Die Deutschen und der Kapitalismus


 

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Der Kapitalismus ist ein weltumspannendes System und ist die ökonomische Grundlage der meisten Staaten. Doch nicht alle Staaten spielen in ihm die gleiche Rolle, haben die gleiche Gewichtungen in ihm und tragen daher auch nicht die gleiche Verantwortung an ihm. Eine Verantwortung die auch Deutschland trägt und die sich aus den unübersehbaren Folgen seines wirtschaftlichen Handelns ergibt, nicht nur gegenüber der eigenen Gesellschaft, sondern gegenüber allen Völkern, die direkt oder indirekt, ökologisch oder ökonomisch mit diesem Land und seinem Wirtschafts- und Finanzverkehr in Interaktion stehen. Es stellt sich die Frage, welche Rolle Deutschland innerhalb der kapitalistischen Weltordnung eingenommen hat und welche Konsequenzen sich aus dieser Rolle ergeben, in Bezug auf die zukünftige Entwicklung seines eigenen Volkes aber auch generell, gegenüber der Weltgemeinschaft.

Deutschland gehört eindeutig zu den Gewinnern des Kapitalismus und ist zu einer der mächtigsten Wirtschaftsnationen aufgestiegen. Die Zugehörigkeit zum Club der G7, ist ein Superlativ innerhalb der Weltwirtschaftsgemeinschaft. Aber auch die Folgen dieses Status, sind Superlative. Dieses Land gehört zu den sieben Nationen, die am meisten zur allgemeinen Verarmung der Weltbevölkerung beitragen, die am konsequentesten die natürlichen Ressourcen ausbeuten und am rücksichtslosesten die Umwelt vergiften. Folgen als Preis der wirtschaftlichen Stärke dieses Landes und der unverhältnismäßige Bereicherung seiner Wirtschaftselite, aber auch eines unverhältnismäßigen Konsumverhaltens seiner Bürger, das jeden Einzelnen in die Verantwortung zwingt.

Die Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer, verschiebt die Konsequenzen des deutschen Reichtums, in ärmere Länder. Die so dem Fokus der deutschen Öffentlichkeit entzogenen Folgen, scheinen weniger schwerwiegend und ergeben mit vielen nationalen Bemühungen, einen ökologischeren Weg zu finden, das Zerrbild einer vermeintlich geringeren Verantwortung gegenüber dem Rest der Welt.

Es ist eine bigotte Wirtschaftsmoral, die Staaten der dritten Welt aufgrund ihren niedrigen Umwelt- und Arbeitsschutzstandards zu kritisieren, wohl wissend das der wirtschaftliche Erfolg dieses Landes genau von diesen niedrigen Standards abhängig ist. Deutschland ist auch deshalb führend in Umwelt- und Arbeitsschutzfragen, weil es diesbezüglich alle prekären Bereiche in andere Staaten ausgelagert hat und entzieht sich bewusst seiner Verantwortung.

Zu erkennen das Deutschland, aber auch andere Wirtschaftsnationen sich ihrer Verantwortung entziehen und diese auf ärmerer Länder abwälzen und somit von Verantwortung befreite, also verantwortungslose Gewinne erzielen, macht Kritik daran unumgänglich. Eine Kritik, die solange sie nicht oberflächlich auf die Folgen begrenzt ist, zwangsläufig eine Kritik an dem System sein muss, das solche Vorgehensweisen nicht nur ermöglicht, sondern geradezu fordert.

Seit der Gründung der Bundesrepublik bis ins Jahr 1990, galt Kritik am Kapitalismus in diesem Land, als etwas weltfremdes, als eine Obsession der belächelten Weltverbesserer oder wenn sie inhaltlich gut begründet war, als Sozial- und Wirtschaftsutopie der linken Schmuddelecke der Gesellschaft. Es war bis zur Verwirklichung der Deutschen Einheit nicht unüblich, das die Urheber und Verfechter antikapitalistischer Thesen, als fünfte Kolonne Moskaus unter geheimdienstlicher Beobachtung im eigenen Lande standen. Durch Gesetze, basierend auf der politischen Forderung, das Antikapitalismus und Kommunismus das gleiche seien, wurden gegen vermeintlich kommunistische Lehrer und Beamte Berufsverbote verhängt. In den siebziger Jahren waren das, eine mehrheitlich befürwortete Maßnahmen, die dem Schutz des politischen und gesellschaftlichen Systems dienen sollten.

Es war die Zeit des kalten Krieges, in dem die kommunistische Planwirtschaft mit ihren unterdrückten Völker und die vermeintlich freien Gesellschaften der kapitalistischen Demokratien, sich unversöhnlich gegenüber standen und es war die Zeit, die ein sozialromantisches Bild des Kapitalismus in Deutschland entstehen ließ. Ein Trugbild, von dieses Wirtschaftssystem noch heute profitiert.

