Eine kurze Geschichte des Edward Snowden


Edward-Snowden

Die Geschichte des 1983 in North Carolina geborenen und aufgewachsenen Edward Snowden reduziert sich im Fokus der Weltöffentlichkeit auf das, was ihn berühmt machte. Seine Veröffentlichungen diverser amerikanischer und britischer Spionageprogramme machten ihn zeitgleich zu einem globalen Helden der internetgestützten Freiheits- und Bürgerbewegungen, aber auch zu Amerikas Staatsfeind Nr.1.

Edward Snowdon ist zu einer Person des öffentlichen Interesses und zum Objekt der Begierde westlicher Geheimdienste geworden. Allein der Umstand, sich mit den übermächtigen USA und ihren Verbündeten angelegt zu haben, reichte aus, ihm einen internationalen Ruf zu verschaffen. Einen Ruf, der momentan das einzige ist, was die USA über ihn kontrollieren können. Das Bild über seine Vergangenheit und seine Motivation wird medial geprägt und wie dieses Bild ausfällt, steht im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten, da es mitbestimmend sein wird, wie und ob man dem Wistle Blower habhaft wird, der einen Teil seines Schutzes aus öffentlicher Zustimmung seiner Selbstdarstellung bezieht. Die USA gehen fest davon aus, Snowden den Prozess machen zu können. Es ist für sie nur eine Frage der Zeit und alles heutige Handeln ist bereits von der Vorbereitung auf diesen Prozess bestimmt. Aus ihrer Sicht wird dieser Prozess den schmachvollen Gesichts- und Kontrollverlustes vor der Weltöffentlichkeit wieder gut machen müssen und das geht nur, wenn dann nicht über einen Helden, sondern über einen verwirrten Einzelgänger mit enormer krimineller Energie zu Gericht gesessen wird, zu dem weder moralisch noch tatsächlich eine Verbindung zum amerikanischen Volk und seiner Regierung zu knüpfen ist. Edward Snowden hat mächtige Gegner und diese hätten ihr Handwerkszeug vergessen, wenn sie nicht schon heute seine öffentlich zugängige Geschichte und Motivation in ihrem Sinne manipulieren würden.

Was lässt sich zu der Vergangenheit und Motivation des Edward Snowdens tatsächlich sagen und was ist im Sinne seiner Widersacher hinzugefügt oder weggelassen worden? Das sind Fragen, die Herr Snowden wohl nur selbst beantworten könnte und auch er dürfte nicht so naiv sein, als das er nicht beständig an seiner Vita arbeiten würde.

Dies ist nicht die Geschichte des größten Spionagefalls der Geschichte, wenn man die offiziell und medial verbreiteten Umstände zu Edward Snowden zu Grunde legt. Aber es könnte seine Geschichte sein, wenn man sie in Bezug auf die tatsächlichen Geschehnisse und wahrscheinlichen Zusammenhänge betrachtet.

Edward Snowden wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen in North Carolina auf. Seine unspektakuläre Kindheit und ein typischer Lebenslauf wiesen nicht darauf hin, dass er einmal zu Amerikas „Most Wanted“ gehören würde. Dennoch legte er schon früh den Grundstein für das, auf das er in der Weltgeschichte einmal reduziert werden würde. Er interessierte sich für Computer und fand schon während seiner Jugend Anschluss zu einer Szene, die ihm einen Kontrast zu dem spießbürgerlichen Leben seines Alltags bot. Der halblegalen Welt der Hacker. Konsequenter Weise nahm er das Studium der Informatik auf, was er zweimal abbrach. Nicht weil ihn die Materie nicht mehr interessierte, sondern weil die Regellosigkeit, die Kreativität im Umgang mit Computern, die er in der Hackerszene so sehr schätzte, in den engen Formalien eines ordentlichen Studiums nicht zu realisieren waren. Er selbst kommentierte sein akademisches Versagen sinngemäß mit den Worten: „Große Menschen brauchen keinen Abschluss, sie hinterlassen leise ihre Spuren in der Geschichte.“ Schon damals fühlte er sich zum Höheren berufen, ein Verständnis um sich selbst, was er nicht mehr aufgeben sollte.

