Fußball-WM 2014 – Ein Ausblick


brazil

 

Brot und Spiele, das wussten schon die römischen Cäsaren, sind ein erprobtes Mittel den Mob, das gemeine Volk bei Laune zu halten. So ist es geblieben. Auch heute gilt, je größer das sportliche Event, desto größer ist der Eifer der Machthabenden, sich im Licht des fairen Wettstreites zu sonnen, auf das möglichst viel der heroischen Kraftanstrengung auf sie abfärbe.

Diese begleitende Imagewerbung wissen auch die Spitzenpolitiker zu nutzen, die ihre Begeisterung für den Sport, analog der internationalen Aufmerksamkeit des sportlichen Events, regelmäßig wiederbeleben und regelmäßig zu den größten Fans mit medienwirksamer Volksanbindung, den „Primus inter Pares“ mutieren.

Demoskopen wissen, das im Laufe von solchen Veranstaltungen, politische und wirtschaftliche Probleme an Gewicht verlieren und das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl, durch ein nationales Wir-Gefühl gestärkt wird. Die nationale Identifizierung der Menschen, die ansonsten im politischen Alltag, peinlichst vermieden wird, wird durch sportliche Großveranstaltungen gelenkt und möglichst auf diese begrenzt.

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein solches Event und wer da glaubt, es gehe dabei um das Spiel, der gehört zu den Menschen die ohne einen Lernfortschritt gemacht zu haben, auch auf den Rängen der römischen Spiele sitzen könnte und dem cäsarischen Credo, wie vor zweitausend Jahren unhinterfragt erliegen. Parallelen in der Art der Durchführung von Spielen und dem allgemeinen Zustand des Staatswesens, sind nicht nur innerhalb des grölend, folgenden Mobs zu erkennen, sondern auch in der Größe der Spiele selbst. Schon im alten Rom wurden die Spiele ausladender und prächtiger, analog des schleichenden Untergangs des Staatswesen und des Anstiegs des sozialen Unfriedens.

Damals wie heute gilt. Die allgemeine Begeisterung für Groß-Events steigt in gleichem Maße, wie die Unzufriedenheit der Menschen, innerhalb einer Gesellschaft zunimmt. Die Identifikation mit den nationalen Teilnehmern an Spielen nimmt mit dem sportlichen Erfolg zu, als Kompensation der Misserfolge im eigenen Leben der Fans. Dieser Effekt wird durch die Mechanismen einer Leistungsgesellschaft noch verstärkt, da ein sportlicher Erfolg der Nationalmannschaft, immer zuerst den Misserfolg einer anderen voraussetzt und damit eine stellvertretende Abgrenzung zu den Verlierern, zu denen niemand sich zählen mag, ermöglicht.

So fiebern auch die Deutschen den Entscheidungsschlachten der kleinen Ersatzkriege entgegen und zumindest auf der persönlichen Ergebnisebene und im kollektiven Empfinden, folgen diese den gleichen Mechanismen, mit den gleichen gefühlten Ergebnissen, wie die Erfolge des Blitzkrieges des Dritten Reiches. Es ist der tiefe Wunsch, der Benachteiligten und Schwachen, nach einem Sieg im Kampf des Lebens, den die elf Heroen, stellvertretend für sie erringen sollen. Das diese Kämpfe mit einem runden Leder und nicht mit Waffen ausgetragen werden, ist weniger ein Erfolg der humanistischen Entwicklung des Menschen, als den Gesetzen des Krieges selbst geschuldet, nach denen eine Low-Level-Auseinandersetzung ausreicht, wenn der kollektive Siegeshunger damit gestillt werden kann.

Fußball wird für einige Wochen, das bestimmende Thema dieser Gesellschaft sein. Ein vermeintlich fröhlicher Ausnahmezustand, der von vielen Protagonisten der Macht herbei gesehnt wird, als wohltuende Verschnaufpause in der ewigen Laufrades der Rechtefertigungsrhetorik, der sich die Entscheidungsträger ansonsten ausgesetzt sehen und ideale Gelegenheit, unliebsame Vorhaben möglichst unbemerkt durch die Instanzen zu drücken. So wie Politiker um diesen Umstand wissen, sollten Wähler sich davor fürchten. Auch die Medien sind während der Weltmeisterschaft gleich geschaltet und verlieren ihren investigativen Anspruch, da sie auf Quoten angewiesen sind. Die Schlagzeilen sind während des kollektiven Taumels der Irrealität, für alle Meldungen außerhalb von Sieg und Niederlage, nur schwer mit anderen Themen zu besetzen, ohne innerhalb des Medienrankings abgestraft zu werden.

