Hochwasser der Ignoranz


Hochwasserstadt

Alle Jahre wieder kommt die Flut. Die Bescherung die sie bringt, ist für jeden der von ihr betroffen wird, dramatisch. Aber nicht jedes Jahr hat sie mediale Präsenz, wie dieses mal. Die wird ihr erst beschert, wenn es genug Betroffene gibt, die in ihrer Wut und Verzweifelung, aus einem Hochwasser ein Politikum machen. In Wahljahren sind Hochwasser naturgemäß besonders katastrophal. Die Fluten sind für die Betroffenen immer eine Katastrophe, ein gesellschaftliches Interesse, stellt sich aber erst analog des verursachten Schadens ein. Ist dieser groß genug, kollektive Empathiebekundungen hervor zu rufen, ist die mediale Katastrophe geboren.

So stehen sie auf den Deichen und Brücken. Die einen aus Angst ihr Hab und Gut zu verlieren, die anderen aus Empathie und Angst, selbst betroffen zu werden. Die meisten jedoch als Gaffer. Sie sind der Motor des katastrophalen Empfindens, aber auch der Auslöser kollektiver Hilfe. Es ist eine Sightseeing Tour des Gruselns, auf der die Sensationslüsternheit den Eingang ins Familienalbum findet. Das große Heer der Gaffer aber, sitzt zur Prime Time bei Chips und Bier vor dem Fernseher und frönt seinem Mitleid für die Betroffenen, das zumeist nur die Geißelung der sorgsam verborgenen und heimlichen Freude ist, nicht selbst betroffen zu sein. Sie ereifern sich über die von ihnen, die vor Ort ihre Sensationslust befriedigen. Nicht weil sie es selbst nicht täten, sondern weil sie nicht den Mut oder die Möglichkeit fanden, das Gruseln selbst vor Ort und hautnah zu erleben. Sensationsneid nennt man das.

Hochwasser kommen und gehen, das war schon immer so. Bei massiven Hochwassern, scheinen aber immer mehr Menschen betroffen zu werden, als es in der Vergangenheit waren. Ein Eindruck der nicht täuscht, aber weniger durch das Hochwasser, sondern mehr durch den Umgang mit ihm zu begründen ist. Sich stark verändernde Wasserspiegel sind kein unlösbares Problem. Die Menschen, die an der Nordsee leben wissen das, sie haben sich auf Ebbe und Flut eingestellt. Ebbe und Flut scheinen banal im Gegensatz zu Hochwasserkatastrophen und doch ist die tägliche Schwankung des Wasserspiegels in einigen Küstenregionen größer als die einer Jahrhunderthochwassers. Häfen fallen trocken, Schiffe liegen beinahe täglich auf Grund und auf den Halligen in der Nordsee ertragen die Bewohner, mit stoischer Gelassenheit, mehrmals jährlich ihr „Land unter“. Die Gefahr für sie ist dabei größer, als für die allermeisten Betroffenen des Hochwassers. Das führt jedoch zu keinem medialen Aufschrei und keinem kollektiven Hilfsbewußtsein, denn das ist normal. Normal, weil die Menschen sich auf die zerstörerischen Kräfte der Natur eingestellt haben.