Er blieb der Hackerszene verbunden, suchte aber gleichzeitig eine Stellung innerhalb der Gesellschaft, die ihm eine Machtposition ermöglichte, meldete sich freiwillig zum Kriegseinsatz in der Armee, wurde aber nicht in den Irak geschickt. Er trat eine Ausbildung bei den US Spezial Forces an, die er aufgrund eines Beinbruchs während des Trainings wieder beenden musste. Von da an war sein beruflicher Weg vorgezeichnet. Er hatte die Sicherheitsfreigabe und die Unfähigkeitsbescheinigung für den aktiven Militärdienst, eine Konstellation die in den US fast geradlinig auf eine zukünftige Karriere bei der CIA verweist. 2005 trat Snowden in die CIA ein und hatte ab dem Zeitpunkt Zugang zu geheimen und sicherheitsrelevanten Daten. Diesen Zugang behielt er auch, als er später in ein privates Subunternehmen der NSA wechselte. Es war  nicht die Möglichkeit des Zugangs zu hochbrisanten Daten, die ihn zu einem Spion machten, da er darüber seit 2005 verfügte ohne sie zu nutzen.

Neben seiner beruflichen Karriere blieb Snowden immer das, was er seit seiner Jugend war, ein Hacker. Er hatte sich in der Szene einen Namen gemacht und auf der Seite der Black Hats positioniert. Black Hat ist das Synonym für eine lose internationale Gruppe von Hackern, die sich einen Namen in der Szene machen, indem sie in Computersysteme einbrechen und den so Angegriffenen dann ihr Wissen um die IT–Sicherheitslücke verkaufen. Die Stellung und der Ruhm eines Black Hat ergibt sich aus den Schwierigkeitsgraden des Schutzes der Computersysteme, die sie hacken. Es geht um Geld, aber auch um Anerkennung innerhalb der Szene. Je größer und sicherheitsrelevanter die gehackte Datenbank ist, desto größer ist der Marktwert des Hackers und über diesen verkaufen sich die Hacker selber. Auf internationalen und jährlich stattfindenden Conventions der Black Hats treffen sich die Stars der Szene. Eine elitäre Gemeinde, deren Wissen die Begehrlichkeiten vieler hervorruft. So ist es nicht verwunderlich, dass auf diesen Treffen die führenden Hacker von international agierenden Sicherheitsunternehmen als auch Geheimdiensten selbst angeworben werden. Dies war auch der Weg, auf dem Snowden seinen Weg von einem Mitarbeiter der CIA zu  der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton, einem Subunternehmen der NSA, fand.

Die Hacker, die sich den Black Hats zugehörig fühlen arbeiten nicht für eine gemeinsame Struktur oder irgendeine übergeordnete Organisation, sie sind die Freaks ihrer Zunft mit einem gemeinsamen Credo. Immer auf der Suche nach dem ultimativen Hack und fest an ihren Leitspruch glaubend – we hack the world and nobody can touch us – sind sie die Freibeuter des Internets, ausgestattet mit den Kaperbriefen ihrer Auftraggeber. Besichert durch die politische und wirtschaftliche Macht ihrer Auftraggeber agieren sie in einem rechtsfreien Raum, der nur durch den Rahmen ihrer eigenen Kreativität begrenzt ist. Das führt bei den Hackern selbst zu irrealen Wahrnehmungen ihrer Möglichkeiten und zu gefährlicher Selbstüberschätzung.

Edward Snowden ließ sich von Booz Allen Hamilton anwerben und fand sich genau in dieser Position wieder. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der ultimative Hack – die Datenbank des mächtigsten und größten Geheimdienstes: der NSA – seine Begierde weckte. Seine Auftraggeber wussten um das Sicherheitsrisiko der von ihnen angeworbenen Hacker und kontrollierten die Tätigkeiten dieser fortwährend. Doch diesmal erwies sich der Kontrollierte als der cleverere und Snowden gelang, was niemand für möglich hielt. Er kopierte den Teil der Datenbank der NSA, auf den er Zugriff bekam und parkte diese Kopien weltweit als chiffrierte Dateien auf öffentlichen Servern, auf die er von überall Zugriff nehmen konnte, ohne dass sie entdeckt werden können. Er hatte geschafft wovon jeder Black Hat träumt und wäre nun die unangefochtene Nr.1 der Hackerszene, wenn er sein Meisterstück publik machen könnte.

Die Freiheit des Internets und der Missbrauch dieser Freiheit stehen in der Hackerszene nicht im Widerspruch zueinander, sondern bedingen sich nach ihrer Logik. Jeder Hacker kann daher aus eigener und tiefster Überzeugung für die Freiheit und gegen die Kontrolle des Internets durch staatliche Organisationen eintreten. So tut es auch Edward Snowden, dessen Einbruch zwar nicht mit der Wahrung der Freiheit im Internet begründet war, aber ein Ausdruck dieser geforderten Freiheit ist. Wenn er sich heute als Märtyrer im Kampf gegen die Kontrolle des Internets durch Geheimdienste sieht, dann stimmt das mit seiner Überzeugung überein, er verschweigt nur, dass dies nicht der Grund seines Handelns war.