Viele Mythen um den Kapitalismus entstanden zu dieser Zeit und die Deutschen entwickelten eine, in der Welt einzigartige Sicht auf den Kapitalismus. Für sie war der Kapitalismus nie nur ein Wirtschaftssystem, sondern immer verwoben mit der Demokratie, die 1945 gleichzeitig mit ihm kam. Es entstand, stärker als in anderen Ländern der Irrglaube, das Demokratie und Kapitalismus zusammengehörig sein und das sogar so untrennbar, das eine Demokratie ohne Kapitalismus nicht möglich wäre. Dieses Bild wurde von Politik und Wirtschaft aufwendig gepflegt.

Ein Trugschluss, der sich schon per Definition offenbart. Bis 1990 gab es in der BRD keinen Kapitalismus, es gab eine Mischform aus staatlich gelenktem Sozialismus und scheinbaren Anteilen eines freien Kapitalismus, die soziale Marktwirtschaft, oder wie der Vater dieser kapitalistischen Spielart. Ludwig Erhardt ihn nannte, den rheinischen Kapitalismus. Die Grundversorgung der Gesellschaft und die Bereiche Kommunikation, Infrastruktur, Bildung und das Gesundheitssystems waren in staatlicher Hand und damit dem Wettbewerbsdruck des freien Marktes entzogen. Diese Beschränkung der kapitalistischer Mechanismen war das Geheimnis der Bundesrepublik Deutschland, des allgemeinen Wohlstands und der sozialen Sicherung. In dieser Form der Marktwirtschaft, war der freie Markt auf die Bereiche beschränkt, die nicht die Grundsicherung der Menschen und der Gesellschaft gewährleisteten.

Das Jahr 1990 brachte die Wende. Nicht nur in Form der Deutschen Wiedervereinigung, sondern insbesondere durch den Zerfall der Sowjetunion und damit des planwirtschaftlichen Modells, als Gegengewicht zum Kapitalismus. Euphorisch wurde der Kapitalismus, als Garant der Freiheit, gefeiert und für einen kurzen Moment im Verlauf der Gesellschaftsgeschichte schien es so, als könne er der Menschheit eine bessere Zukunft bescheren.

Es begann die Blütezeit des Kapitalismus, der sich umgehend daran machte, die sich nun eröffnenden Märkte, der ehemals kommunistischen und sozialistischen Länder, zu  erobern. In Deutschland waren es die neuen Bundesländer, die durch den scheinbaren Segen der freien Marktwirtschaft, eine gigantische Besitzumverteilung erlebten, die heute, mehr als zwanzig Jahre später, als räuberische Plünderung gesehen werden kann. Allen voran war es die Bundesregierung selber, die sich skrupellos mit Hilfe der Treuhand über nahezu alle wirtschaftlichen Werte, der befreiten neuen Bundesländer hermachte. Einer der seinerzeit maßgeblich dafür verantwortliche Köpfe, ist der heutige Wirtschaftsminister Wolfgang Schäuble, der auch heute noch den Glauben und das Wissen um das Wirtschaftssystem prägt. Deutschland leistet sich Entscheidungsträger, die durch ihre anachronistischen Sichtweise, an den Folgen der Probleme herum zu doktern aber keine Befähigung haben die Ursachen kritisch zu hinterfragen.

Auch Gedankenanlehnungen an einen Kapitalismus, wie er in Staaten wie den USA und Großbritannien, seiner Lehre nach viel reiner, als Gesellschaftssystem praktiziert wurde waren irreführend. Bis 1990 hatte der Kapitalismus insbesondere auch die Aufgabe, als Gegenmodell zur kommunistischen Planwirtschaft, die gerechtere und freiere Gesellschaftsform zu repräsentieren. Ein politischer Auftrag, der eine gewisse Attraktivität des Wirtschaftssystems verlangte um die Völker, die noch nicht an ihm teilnahmen, zu einem politischen Seitenwechsel zu animieren. Grobe Exzesse, offensichtliche Ausbeutung und empfindliche Ungerechtigkeiten verboten sich so. Diese gesellschaftlichen Forderungen an den Kapitalismus entfielen, als er seinen Gegenspieler, den Kommunismus verlor. Von nun an konnte er sich ungezügelt entfalten. Es offenbarte sich schnell, die überwunden geglaubte, aber tatsächlich nur unterdrückte, weil das Wesen bestimmende Fratze des Manchester-Kapitalismus, sein eigentliches Gesicht. Ein entfesselter Kapitalismus fraß sich wie ein Steppenbrand um den Globus.