Die Flusslandschaften von Saale, Mulde, Elbe und Donau waren natürlich geformte Auenlandschaften, mit großen Überflutungsflächen. Heute sind sie das, was der Mensch eine Kulturlandschaft nennt und damit meint, dass diese Flächen ausschließlich seiner Nutzung dienen sollen. Auen werden umdeicht um Flächen für Industrie- und Wohngebiete zu erhalten. Dies erhöht den Pegelstand sowie die Fließgeschwindigkeit der Flüsse und nimmt ihnen die Versickerungs- und Auslaufflächen. Besiedlungen die einst vor Hochwasser sicher waren, müssen nun ihre Dämme bauen oder erhöhen, was zumeist unterlassen wird um der landschaftlich reizvollen Uferbebauung nicht ihre Attraktivität zu nehmen. Der schöne Ausblick vom Häuschen auf dem Ufergrundstück aus, kann durch den finanziellen Aufwand der jährlichen Grundsanierung des Hauses zukünftig schnell, ein dekadenter Ausblick werden. In der langen Liste der vermeintlich wirtschaftsnotwendigen Eingriffe in die Flusslandschaften, findet sich auch ihre Begradigung und Vertiefung. So wurde alles unternommen was notwendig war, um aus einem Starkregen eine Hochwasserflut zu machen. Die Menschen die in näheren Bereichen von Flüssen wohnen, müssen das wissen oder könnten es zumindest. Aber sie verlassen sich offensichtlich lieber auf den technischen Fortschritt der Dammbaubefürworter, oder ihre Versicherungen. Ein naiver Irrglaube der sich bereits bewiesen hat und zukünftig immer häufiger seinen Beweis antreten wird, da diese Entwicklung nicht gestoppt, sondern weiter forciert wird. Politiker die effekthaschend noch mehr und höhere Dämme fordern um vermeintlich die Menschen zu schützen, bereiten den Boden für zukünftig noch größere Hochwasserfluten. Auch wenn manch einer gerne, die Flüsse auf reine Wasserstrassen herab setzen möchte und ihnen noch mehr Besiedlungsfläche abgewinnen will, lassen sich einfache Naturgesetze nicht außer Kraft setzen. Das Wasser muss nun einmal abfließen und wenn es an den Seiten eingegrenzt wird, muss es höher und schneller fließen. Nicht das Wasser sondern der Mensch muss im Bereich der Flussläufe eingegrenzt werden. Geschieht das nicht, werden einige sich schützen können, aber die Anzahl derer die es nicht können wird beständig zunehmen.

Die Menschen können aus den betroffenen Gebieten weggehen und wären dadurch schon nicht mehr gefährdet, dennoch wollen sie nicht. Sie wollen ihr Hab und Gut nicht aufgeben, doch dieses Argument verliert an Gewicht, in dem Maße es in Zukunft, zu Hochwasserlagen kommen wird.

