Frohe Weihnachten


Weihnachtsbaum

Heiligabend. Das Fest der Dreifaltigkeit. Drei Prüfungen warten alle Jahre wieder, auf die Jünger des Festes der Liebe. Sie zu bestehen ist der krönende Abschluss eines jeden Jahres. An ihnen bestimmt sich der Stand innerhalb der Gesellschaft, der Rang in der Familie, der Wert untereinander, letztendlich der eigene Wert überhaupt.

Die erste Prüfung beginnt spätestens mit dem entzünden der ersten Kerze, dem ersten Advent.In guter christlicher Tradition sollen Geschenke gebracht werden und die gilt es zu kaufen. Wohl dem, der übers Jahr fleißig war oder emsig gespart hat, er geht nun aus der ersten Startreihe ins Rennen und wird auch unter dem Weihnachtsbaum die Nase vorne haben.

Weniger gut vorbereitet, also mit nicht genügendem Startkapital ausgerüstet, gilt es die Geschenke schon sorgfältig zu wählen, denn die zu erbringende Wertschätzung und damit im Grunde die erhoffte, wird schließlich noch einige Zeit als Kredit abgestottert werden müssen. Aber so ist das mit Investitionen in die Zukunft.

Übel spielt das Schicksal mit jenen, die Geschenke kaufen wollen, es aber nicht können, weil ihnen das Geld fehlt. Sie sind die heimlichen Helden der Weihnacht. Nicht weil sie ein besonderes Fest erleben, sondern schlicht weil sie es jedes Jahr aufs neue überleben, ohne an der Ausgeschlossenheit und Minderwertigkeit die ihnen das Fest der Nächstenliebe bringt, zu zerbrechen. In herzerweichenden Bildern bekommen sie pausenlos die strahlenden Kinderaugen, vor den teuren Geschenken vorgeführt. Ein Bild das in ihnen nichts mehr ,als die schmerzhafte Ohnmacht der Gewissheit beschert, das es nicht die strahlenden Augen ihrer eigenen Kinder sein werden. Noch unerträglicher wird es ihnen nur noch, wenn ihr Unvermögen, an den Wertschätzungsritualen des heiligen Abends teilzunehmen, offenbar wird. Dann geraten sie ins Visier der weihnachtlichen Wohltäter. Diese alljährlich zur Weihnachtszeit auftauchenden Gutmenschen bringen das giftigste Geschenk der Weihnacht. Boshafte Hilfe. Helfen zu wollen, die finanziellen Mittel dazu zu haben und dieses gegenüber denen zu tun, denen die finanziellen Mittel fehlen, um an einem Fest teilzunehmen, dessen Regeln ausschließlich die bestimmen, denen nichts fremder ist als, die finanziellen Mittel nicht zu besitzen, erklärt die Arroganz ihrer Wohltaten die sie bescheren ohne auch nur im Ansatz zu verstehen, welche kränkende Hilflosigkeit sie damit hinterlassen. Ein Ablasshandel mit dem sich der Betuchte sein Gewissen erleichtert. Um wie viel mehr wäre ein solches Gewissen zu erleichtern, wenn es nur den zehnten Teil dessen geben würde, von dem was verschenkt wird, dies aber dann täte wenn kein Kalender ihn dazu aufruft und kein Dank zu erwarten ist. Doch diese Geißel der Gutmenschlichkeit verschwindet zuverlässig am Tag nach Weihnachten, sobald die moralische durchwirkte Weihnachtsstimmung nicht mehr einen solchen Hilfsaktionismus zur Gewissensberuhigung erzwingt.

Die Verlierer der Weihnacht sind jedes Jahr die gleichen. Ganz normale Menschen, die wie der Großteil aller, dem Glanz und der Bedeutsamkeit des Weihnachtsfestes erlegen sind, aber in dem Maße wie sie es für mindestens Notwendig halten, nicht daran teilnehmen können. Sie stellen jedes Jahr, das in der Adventszeit anwachsende Heer, der verzweifelten Verbrecher, die Banken und Tankstellen ausrauben, oder Ladendiebe werden. Sie sind die Weihnachtsopfer, deren Verzweiflung vor der herannahenden Weihnacht so groß ist, das sie bereit sind dafür ihre Freiheit, ihre Familie und ihr gesamtes bisheriges Leben zu riskieren. Wer außer sie kann erahnen wie bedrohlich Weihnachten sein kann.

Etwas deplatziert scheinen in der Zeit des Einzelhandelskonjunkturprogramms der Vorweihnacht, die wenigen, verstörend erscheinenden Traditionalisten, mit ihren Forderungen nach einer besinnlichen und bescheidenen Weihnacht und ihrem feierlichen und anachronistischem Brauchtum. Ihnen werden Shopping begleitende Unterhaltungsbereiche zugewiesen, in denen sie die X-Mess Konsumaktivisten in Augenblicken der Besinnlichkeit, die wissenschaftlich verifizierte, emotionale Tiefe des Konsumrausches verleihen sollen und zu neuer Kaufleistung motivieren. Die unausweichliche und zum heiligen Abend, zunehmend komprimierende Anzahl an Teilnahmen themenbezogener Kauf- und Geschenkveranstaltungen, steigern kontinuierlich die Konsumbereitschaft bis zu ihrem Zenit, dem letzten verkaufsoffenem Wochenende.

