Lampedusa – Die Augen fest verschlossen


Zaunfinger

Vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa hat sich wieder einmal ein Drama abgespielt. Hunderte Afrikaner ertranken, als das überfüllte Boot, welches sie in das gelobte Land Europa bringen sollte, sank. Solche Dramen spielen sich häufig vor den Küsten Europas ab, doch dieses fand den Weg in den medialen Fokus, weil es diesmal so viele Menschen auf einmal und so nah vor der europäischen Haustür traf. Angesichts dieser Tragödie ergießt sich ein Aufschrei der Empörung durch den Medienwald. Diese Empörung, so angebracht sie in Bezug auf die einzelnen Schicksale der Menschen auch ist, offenbart auch die bigotte Haltung der Politik und des europäischen Kontinents zu einem immer offensichtlicheren Problem. Europas Verhältnis zu Afrika.

Zehntausende Afrikaner unternehmen jedes Jahr den Versuch, Europa zu erreichen und viele davon auf dem Seeweg über das Mittelmeer. Ein gefährliches Unterfangen, da viele von ihnen bevor sie überhaupt das Mittelmeer erreichen, Teile des afrikanischen Kontinents durchqueren müssen. Zumeist auf abenteuerlichen Wegen und mit geringsten Mitteln. Viele erreichen so nicht einmal das Mittelmeer und die, denen es geglückt ist, sehen sich einer Festung gegenüber, die mit Hilfe der Frontex – Agentur, jeden Versuch das europäische Festland zu erreichen, zu verhindern versucht.

Europa schottet sich ab. Nicht in erster Linie gegen die zehntausende afrikanischer Flüchtlinge, die gegen seine Grenzen anrennen, sondern insbesondere gegen die Millionen, die sich auf den Weg machen würden, wenn die Abschreckung der Festung Europa nicht mehr funktionieren würde. Es ist Teil der europäischen Politik, dass diejenigen, die auf dem Weg nach Europa ertrinken, auch als Warnung für die sterben, die sich mit dem Gedanken tragen, diesen Versuch zu unternehmen. Um einem völkerwanderungsgleichen Ansturm auf die Grenzen Europas entgegen zu wirken, patrouillieren in zweiter Linie die Frontex Boote vor seinen Küsten. Die erste Linie der Abwehr, besteht aus bilateralen Verträgen, die Europa mit allen Staaten entlang den afrikanischen Küsten geschlossen hat, in denen sich diese Staaten gegen direkte und indirekte Milliardenzahlungen verpflichten, den Ansturm der afrikanischen Flüchtlinge schon weit vor den Küsten zu stoppen. Dort geschehen die großen Gräueltaten, dort verhungern weit mehr Menschen, als im Mittelmeer ertrinken. Doch diese Orte haben keine Namen und dort sind keine Medien, die davon berichten.

Was bleibt ist der mediale Aufschrei und die kollektive Empörung einer europäischen Gesellschaft, die einzig aus moralischen Gründen die Toten beklagt, doch deren Trauer nur halbherzig ist und die Betrachtung der tatsächlichen Gründe und Umstände nicht zulässt. Jeder fordert in diesen Tagen, das so etwas nie wieder geschehen dürfe, doch niemand ist bereit zu Fragen, warum so etwas geschieht.

Diejenigen die nun fordern, man müsse aus humanitären Gründen die Grenzen öffnen, um solche Dramen zu verhindern, sind die Moralisten. Sie machen es sich am einfachsten, da sie glauben allein die Beseitigung der Wirkung reiche, auch ohne die Ursache anzugehen. Ihre humanitäre Sichtweise verbietet alle Gründe gegen ihre Ansicht und würden sie die Möglichkeit erhalten ihre Wünsche umzusetzen, wäre es ihre Moral, die Europa zu Grunde richten würde. Europa kann Flüchtlinge aufnehmen und tut das auch. Würden aber die europäischen Grenzen geöffnet, würde sich Europa einer Einwanderungswelle ausgesetzt sehen, die es weder logistisch noch kulturell und damit letztendlich auch nicht humanistisch stemmen könnte. Ghettobildung, explodierende Kriminalitätsraten und gewaltsame kulturelle Auseinandersetzung wären die Folge. Nicht weil Afrikaner grundsätzlich krimineller oder gewaltsamer als Europäer wären, sondern weil unsere Sozialsysteme zerbrechen, kulturelle Grundwerte durch neue in Frage gestellt würden und dadurch Existenzängste für Großteile der Bevölkerung um sich greifen würden. Diese Effekte sind nicht fremdenfeindlicher Populismus, sondern Fakten die sich aktuell dort beobachten lassen, wo schon jetzt Emigrationsgruppen Mehrheiten bilden. Solche Emigrationsmehrheiten, wären bei vielen Millionen Zuwanderern keine Ausnahmen mehr, sondern flächendeckender Alltag. Naive Intergrationswünscheleien würden an dem quantitativen Ausmaß dieses Szenarios ad absurdum geführt.

