive Rechte wie Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Schöne Worte, die ich in meiner Jugend gerne glauben wollte und so schien mir auch der Preis an dieser Teilnahme nicht zu hoch. Nur die Regeln meines Landes zu achten war eine angemessene Pflicht für das Privileg, das Land, das ich für das freieste von allen hielt, meines nennen zu dürfen.

Doch der Glanz verblasste und das Bild der Insel der Glückseeligen wurde zu einem Zerrbild, immer dann, wenn mein Land mir beweisen musste, dass seine großen Ansprüche an sich selbst mehr sein sollten als eine hohle Fassade politischer Propaganda. Ich musste erkennen, dass das Handeln meines Landes den gleichen Mustern und Gesetzmäßigkeiten folgt wie das jener Länder, deren Politik ich weder für frei noch für erstrebenswert halte.

Ich hatte einen Vertrag mit diesem, meinem Land. Ein völkerrechtlicher Vertrag, den mein Land selbst bestimmte und den es mit mir bei meiner Geburt besiegelte. Ein Vertrag auf Treu und Glauben, in dem es Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie versprach, mich an seine Regeln band und die gegenseitige Verpflichtung zum Schutz und zur Achtung einforderte. Mein Land brach diesen Vertag, es täuschte, betrog und log. Es übte Gewalt aus und beschnitt meine Rechte. Heute ist mein Land für mich eher eine Gefahr als ein Schutz. Ich fühle mich an den Vertrag mit meinem Land nicht mehr gebunden.

Dennoch will ich dieses Land nicht verlassen und muss es auch nicht. Ich glaube nicht, dass dieses Land einer Regierung gehört, sondern den Menschen die es bewohnen. Ich glaube nicht, dass dieses Land zurzeit für seine Menschen spricht und selektiere daher die Worte seiner Regierung, in jene die ich befolge, weil ich glaube das sie im Sinne dieses Landes und seiner Menschen sind und jene, die ich nicht befolge, da ich glaube, dass diese im Sinne seiner Regierung sind. Mein Land hat sich eine Regierung gegeben, die mit subtiler Indoktrination und medialer Verschleierung ihre Ziele verheimlicht und die Folgen ihres Handelns verharmlost.

Die Täuschung ist so groß, dass viele in diesem Land glauben, dass Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gegeben seien. Die Indoktrination war so wirkungsvoll, dass jene, die noch erkennen, dass dieses nicht mehr gegeben ist, die Lösung nicht in einer grundsätzlichen Erneuerung suchen, sondern folgend dem Wunsch der Indoktrinierenden sich mit hypothetischen Reformen beruhigen lassen.

Seit nun mehr als zwanzig Jahren sind Regierungen in diesem Land parteipolitisch verwobene Zyklen, die nur noch einen Ehrgeiz verspüren, die Perfektionierung ihrer devoten Stellung als Erfüllungsgehilfe wirtschaftlicher Maßgaben. Sie haben in der Perfidität einer Gedankenpolizei Begriffe neu definiert, so dass in diesen sogar die eigene Negation möglich wurde. Wo einstmals Ludwig Erhardt die menschenwürdige, die soziale Marktwirtschaft etablierte, verkündet heute Angela Merkel das Gegenteil, die marktkonforme Gesellschaft und besitzt auch noch die Dreistigkeit, diese mit Ludwig Erhardts Gedanken zu begründen. Dieses Land wird in so viele Widersprüche und Unvereinbarkeiten gezwungen, dass es seine Werte verlor und seine Moral. Die Ungleichheit wurde zu einer staatstragenden Säule und der Widerspruch zur Durchführungsverordnung. Dies ist überall offensichtlich. Dieses Land geißelt die Beschneidung von Mädchen als unmenschlich, aber legitimiert sie bei Jungen per Gesetz explizit. Dieses Land bestraft die Bestechung von Entscheidungsträgern und Beamten, sieht aber keinen Grund die Bestechung von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern unter Strafe zu stellen. Es gilt der moralische und rechtliche Grundsatz, „der Hehler ist schlimmer als der Stehler“, und doch kauft dieses Land gestohlene CD`s mit den Daten von Steuersündern, um sich die Gelder nicht entgehen zu lassen. Ganze Straftatbestände, wie Betrug, Unterschlagung und Dokumentenfälschung werden nicht mehr angewandt, wenn der Täter systemrelevant ist wie zum Beispiel Banken. Mit Offshore-Banking und Global-Trading werden bewusst rechtsfreie Räume geschaffen, die nur Besitzern von Geldvermögen zugänglich sind. Gewinne werden privatisiert, was die Privatvermögen explosionsartig aufbläht, während Verluste sozialisiert werden und damit die Einkommensschwachen weiter verarmt werden. Wer arm ist bestimmen nicht die, die es beträfe, sondern Wirtschaftsforschungssinstitute auf Geheiß und Bezahlung der Vermögenden.

Welche Freiheit bietet dieses Land noch, wenn keine Wahl von etwas Neuem mehr möglich ist, sondern nur eine zwischen den Positionen, die Regierende vorbestimmt und zu ihrem eigenen Machterhalt erdacht haben. Welche Freiheit ist denkbar, wenn ihre Grenzen vorbestimmt werden von einem Wertesystem, das Alles und Jeden reglementiert und an die Erfüllung eines immer mehr bindet durch ein vergöttlichtes Symbol ohne eigenen Wert, dem Geld?