Wem es gelingt den vorweihnachtlichen Konsumterror, ohne Schaden an Leib, Leben oder Geist zu überstehen, sieht sich vor der zweiten Prüfung.

Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit. Wie viel Besinnlichkeit lässt sich erwarten, in einer Zeit in der alle beseelt sind ihr bestes zu geben? Das Beste zu geben führt alle Jahre wieder,viele an den Abgrund des Verlustes der Kreditwürdigkeit und verurteilt dazu, all jene zu ertragen, deren Existenz das ganze Jahr von wertloser Selbstverständlichkeit war. Das Beste zu geben heißt auch der Beste sein zu wollen. Das schönste Geschenk oder das Wertvollste, wer hier zu Punkten weiß, empfiehlt sich zu Größerem unter seines gleichen, mit denen er das Fest der Nächstenliebe feiert und alles tut, dass seine Nächsten ihn lieben werden. Hier der primus inter pares zu sein, der erste unter gleichen, wird die Stellung innerhalb der eigenen sozialen Gemeinschaft mitbestimmen und das Hochamt des – ich habe alles richtig gemacht – Selbstverständnisses ist die Bescherung am heiligen Abend.

Der heilige Abend ist ein Balanceakt höchster Diplomatie, die bis zum Selbstverrat reicht und der Leidensbereitschaft, auch den verachtenswertesten Zeitgenossen das Beste zu wünschen und höflich zu danken, sofern er sich nur im Kreis der Schenkenden und Beschenkten befindet.

In dieser Schlacht, am Rande des aufrichtig ertragbarem, sind die Geschenke die Waffen, die wie kleine zwischenmenschliche Tretminen unter dem Weihnachtsbaum drapiert werden. Diese Sprengfallen des Kalküls um den eigenen Vorteil, zünden immer, allein die wohlkalkulierte Wirkung geht manchmal fehl. Ein Schlachtfeld der wohlgemeinten Enttäuschungen über das erhaltende Geschenk als untrüglichem Beweis der mangelnden Wertschätzung an einem selbst, oder die Enttäuschung über den fehlenden enthusiastischen Effekt des verschenkten Wertes, als Türöffner für das erhoffte zukünftige Verhältnis. Einziges Hilfsmittel zu einer richtigen Reaktion, im Sinne dieses leicht perfiden Gesellschaftsspiels und in Bezug auf die erhaltene Wertschätzung, ist allzu oft nur noch die Mimik eines Schauspielers und eine Orientierung an dem allgemein anerkannten Glücksbarometer der Nullen, am besten in Dezimalschritten und Euro. Wer Wertschätzung mit drei Nullen vor dem Komma schenkt, beweist vermeintlich zwingend eine höhere Wertschätzung, als ein nur zwei Nullen vor dem Komma Schenkender, insbesondere anlässlich des größten Konsum-Events des Jahres.

Der heilige Abend beantwortet die Fragen, die das ganze Jahr an der sich beständig entfremdenden Gesellschaft nagen, mit bestechender Einfachheit. Wer ist es Wert das höchste Fest des Jahres mit mir zu verbringen und wem bin ich es? Wer ist in meiner Rangliste eine B Person, mit der ich nur den Tag danach verbringe und für wen bin ich es? Wem weise ich den 2.ten Weihnachtstag zu, dem bitteren Ehrenplatz der Moral nicht verletzen zu wollen und wer tut das mit mir? Weihnachten werden Antworten gegeben, bewusst oder unbewusst, aber in jedem Fall bestimmend für die nähere Zukunft. Es gilt sich zu positionieren.

Die dritte Prüfung ist die Zeit. Einige Stunden im Ausnahmezustand der Selbstdarstellung, mit Menschen, die Gleiches mit gleicher Inbrunst betreiben ist schwer. Menschen die man ein ganzes Jahr ignoriert hat zu hofieren ist Selbstbetrug. Aber noch schwerer ist es zu ertragen, an den Gesichtern, über enttäuschende Geschenke und inhaltslose Höflichkeitskonversationen, zu erkennen, wie wenig man über die Menschen weiß, mit denen man diesen Tag verbringt und das ganze Jahr verbracht hat. 60 Stunden Weihnachten sind mehr, als so manch einer ertragen kann. Nicht umsonst, ist die Selbstmordrate am heiligen Abend, die höchste im ganzen Jahr. Zu keinem anderen Zeitpunkt verzeichnen Polizei und Rettungskräfte, mehr körperliche Übergriffe innerhalb von Familien und zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr fassen so viele Menschen den Entschluss sich von ihrem Partner zu trennen.