Was Snowden fehlte war die Anerkennung seines Kampfes für das freie Internet und als primus inter pares der Hackerszene. Er entwickelte einen Plan wie er sich offenbaren könnte und berücksichtigte dabei auch die Reaktionen des Bestohlenen. Einzig in der Prognose der Reaktionen Amerikas auf seinen Verrat unterliefen ihm folgenschwere Fehler, die in seiner eigenen Stellung innerhalb der geheimdienstlichen Strukturen und seinem Selbstverständnis als Black Hat begründet sind. Er ging von einer weit weniger massiven Reaktion aus, da wie er glaubte, die NSA kein Interesse an einer gänzlichen Öffentlichwerdung haben konnte und die von ihm kopierten Daten, nicht Top Secret Akten selbst, sondern nur Strukturen der Ausspähung waren. Er unterschätzte die Brisanz des Materials und das Ausmaß der öffentlichen Bloßstellung der NSA. Ein Irrtum, der den weiteren und öffentlichen Verlauf der Affäre bestimmen sollte.

In dem Glauben an eine gedämpfte amerikanische Reaktion meldete er sich wegen einer angeblich attestierten Epilepsie bei seinem Arbeitgeber krank und flog nach Hong Kong, das durch seinen öffentlichen Auftritt, das Internet nicht zu überwachen, ihm sicher genug erschien, seine Veröffentlichungen zu beginnen. Von dort wollte er intern mit der NSA, nach bewährter Black Hat Manier, den Preis der von ihm gefundenen IT-Sicherheitslücke in der NSA Datenbank verhandeln und die öffentliche Stilisierung seines Ruhms als Hacker und Wahrer der Freiheit des Internet betreiben. Doch als er die ersten Geheimnisse über britische Medien veröffentlichte, entglitt ihm die Kontrolle. Die Weltöffentlichkeit zeigte sich erregter als erwartet und zwang die USA in eine unnachgiebige Haltung, um ihr Gesicht zu wahren. Edward Snowden verstand, dass sein Plan ohne die Kooperation der USA nicht aufgehen würde. Es ging nun nicht mehr darum eine heldenhafte Rückkehr in die Heimat vorzubereiten, sondern darum eine Verhandlungsposition zu finden, die sein Überleben sicherte. Er reiste weiter nach Moskau, dem Land, das wohl als einziges jedem Druck der USA standhalten kann und überraschte die Russen damit derart, dass sie ihm die Einreise verweigerten und er im internationalen Teil des Moskauer Flughafens gefangen war.

Amerika schloss jede Verhandlungsbereitschaft aus und manifestierte diesen Entschluss, indem es seine Reisepapiere für ungültig erklärte. Endgültig wurde Snowden seine Situation bewusst, als Amerika sogar einen diplomatischen Streit zuließ und über Dritte die Landung und die Durchsuchung des Fugzeugs des bolivianischen Präsidenten in Wien erzwang. Allein aufgrund eines bloßen Verdachts, Snowden könnte sich in der Maschine aufhalten. Es war die deutlichste Botschaft, die Amerika Snowden schicken konnte, um unmissverständlich zu sagen, dass sie nur noch ein Ziel haben, seinen Kopf. Snowden wusste nun, dass er Russland nicht mehr verlassen konnte und kein gewährtes Asyl eines südamerikanischen Landes ihn schützen würde. Wieder musste er seine Taktik, die zwischenzeitlich zu einer bloßen Überlebensstrategie geraten war, auf die neue Situation einstellen.

Snowden war in Russland und musste auch dort bleiben. Hinein nach Russland kam er jedoch nicht, da der russische Präsident öffentlich deutlich gemacht hatte, dass er ihm kein Asyl gewähren würde. Snowden gelang es weiterhin, den Zugriff auf die von ihm versteckten Dateien zu behalten und er nutzte sie weiter für gezielte Teilveröffentlichungen, aber nun auch als Druck- und Pfandmittel gegenüber der russischen Regierung, um Asyl in Russland und damit die offizielle Einreise durchzusetzen.