Wie viel Gleichheit wohnt in einem Land, das seine Menschen in erwirtschaftetem Profit bemisst und Rechte nach Vermögen verteilt? Kann es überhaupt Gleichheit geben, wenn nicht einmal ein bedingungsloses Existenzrecht in diesem Land garantiert wird? Was ist Rechtsstaatlichkeit wert, wenn eine Regierung all ihr Handeln damit begründet und doch zugeben muss, dass auch das nationalsozialistische Deutsche Reich ein Rechtsstaat war und all seine menschenverachtenden Handlungen rechtsstaatlich? Was kann eine Demokratie für einen Wert für dieses Land haben, wenn sie doch nichts mehr als die bewusst eingesetzte Verwaltungsform des Kapitalismus ist? Welchen Sinn hat eine Demokratie überhaupt, wenn sie nicht ein einziges freiheitliches Recht gebären oder verteidigen kann, wenn dieses nicht marktwirtschaftlich begründbar ist?

Dieses Land wurde geschmiedet in der Ungerechtigkeit und der Menschenverachtung von Kriegen, mit dem Blut und dem Elend von unzähligen Menschen. Seine Grenzen wurden geformt durch Nötigung und Betrug. Wie ließe sich annehmen, dass dieses künstliche Produkt menschlicher Boshaftig- und Niederträchtigkeit eine Heimat sein kann? Wie ließe sich aus diesem Destillat des Wahnsinns überhaupt eine Grenze begründen? Es ist noch nicht so lange her, da folgte dieses Land einem Herrn aus Braunau am Inn und seinen Expansionsplänen. Auch dieser glaubte, ausschließlich die Expansion sei der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Er hätte seine helle Freude an einem mehr oder minder heimlich aus Berlin regierten Europa, das in seiner heutigen geographischen Ausweitung, eine Blaupause seiner Expansionskarten gewesen sein könnte.

Ich habe eine Heimat. Es ist ein Stück Land, das durch seine geographischen und meteorologischen Besonderheiten die Menschen prägte, die auf ihm lebten. Aus ihrem Leben schufen sie eine Kultur, in der sich ihre Besonderheit widerspiegelt. Diese Kultur hat auch mich geprägt und bestimmt meine Entwicklung. Sie ist umfassender als eine Ideologie und bestimmender als eine Moral. Es ist die Erde selbst und die Geschichte meiner Vorfahren, die in mir eine untrügliche Sensorik schufen, die mich meine Heimat erkennen lässt, mein Land. Für mein Land ist es völlig unerheblich, wer es in seinen Landkarten okkupiert hat oder es regiert, ohne seine Besonderheiten selbst und die seiner Menschen erlebt und gefühlt zu haben. In meinem Land wohnen Menschen, die die gleiche Prägung haben und die gleichen Werte in sich tragen wie ich. Menschen, die keine Gefahr für mich sind und denen ich sorgenfrei den Rücken zukehren kann. Menschen, deren Gedanken ich verstehe und die meine verstehen. Mein Land ist keines der Einfältigkeit, es ist eines der Vielfältigkeit seiner natürlichen Gegebenheiten und der differenzierenden Individualität seiner Menschen. Es passt in kein Parteiprogramm, in keine politische Denkrichtung und keine Ideologie. Das ist meine Heimat und soll mein Land sein.

Mein Land ist meine Heimat und es ist klein. Es ist eines von vielen, die die Heimat anderer Menschen sind und ich kann es mit bloßem Auge überblicken. Es ist nicht vergleichbar und hat wenig Gemein mit dem Subkontinent Europa, der nur einem Zweck folgt, die Erhaltung der Weltmarktstellung der Alten Welt. Nichts ist ein reinerer marktwirtschaftlicher Gedanke als der Expansionszwang Europas. Ein Zwang der den Märkten, den Handelsplätzen der Raffgier und der Maßlosigkeit folgt. Die Verbindungen in diesem Europa sind weder natürlich noch menschlicher Natur, es sind Wirtschaftsflüsse und Datenautobahnen. Der Irrwitz monetärer Begründungen findet seine Steigerung nur noch in dem nicht begründbaren Glauben an die Durchführbarkeit dieses Weges. Mein Land ist zu klein, als das es sich in einem Europa wieder finden könnte und zu groß, als das Europa es beherbergen könnte.

Ich glaube, dass wir als erzwungene Massenvereinigung in Form einer Gesellschaft nur scheinbar gezwungen sind zu tun, was wir tun. Wir müssen es nicht und können uns von unseren Regierungen, Gesellschaften und Ideologien lösen. Wir können es, indem wir uns verweigern, weil Ideologien, Staaten und ihre Regierungen, aber auch Geldsysteme dann zerbrechen, wenn man nicht mehr an sie glaubt.

Wenn ich gefragt werde, ob ich bereit wäre meinen Vertrag neu zu begründen, so ist meine Antwort „Ja“. Zeigt mir ein Land, das meine Heimat sein kann und ich will es tun.

Denen, die sagen, dass das nicht möglich sei, sage ich: „Jede denkbare Gesellschaftsform ist auch tatsächlich möglich“. Ihre Unmöglichkeit begründet sich immer nur aus den Regeln, die man ihr vorausstellt. Deshalb ist es immer nur eine Frage der Regeln, die man zugrunde legen will und diese Regeln sind nichts mehr oder weniger als unsere Werte.

Der Leitwert dieses Landes ist Geld. Er ist bestimmend für den Ort, an dem wir leben und die Gestaltung unseres Lebens selber. An ihm bestimmen sich die Gesetze und die Politik. Er bestimmt Ethik und Moral. Dieser Wert ist die einzige und umfassende Begründung für alles, was dieses Land ist und was in seinem Namen geschieht und der Grund, aus dem es nicht meine Heimat sein kann.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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