Aber auch diejenigen, die ein weiter so wie bisher fordern, sind heuchlerisch und kurzsichtig. Sie vergessen was Afrika für Europa ist und welche Katastrophen Europa in Afrika bis heute auslöst. Seit der Zeit der Kolonisation beutet Europa den afrikanischen Kontinent und seine Menschen aus. Die Nahrungsmittel, die hier in Europa so selbstverständlich und günstig unseren Lebensstandard ausmachen, werden zu einem beträchtlichen Teil in Afrika angebaut, ebenso wie viele afrikanische Bodenschätze, die den Fortschritt der europäischen Wirtschaftsnationen überhaupt erst in diesem Ausmaß ermöglichen. Es ist Europa, das den afrikanischen Kontinent noch immer rücksichtslos ausbeutet sowie seine Menschen, die all das produzieren, was uns so satt macht. Europa entzieht Afrika seine Rohstoffe, seine Ernten und versklavt noch immer seine Menschen für den erstrebten wirtschaftlichen Vorteil. Abermilliarden Euro Reingewinn gegen ein paar Hundertmillionen Entwicklungshilfe zur Gewissensberuhigung sind ein gutes Geschäft. Ohne das, was an Rohstoffen, Erträgen und Arbeitsleistung aus Afrika nach Europa abfließt, wären die humanitären und wirtschaftlichen Probleme Afrikas bedeutend geringer.

Eine dritte Sichtweise, wie das Problem angegangen werden könnte, ist die Forderung nach einem fairen Umgang miteinander. Dies ist wohl die utopischste Betrachtungsweise. Das Verhältnis zwischen Europa und Afrika basiert auf wirtschaftlichen Interessen und Handelsbeziehungen. Für diese einen fairen Umgang einzufordern hieße, die Gesetze der Marktwirtschaft auf den Kopf zu stellen und zuvor den Kapitalismus abzuschaffen, denn in diesem ist das Ziel der Gewinn und dessen Erreichung steht in direktem und inhaltlichen Widerspruch zu Fairness.

Europa muss eine Zukunft haben, ebenso wie Afrika und diese zu erreichen ist keine humanitäre Fragestellung, sondern eine generelle. Entgegen den Forderungen, der die Globalisierung fordernden Kräften, wird eine Koexistenz Europas und Afrikas nur durch eine Separierung möglich sein. Bis zu einer Interaktion auf Augenhöhe müssen sowohl Afrika als auch Europa auf sich selbst gestellt sein, um einen eigenen Weg zu beschreiten. Afrika würde von einer solchen Separation deutlich profitieren, da es fortan seine Bodenschätze, seine Erträge und seine Arbeitskraft für sich selbst nutzen könnte und würde mittelfristig autark auch seine humanitären Missstände beherrschen lernen. Für Europa wäre der Weg schwerer, da es sich von seinem auf Ausbeutung begründeten Wohlstand in Teilen verabschieden müsste und Wege zu beschreiten hätte, auf denen es lernen müsste, von und mit sich selbst zu leben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass nicht das hungernde Afrika nach Europa ruft, sondern das satte Europa nach Afrika. Dennoch scheint in den Führungsetagen europäischer Konzerne und an den Obst- und Gemüsetheken der Republik Einigkeit zu herrschen. Afrika muss geholfen werden.

Wer nach den Gründen der Tragödie sucht, muss nicht weit entfernt in Afrika suchen. Finden wird sie jedoch nur, wer nach den Gründen des europäischen Wohlstands sucht. Wer aber nach einer Lösung sucht, wird sie in einer undurchlässigen Grenze finden, die nicht nur Europa vor einer afrikanischen Völkerwanderung schützt, sondern insbesondere auch Afrika vor den Wirtschaftsinteressen Europas.

Niemand sollte jedoch darauf hoffen, dass die Politik eine solche Lösung findet. Die Politik weiß zu genau, dass die Gesellschaft, die diese Tragödie jetzt so medienwirksam betrauert, sehr schnell wieder die sein wird, die all die bedeutungsschweren Bekundungen aufgesetzter Trauer vergisst, um weiterhin ungestört an ihren Wohlstands- und Wachstumsträumen festzuhalten. Auch und wieder auf Kosten der Menschen, die auch in Zukunft im Mittelmeer ertrinken werden.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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Veröffentlicht von

Heinz Sauren

Sozialanthropologie und Gesellschaftskritik

Ein Gedanke zu “Lampedusa – Die Augen fest verschlossen”

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