Durch die bisherigen Veröffentlichungen Edward Snowdens wurde bekannt, in welchem ungeheuerlichen Ausmaß westliche Geheimdienste die Bevölkerungen der Länder und ihre Regierungen ausspionieren. Jedem Beobachter musste dabei klar werden, dass dies nicht nur westliche, sondern auch alle anderen Geheimdienste tun und die Verknüpfungen der Prism und Tempora Netze zu ihren russischen und chinesischen Gegenstücken könnte dies offenbaren. Solche Veröffentlichungen gibt es jedoch nicht und es liegt in direktem Interesse Russlands, dass das auch so bleibt. Edward Snowden hat ein Argument gefunden, welches den russischen Präsidenten seine Meinung zur Asylgewährung ändern ließ. Wie stark dieses Argument ist, lässt sich erahnen, wenn man betrachtet wie schnell der russische Präsident auch seine Bedingung, Snowden dürfe nicht mehr gegen Amerika agieren, wieder zurücknahm. Edward Snowden durfte nach Russland einreisen, steht dort nun unter dem Schutz des russischen Geheimdienstes und lebt nun in der Angst diesen Status Quo nicht aufrecht erhalten zu können.

Edward Snowdens einzige Versicherung sind die von ihm verborgenen Dateien. Ein Schutz, der sich selbst frisst. Er ist gezwungen beständig weiter zu veröffentlichen, da seine Unantastbarkeit sich aus der öffentlichen Wahrnehmung um ihn ergibt und sieht sich dadurch dem Problem gegenüber, dass die schützende Ressource des Geheimnisses kontinuierlich schwindet. Seine Sicherheit schwindet mit jedem Tag und alle Beteiligten wissen das. Er ist das Opfer eines Spiels, das er selbst begonnen hat und für das er nicht genug langen Atem hat, um es zu gewinnen. Die Weltöffentlichkeit kann noch eine weitere dramatische Enthüllung von ihm erwarten und zwar dann, wenn er sich des Endes des Spiels bewusst wird und seinen letzten Trumpf ausspielt. Doch noch schützt dieser ihn.

Dies könnte die Geschichte des Edward Snowden gewesen sein. Eine Geschichte ohne Happy End, wenn er der Welt nicht etwas offenbart hätte, was noch keiner vor ihm tat.

Unabhängig aus welchen Beweggründen Edward Snowden tatsächlich die Strukturen der globalen Ausspähung durch Geheimdienste und ihre Strukturen veröffentlichte und welche Wege er dafür beschritt, hat er der gesamten Menschheit einen großen Dienst erwiesen. Er hat die Augen geöffnet für Umstände, die der Weltöffentlichkeit verborgen waren. Die Fortführung und der Ausbau dieser Strukturen werden durch seine Veröffentlichung nicht gestoppt werden, aber nun haben die Völker dieser Welt es selbst in der Hand, ob und in welchem Ausmaß sie das zukünftig zulassen wollen. Dafür gebührt Edward Snowden mein Respekt und Dank und für die Möglichkeit der Völker sich zukünftig dagegen zu schützen, sofern sie es denn wollen, auch der Dank der Menschheit selber. Wie kaum einem Menschen vor ihm gebührt ihm die Würde des Friedensnobelpreises, dessen Verleihung einzig auch zukünftig ein Schutz seiner Person sein kann, wenn er den Schutz seiner Geheimnisse verliert. Es wäre ein Akt ehrlichen Dankes.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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4 Kommentare zu “Eine kurze Geschichte des Edward Snowden”

  1. Es wäre spannend zu wissen wie die Geschichte ausgeht und wie weit er mit der russischen Regierung rechnen kann. Es bleibt ihm zu wünschen, das er seine letzte und größte Trumpfkarte nicht vorher ausspielen „muss“.

  2. Hallo Heinz Sauren,
    habe mich im Rahmen meiner Aktivitaeten bzgl. E. Snowden Ihres etwas aelteren Artikels erinnert und dieses wunderbare und aufschlussreiche Statement wie folgt neu veroeffentlicht.
    http://phosphoros.over-blog.de/article-god-save-e-snowden-121066291.html

    Kurzhinweis.: Whistleblower, in Ihrem Text Absatz 2, schreibt man mit h.
    In diesem Zusammenhang auch ein Dank bezueglich Ihrer intensiven aufklaererischen Arbeit.
    Gustav Staedtler

  3. You actually make it seem really easy together with your presentation but I in finding this matter to be really something that I feel I would by no means understand. It sort of feels too complex and extremely broad for me. I’m looking forward for your next publish, Ill try to get the cling of it! dccfkak

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