Viel wird berichtet über Schäden. Ernteausfall-, Gebäude- und Sachschäden scheinen maßgeblich zu sein. Wenig ist zu hören über die großen Schäden, die nicht ganz so offensichtlich sind und dennoch weit länger wirken werden, die Umweltschäden. Eine Flutwelle aus Abfällen, den Resten ausgespülter Kläranlagen, Giften und Chemikalien überfluteter Industrieanlagen, gekrönt von einem riesigen Ölteppich, wälzt sich Richtung Nordsee und wird dort auf Jahre hinaus, das weltweit einmalige Naturschutzgebiet des Wattenmeeres vergiften. Die überfluteten Äcker dürften im Grunde, über lange Zeit aufgrund ihrer hohen Kontermination mit Öl und Chemikalien, nicht mehr für den Anbau von Lebens- oder Nahrungsmitteln genutzt werden. In völliger Ignoranz dazu verkünden die Landwirtschaft- und Wirtschaftsminister der Länder, schnelle Wiederaufbauprogramme. Die Säuberung des Wattenmeeres und der Böden würde viel Geld kosten. Geld das niemand ausgeben will, da niemand sich verantwortlich fühlt. Das Hochwasser ist eine Naturkatastrophe, also höhere Gewalt und das hat auch so zu bleiben. Aber wie viel höhere Gewalt lässt sich in Hochwassern vermuten, die alleinig dazu geworden sind, weil die Flüsse aus wirtschaftlichen Interessen, keinen anderen Wasserfluss mehr zulassen? Es waren die wirtschaftlichen Interessen der Kommunen die heute um Hilfe schreien, die seinerzeit günstige Freiflächen wollten um Unternehmen anzulocken und es war die Schaar der „Häusle Bauer“, die dem billigen Land nicht widerstehen wollten. Diese Ansiedlungen, der Unternehmen gründenden und Eigenheim bauenden Sparfüchse, bluten nun die Unmenge an Öl aus, dass aus dem Hochwasser eine Umweltkatastrophe macht.  Allein die Beseitigung des in die Böden einsickernden Öls, würde Milliarden verschlingen. Jeder weiß wie gefährlich Öl in Böden und insbesondere im Wasser ist. Der riesige Ölteppich stammt zumeist nicht aus Industrieanlagen, sondern zu einem großen Teil aus den Heizöltanks der überfluteten Häuser, die barsten oder aufschwammen und er wäre selbst bei einer solchen Flut vermeidbar gewesen. Warum scheint es normal, das die Hausbesitzer und Unternehmer nicht für ihr ausgelaufenes Öl haften müssen? Würden sie es anderweitig entsorgen, müssten sie das. Was spricht dagegen sie in Haftung zu nehmen? Moral und Anstand denen gegenüber, die entweder zu wenig nachgedacht haben, oder zu gierig waren? Eine Forderung die nicht so Ungerecht ist wie sie zu sein scheint, da sie nur dann hart träfe, wenn Betroffenen auch noch in einem weiteren Punkt grob fahrlässig gehandelt haben. Im Normalfall käme die Versicherung für den Ölschaden auf und nur dann wenn sie keine hätten, sie selbst. Es ist zumindest grob fahrlässig, in einem potentiellen Überflutungsgebiet mehrere tausend Liter Heizöl zu lagern. Wenn keine Versicherung gegen Hochwasser möglich ist, sollte auch der Einfältigste erkennen können, dass Gefahr besteht. Niemand kann sagen, dass er damit nicht habe rechnen können. Auch Kommunen können nicht von einer Haftung für ihr tun befreit sein. In Flussauen Ansiedlungen vorzunehmen, bedeutet wissentlich in Kauf zu nehmen, beim nächsten Hochwasser die Umwelt zu verseuchen, das sollte zumindest auch den Umweltreferenten der Gemeinden aufgefallen sein. Dennoch einzudeichen, Auen vom Fluss zu trennen und zu bebauen und im Falle einer Flut die Hilfe der Solidargemeinschaft einzufordern, verhöhnt all jene die sich gegen den Kauf dieses billigen Landes entschieden haben und die, die heute Hochwasseropfer sind, obwohl sie es nicht hätten werden müssen. Denn das Land was einige Kommunen so billig aus den Flutflächen der Flüsse gewinnen, nimmt sich das Wasser an anderer Stelle, wo es durch seine höheren Pegel, dann über die Deiche Kommt.

Realitäten sind manchmal unangenehm.

Wir wollten wirtschaftliches Wachstum und dazu gehört eine Infrastruktur, die mit dem Wachstum mithält. Diese Infrastruktur sind auch Wasserstraßen, die heute nicht mehr der Eigenschaft von Flüssen folgen, sondern als Infrastrukturprojekte, die dem Ziel unterliegen möglichst schnell Güter von einem zum anderen Ort zu bringen und daher begradigt werden, oder aufgrund höherrangiger Infrastrukturprojekte ihren Verlauf ändern müssen.  Es war naiv den Politikern zu glauben, es wäre folgenlos. Hochwasser ist eine Folge. Konsequenter Weise müssen wir nun einen Blick auf die Landkarte werfen und prüfen, ob wir dort wo wir leben, auch in Zukunft noch leben wollen. Das Wasser braucht Platz und den findet es in immer neuen Fluträumen, also auch den Innenstädten der Städte die an Flüssen liegen.  Wenn immer neue Gebiete bei Hochwasser überflutet werden, ist das jedoch keine Folge zu kleiner Dämme, sondern die direkte Wirkung der Politik die uns den unbeschwerten Wohlstand schenkte.