Im Grunde war diese Entfesselung die eigentliche Geburtsstunde das Kapitalismus, da alle vorherigen Mischversionen und Einschränkungen einen kapitalistisch geprägten Sozialismus begründeten, aber kein Kapitalismus waren. Ein Sozialismus der keiner sein durfte, weil der Begriff schon vom politischen Gegner benutzt wurde und nach 1990 ein Tabubegriff wurde, weil  ihm die Assoziation der niedergegangenen DDR anhaftete, ein Verliererimage.

Angesichts der Ohnmacht der Politik und der Gesellschaften gegenüber einem plötzlich real existierenden Kapitalismus, in dem sich sozialstaatliche Bedürfnisse und der kapitalistische Grundsatz der Gewinnmaximierung gegeneinander ausschließen, regte sich bereits in der Mitte der neunziger Jahre, auch in Deutschland der erste Widerstand. Noch begrenzt auf die Folgen selber, begannen die Proteste gegen die Globalisierung. Eine Protestbewegung die nicht aus der Mitte der Gesellschaft getragen wurde, da die angeprangerten Folgen der Globalisierung, zwar als nicht erstrebenswert, aber auch als weit weg und nicht persönlich betreffend gesehen wurden. Der Raubbau an natürlichen Ressourcen, die Vernichtung von Lebensraum, der letztlich auch unserer ist, durch Verseuchung von Luft, Wasser und Boden, fanden nicht im eigenen Vorgarten statt und waren zu abstrakt um eine kollektive Empörung herauf zu beschwören. Als wirkungsvoll im Sinne der Abkopplung der dramatischen Folgen, erwies sich auch die Argumentationslinie der Politik und Wirtschaft, die diese Folgen als nicht systembedingte, bedauerliche Entgleisungen und Einzelfälle menschlichen Versagens darstellten und damit, das diese Auswüchse bestimmende Regelwerk, den Kapitalismus, von der Verantwortung frei sprachen. Deutschland agierte als Insel der Glücksseeligen, getreu dem Glauben durch beständiges Wachstum werde man den Wohlstand erhalten und sich die Probleme der Welt vom Hals halten können.

Ein Glaube der mit dem Beginn der Kapitalismuskrise im Jahre 2008, schwer erschüttert wurde. Plötzlich wurde deutlich, das Deutschland nicht abgekoppelt von den Wirkungen des  Raubtierkapitalismus war und in der Gesellschaft machte sich die bittere Erkenntnis breit, dass der Dreck, den die freien Märkte zur Gewinnoptimierung produzierten, letztendlich auf den eigenen Tellern landete. Da diese Erkenntnis wohlstandsbedingt, zu lange verdrängt worden war, stellte sich die geschichtlich wohl bekannte Lethargie, gegenüber dem Unvermeidlichen ein. Das erreichte Wissen, dass es so nicht weitergehen kann wurde gelähmt von der Gewissheit, dass es so weiter gehen muss, um nicht zu verlieren, was so hart erarbeitet wurde. Diese Haltung ist für die Deutschen bestimmend geworden, auch und trotz, angesichts des bitteren Endes, welches dieser Weg verspricht. Dieses Volk hatte schon in seiner Geschichte immer wieder bewiesen, das es zu einer Umkehr, auch von einem offensichtlich falschen Weg, erst nach der Zerschlagung aller seiner Werte und damit der Erlangung der Gewissheit, das es nichts mehr zu retten gibt, zu bewegen ist.

Aktuell mehren sich die Stimmen aus Wirtschaft und Politik, die Reformen des Wirtschaftssystems anmahnen, auch in Deutschland und sie finden zunehmend Gehör. Ihre wachsende Popularität ergibt sich aus ihrer Forderung nach Reformen, die Verbesserungen versprechen, ohne Grundsätzliches in Frage zu stellen. Ein goldener Weg, für alle die nichts aufgeben möchten, sich aber der Erkenntnis nicht entziehen können, das sie ohne etwas zu tun, alles verlieren werden. Dieser Reformgeist, deckt sich mit den Interessen einer Regierung zum Machterhalt, einer Wirtschaft zur Wahrung der Gewinne und den Menschen selber, zu ihrer Besitzsicherung. Ein übergeordnetes gemeinschaftliches Interesse, aller die Gesellschaft bestimmenden Kräfte, als Grund des Unwillen, den Tatsachen ins Auge zu blicken.