Ist in dieser Welt, in der es wahrlich genug Probleme gibt, die es zu lösen gilt, eine Fußball-Weltmeisterschaft noch zeitgemäß? Agieren die Protagonisten dieses sportlichen Mega-Events gemäß ihres eigenen Anspruchs den Weltfrieden und die Völkerverständigung zu fördern?

Die FIFA, der Initiator der Weltmeisterschaft ist ein multinationales Unternehmen mit Sitz in der Schweiz. Ein diktatorisch geführter Weltkonzern, der mit der Fußball-Weltmeisterschaft einen Milliardengewinn, durch Lizenzen, Fernsehrechte und Merchandising macht und der, außerhalb der Weltmeisterschaften, für gewöhnlich nur durch Korruptionsvorwürfe, Geldschiebereien und großzügige staatliche Zuwendungen, den Weg in die Schlagzeilen findet. Entscheidungen, welches Land eine Weltmeisterschaft ausrichten darf, sind intransparent und lassen sich am treffensten als geo- und finanzpolitische Strategien beschreiben, bei denen der Sport augenscheinlich eine untergeordnete Rolle spielt. Nicht erst seitdem offiziell wurde, das Katar die Weltmeisterschaft 2022 ausrichten wird, obwohl die Durchführung aufgrund der klimatischen Bedingungen des Golfstaats, dies im Grunde unmöglich machen, ist Fragwürdigkeit de FIFA-Entscheidungen offenbar. Nach penibelsten Forderungen der FIFA werden Stadien geplant und mit Hilfe von Zwangs- und Sklavenarbeitern gebaut. Selbst als die ersten Arbeiter an Dehydration starben und offenbar wurde, das ihnen Pässe abgenommen wurden, sie  in übelsten Behausungen vegitieren und für Hungerlöhne schufften, sah die FIFA trotz ihres hohen Völkerverständigungsanspruchs, keine Veranlassung, Verantwortung zu übernehmen. Sie schickte den Kaiser des Fußballs zur Inspektion nach Katar und der konnte natürlich nichts Beanstandungswertes erkennen. Das diese Inspektion keinen negative Ergebnisse liefern würde, war nicht wirklich verwunderlich.

Für ein Schauspiel von nur wenigen Wochen, wurden in Brasilien zehntausende Menschen dauerhaft zwangsumgesiedelt oder einfach in die Obdachlosigkeit vertrieben. Sie mussten ihre Häuser verlassen, weil kurzfristig für die Weltmeisterschaft zu errichtende Stadien wichtiger waren. Die Weltpresse berichtete, ganz im Sinne der FIFA, das es sich nur um illegale Notbehausungen gehandelt habe. Das ist blanker Zynismus in einer Stadt in der nahezu die Hälfte aller Bewohner in solchen illegalen Behausungen leben. Brasilien ist zwar eine aufstrebende Wirtschaftsnation, jedoch noch voller struktureller und sozialer Probleme. Ungeachtet dessen wurden die Sozial- und Rentenkassen geplündert, als auch die Sozialleistungen für hunderttausende Menschen gekürzt, um die notwendigen Milliarden, für die Bauinvestitionen aufbringen zu können. In Jahrzehnten mühsam errungene Naturschutzgesetze wurden schlicht den wirtschaftlichen Erfordernissen der Weltmeisterschaft angepasst oder wie im Falle der Unterbringung der deutschen Mannschaft einfach ignoriert, um Wälder in Naturschutzgebieten zu roden, damit die deutsche Mannschaft ein vermeintlich angemessenes Ressort nebst eigenem Fußballplatz vorfindet. Soziale Unruhen sind an der Tagesordnung und weisen auf Missstände hin, die entweder nicht behoben wurden, oder erst durch Ausrichtung der Weltmeisterschaft entstanden sind. Wenn nach ein paar Wochen der Fußballzirkus weiter gezogen sein wird, hat Brasilien neue Stadien, die es kaum unterhalten kann, neue Prachtstraßen die das Verkehrschaos nicht mildern, weil sie alleinig auf die Zubringung zu den Stadien ausgerichtet sind und viele Obdachlose mehr, die neue Slums errichten werden. Dem einfachen Brasilianer wird dieses Fußball-Event noch lange schwer im Magen liegen, da seine weitere Verarmung die Finanzmittel für die Weltmeisterschaft generiert, ohne das er eines der Spiele hätte sehen können, da die Eintrittskarten für ihn unerschwinglich sind.