Bei all den Verlusten, die Einzelne tragen gibt es Gesellschaftsgruppen, deren Mitleid sich in Grenzen hält, da sie das Positive im Hochwasser erkennen. Die Politik profitiert schon jetzt. Politiker wissen spätestens seit dem Hochwasser 2002, dass Überschwemmungen im Wahljahr, für die politische Zukunft entscheidende Vorteile bringen können. Bundeskanzler Schröder gab ein Lehrbuchbeispiel dafür ab und so folgt die Politikprominenz dem Scheitelpunkt der Flut, durch die Republik. Immer auf der Suche nach der besten Selbstdarstellung im Fokus der mitreisenden Presse, verschwinden sie schnell wieder, wenn die fotogene Flut abläuft. Die Politik wird die positiven Effekte des Hochwassers, schon bald für sich nutzen.  Alles was nun die Flüsse herunter treibt oder von ihnen zerstört wurde, wird neu gekauft werden. Unzählige Häuser müssen saniert und Fahrzeug- und Maschinenparks neu angeschafft werden. Die Sanitär- und Baubranche, aber auch andere werden schon bald übervolle Auftragsbücher vermelden. Es läuft ein gewaltiges Wirtschaftsprogramm an, das Arbeitsplätze und Steuereinnahmen generieren wird und dann wird dieses wirtschaftliche Wachstum die Fahnen der Politik zieren. Das Hochwasser wird wieder vergessen sein. Bis zum nächsten Mal.

Auch andere sehen ihre Chance. Bereits jetzt schwärmen die Immobilienspekulanten und die Vertreter der großen Agrargesellschaften und Anlegerfonds für Agrarflächen aus, um die wirtschaftliche Not der Betroffenen zu barer Münze zu machen. Viel Land wird bald günstig zu kaufen sein. Ein Trend der seit Jahren in Ostdeutschland zu beobachten ist und durch das Hochwasser seinen Hype finden wird. Auch Sparkassen und Volksbanken sehen goldenen Zeiten entgegen. Auf sie kommt eine Welle von Kreditanträgen zu. Ihr Basisgeschäft wird förmlich explodieren. Aber sie werden das nach alter Manier, als großzügige und selbstlose Hilfe verkaufen.

Die Börse gilt als Stimmungsbarometer der Finanzwirtschaft und sie reagiert schnell nervös, bei Ereignissen die ein positives Wirtschaftsklima bedrohen. Natürlich hat auch die Börse auf das Hochwasser reagiert. Der Index steigt unbeirrt. Es sei die Frage erlaubt, warum amerikanische Arbeitsmarktzahlen für Börsianer fürchtenswerter sind, als viele Milliarden Wertverluste im eigenen Land. Auch die Finanzwelt sieht das Konjunkturpaket Hochwasser, aber sie redet nicht darüber.

Dieses Hochwasser ist für alle die davon betroffen sind eine persönliche Katastrophe. Für die Gesellschaft ist es Mahnmal der eigenen Ignoranz und für viele, oft die Falschen, ein Sprungbrett in eine erfolgreiche Zukunft.

Hochwasserschutz ist kein Bauprogramm, er besteht nur als Folge von effektivem Umweltschutz, nämlich dann wenn die Flüsse ihre Wassermassen auf weiten Flächen verteilen können. Das zu erreichen, bedeutet die Flutflächen wieder zu öffnen und dann sich selbst zu überlassen. Es bedeutet aber auch, die bereits verbauten Flächen wieder zu zurück zu bauen. Echter Hochwasserschutz bedeutet in letzter Konsequenz, der Mensch muss die Gebiete verlassen, in denen er gefährdet ist. Alles andere ist Politik oder Geschäft. Mur so wird es auch nach Starkregen möglich sein, gemächlich dahin fließende Ströme bewundern, ganz ohne Mauern und Dämme.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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Veröffentlicht von

Heinz Sauren

Sozialanthropologie und Gesellschaftskritik

2 Gedanken zu „Hochwasser der Ignoranz“

  1. Gab es nicht bereits nach dem Hochwasser von 2002 Studien die belegten dass der Hochwasserschutz unwirksam (haha) war? Wollte man sich nicht darum kümmern? Naja, ist ja schließlich erst 11 Jahre her. Vielleicht schafft mans ja bis zum nächsten Hochwasser. Oder dem danach.

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