Vor langer Zeit, als der Coca-Cola Weihnachtsmann noch nicht Santa Claus hieß und er das Christkind noch nicht in die Verbannung geschickt worden war, war vieles anders. Manche können sich vielleicht noch daran erinnern, oder haben es geschafft ein wenig davon zu erhalten. Die meisten jedoch sind zu willigen Opfern der Verkaufsstrategen, Marktanalysten und Marketingexperten geworden und sie wurden dazu, weil sie sich auf die Bauernfängertricks, subversive Bevormundungen und plumpen Werbestrategien, nur zu gerne eingelassen haben. Es ist halt um vieles einfacher zu Weihnachten einmal ein Geschenk zu kaufen, als sich ein ganzes Jahr mit einem Menschen zu beschäftigen. Weihnachten ist die Quintessenz unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft deren Nächstenliebe nicht nur unerträglich geworden ist, sondern für immer mehr Menschen zunehmend eine Bedrohung wird.

In der Weihnachtszeit, der unschuldigsten aller Jahreszeiten, verpulvern wir zweimal soviel Energie und produzieren dreimal soviel Müll, wie in anderen Monaten. Zu keiner Zeit begeben sich mehr Menschen in eine ruinöse Abhängigkeit von Banken über Kredite. Gleichzeitig schnellen Gewinne in die Höhe und die Börsen boomen. Alle Jahre wieder. Wir, die wir ein christliches Fest feiern, dessen Grundsätze auch darin bestehen die Schöpfung zu wahren, haben in unserer arroganten Sichtweise auf alles Leben, das nicht menschlich ist, noch einen weiteren Höhepunkt in den weihnachtlichen Kalender gepackt. Zu keiner Zeit ist der Handel mit Tieren so zahlreich. Wir missachten die Würde des Lebens so sehr, das wir es kaufen und verschenken. Kein Ereignis im Kalender ist so folgenschwer der Auslöser für unzähliges Leid an Tieren, die als ungeliebte Geschenke erschlagen, ertränkt oder ausgesetzt werden. Zumeist für das kurzweilige Strahlen eines Kindes,das uns zu Weihnachten soviel wichtiger ist, als das Schicksal eines Tieres.

Je nach Schätzung werden jedes Jahr zu Weihnachten, bis zu 35 Millionen Weihnachtsbäume geschlagen. Vollwertige Bäume von denen jeder Einzelne eine Bereicherung für das Ökosystem wäre, gefällt um ein paar Tage als Dekoration zu dienen. Nicht abgeholzt und jedes Jahr um 35 Millionen dadurch erweitert könnte damit in nur einem Jahrzehnt die Fläche des Saarlandes bewaldet werden.

Weihnachten ist Teil unserer Kultur und hatte zu jeder Zeit einen symbolischen Charakter für das, an das die Menschen glauben. Glauben ändern sich und manchmal werden sie widerlich. In diesem weihnachtlichen Spiegel, einen mikrokosmischen Blick auf die Menschen zu werfen, ist eine Sichtweise, die wohl nur dem einen Gott gebührt, sofern es ihn denn gäbe. Der christliche Mythologie nach, die ja immerhin auch die Grundlage dieses Festes ist, ist Gott häufiger erzürnt über das Treiben der Menschen, was ihn schon einmal veranlasste uns aus dem Paradies zu vertreiben.

Es ist nur einmal im Jahr Weihnachten, Gott sei Dank.

Allen denen es geglückt ist, sich eine besinnliche, bescheidene und glückliche Weihnacht zu erhalten, wünsche ich ein schönes und glückliches Fest

und empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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4 Antworten auf “Frohe Weihnachten”

  1. Du siehst die Welt zu schwarz weiß. Ich bin mir sicher, dass es immer mehr Menschen gibt, die sehr bewusst mit diesem Thema umgehen und kaum mehr die Konsumarie reiten sondern Schenken wieder mehr urtümlich angehen. Es werden weniger Sachen geschenkt, als eher Zeit, die man miteinander in Ehrlichkeit verbringt.

    Das Rollenspielen in Erwartungshaltungen wird immer mehr aufgegeben, so meine Wahrnehmung. Das wird sicher auch noch etwas brauchen, aber ich sehe den Weg vorbereitet, dieses Spiel zu wandeln, weg vom reinen Konsum und damit etwas rollenhaftes darstellen zu müssen.

  2. Vielen Dank für den Text. ich mußte gerade feststellen, das auch ich mich zu weihnachten trennte und damit für mich ein weg des sich Besinnens einschlug. Ob es mehr werden die sich besinnen, wage ich zu bezweifeln, weil immer mehr sich selbst von der Natur abschotten und es lieber bequem haben wollen. Wir werden sehen

  3. Zum Vergleich ein Beispiel: in Brasilien geht das 13. Monatsgehalt des – hm – „Durchschnitts-Verbrauchers“ entweder für die Tilgung von Schulden oder die Erfüllung von Konsumwünschen (der eigenen oder der Anderer) drauf. BRICS hin, Boom her.

    Na, der (Buden?-)Zauber ist ja nun schon wieder vorbei. Nicht nur in den hiesigen Shopping-Malls. Denn die Kontoauszüge so mancher Brasilianer, vor allem jener, die der sogenannten „unteren Mittelklasse“ angehören, werden auch im kommenden Jahr ganz ohne festliches Beiwerk nüchterne „Sachzwänge“ schaffen. Bis zum nächsten Rausch.

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