Die Nationalmannschaften sollen ihre jeweiligen Länder in diesem friedlichen Wettstreit vertreten, doch viele Spieler, die sich im Glanz ihrer heroischen Rolle sonnen, scheinen überfordert mit einer derartigen Aufwertung ihrer Person. Wenn einer der mimosenhaften Spielermillionäre aufgrund irgendwelcher gekränkten Befindlichkeiten in eine Hotellobby pinkelt, leidet er offensichtlich an Inkontinenz. Entweder einer physisch, oder einer psychisch bedingten Inkontinenz. Heiligt der Zweck, der erhoffte Sieg, jedes Mittel, so das ein physisch oder psychisch defizitärer Mann durch die vielfältigen sportmedizinischen Untersuchungen einfach durch gewunken wurde, oder ist das nur ein zu vernachlässigender Kollateralschaden an der nationalen Reputation, dieser – der Zweck heiligt die Mittel – Philosophie?

Kann ein Bundestrainer, als Vorbild einer ganzen Generation junger Fußballspieler, in seiner professionell zelebrierten Selbstbeherrschung, glaubwürdig und verantwortungsvoll genug sein, wenn der Staat, den er repräsentieren soll, ihm die Fähigkeit abspricht ein Kraftfahrzeug zu führen? Offensichtlich sind die Ordnungsbehörden dieses Landes der Meinung, das dieser Mann nur unter Auflagen, keine Gefahr für seine Mitmenschen ist, aber dennoch die Befähigung zu besitzt, dieses Land angemessen zu vertreten. Ein Widerspruch? Nicht im Fußball!

Selbst der Sport, der Fußball hat seine bedenklichen Seiten. Es ist ein Spiel einer kurzen glanzvollen Jugend ohne Zukunftsperspektiven. Nahezu jeder Spieler wechselt nach seiner kurzen Karriere auf dem Spielfeld, nahtlos in eine lebenslange orthopädische Dauerbehandlung. Kaum ein Spieler verfügt über eine höhere Schulbildung, auf die er nach seiner fußballerischen Karriere aufbauen könnte. Ein schnelles Leben, durch einen medizinisch nicht zu rechtfertigende Raubbau am Körper, verschafft schnelles Geld, das ist die Botschaft der Fußballprofis. Vergessen wird bei dieser Botschaft, das die meisten der nacheifernden Kinder und Jugendlichen zwar wie vorgegeben ihre Knochen ruinieren, aber nur die wenigsten den Erfolg dadurch haben und das die, die es schaffen den Erfolg zu haben, schon im ersten Drittel ihres Lebens ihren Zenith überschreiten, um den Rest ihres Lebens dann in der Lethargie ihrer glorifizierten Vergangenheit, einen Leidensweg durch die medizinischen Instanzen zu beschreiten.

Fußball ist ein Mannschaftssport. Das Kollektiv als Grundgedanke verschaffte diesem Sport seinen Aufstieg, im ausgehenden 19.ten Jahrhundert. Getragen durch den Umbruch einer Gesellschaft, die sich durch die zunehmende Industrialisierung kollektivierte. Doch Zeiten ändern sich und Kollektive sind auf dem Rückzug. Es hat ein neues Zeitalter begonnen, das der Individualisierung und auch der Fußball hat das zu spüren bekommen. So sind die Zahlen der sportlich tätigen Vereinsmitglieder der Clubs in den letzten Jahren beständig rückläufig. In einer individualisierten Gesellschaft fällt die Identifizierung mit einem Kollektiv zunehmend schwerer und würde durch Mega-Events wie der Weltmeisterschaft, nicht noch zumindest das Nationalkollektiv reanimiert, wäre der Fußball schon Geschichte, im Sinne eines Volkssports.

Vielleicht ist die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 die letzte, die gegen die ökologischen und sozialen Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet werden wird und vielleicht gelingt es den Wahnsinn dieser Weltmeisterschaft, nicht noch einen noch größeren Wahnsinn, der Weltmeisterschaft in Katar, folgen lassen zu müssen. Es wäre zu Wünschen, im Sinne der Menschen, die gut auf fehlgeleitete Idole verzichten können, einer Gesellschaft die keiner, Profit maximierenden Eliten bedarf und im Sinne des Fußballs, der den meisten Menschen immer noch am meisten Freude bereitet, wenn er als das betrieben wird, was er im Grunde ist. Eine Freizeitbeschäftigung unter Gleichgesinnten.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

 

 

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2 Kommentare zu “Fußball-WM 2014 – Ein Ausblick”

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