Ein Selbstbetrug als gesellschaftlicher Konsens nach dem Prinzip, sich selbst und sein eigenes Pferd zu retten, indem man sich am eigenen Schopfe, mittels eines immer währenden Wachstums der Wirtschaft, aus dem Sumpf zieht. Was dem Freiherrn von Münchhausen nur in seiner Fantasie gelang, wird auch Deutschland nur in seiner Fantasie gelingen, da in beiden Fällen die grundsätzlichen Gesetzmäßigkeiten ignoriert werden. Im Falle des Freiherrn, die der Schwerkraft und im Falls Deutschlands, die des Kapitalismus. Dennoch bleibt die Verantwortung als eine Rechnung, die letztendlich immer beglichen werden muss.

Die Zerstörung der Umwelt, der Raubbau an den Ressourcen, die Verarmung von Menschen und Staaten sind unzweifelhaft direkte Folgen des Kapitalismus. Sie sind keine Fehler im Kapitalismus, sie sind der Beweis, das er reibungslos funktioniert. Die Bereicherung weniger durch die Verarmung vieler ist Ausbeutung, aber nicht als menschliches Versagen, sondern als Zeichen der stabilen Erreichung kapitalistischer Ziele. Das ist die Definition des Kapitalismus und Deutschland repräsentiert sie, als Elite-Mitglied der Weltwirtschaftsgemeinschaft im Club der G7.

Ebenso repräsentiert Deutschland den Niedergang des Kapitalismus, der durch die grundsätzliche Bestimmung der Wirkmechanismen, als der  Moment vorgegeben ist, an dem das ausgebeutete System die notwendigen Gewinnsteigerungen, durch Ressourcenausbeutung und Massenverarmung nicht mehr realisieren kann. Dieser Zeitpunkt, als Krönung der Repräsentanz der Erkenntnisresistenz, steht nun bevor. Die gebetsmühlenartig verbreitete Aussage, es gäbe ein immer währendes Wachstum der Wirtschaft, war schon immer eine bewusst eingesetzte Unwahrheit, die verschleiern sollte, das man auf ein Wirtschaftssystem setzt, das zu seinem überleben zwingend etwas braucht, was es schlicht nicht gibt. Ähnlich ist auch der Umgang mit der aktuellen Kapitalismuskrise, der  fortwährend attestiert wird, sie sei ein vorüber gehendes Phänomen. Tiefere Nachfragen werden dann mit dem Verweis auf systembedingte Zyklen abgetan, wohl wissend, das im Gegensatz zu denen dafür als Beweis geltenden Wirtschaftskrisen zuvor, diese nicht überwindbar ist, da es nicht Teil eines Krisenzyklus, sondern das natürliche Ende einer temporär begrenzt gedachten Ideologie. Die Krisenzyklen der Vergangenheit konnten überwunden werden, da die Wirtschaftskreisläufe über natürliche Ressourcen verfügten, dem Brennstoff zum Neustart. Ein solcher Wirtschaftsreset forderte regelmäßig zu seiner Umsetzung eine massive Steigerung des Ressourceneinsatzes und Verbrauchs, auch das ist den Gesetzen des Kapitalismus geschuldet. Wenn diese Ressourcen aber fehlen und das ist schon seit Jahren eines der Hauptprobleme der Wirtschaft, dann fehlt dieser Brennstoff. Der Zyklus entbehrt seiner Grundlage und ist beendet. Es ist das selbst prophezeite Ende des Kapitalismus. Es ist zynisch, wenn vor diesem Hintergrund, die Bundeskanzlerin eine marktkonforme Gesellschaft fordert, da sie damit unverhohlen eine zum Untergang bereite Gesellschaft fordert.

Deutschland wurde vor 70 Jahren schon einmal von seiner Führung, Untergangbereitschaft abverlangt und hat diese schmerzhaft gebüßt. Der Untergang auf den dieses Volk heute eingeschworen wird ist kein kriegerischer, sondern ein wirtschaftlicher, doch er folgt den gleichen Gesetzten des ewigen Expansionswillens und ist in seinen Folgen zwar leiser, aber wesentlich weitreichender, als der damalige.

Insbesondere die deutsche Regierung setzt wider besseren Wissens, auf eine völlig gegenteilige Annahme und versucht sich an Reformen. Sie weiß ein Volk hinter sich, dass sie für jede Unwahrheit belohnen wird, solange sie nur die Hoffnung verspricht, das schon alles wieder gut werden wird. Sie regiert mit dem Schreckgespenst der Wegnahme. Angst ist der Motivator deutscher Politik. Eine Angst die latent gehalten und offen mit kapitalistischen Forderungen ausgelöst wird.

Gesetze wie das SGB II, als Hartz IV bekannt, manifestieren offen die Forderungen einer kapitalistischen Marktwirtschaft und machen Angst. Nicht nur denen die direkt von ihnen betroffen sind und denen offen Grundrechte zur Erfüllung der marktwirtschaftlichen Forderungen aberkannt werden, sondern insbesondere denen, die sich noch innerhalb  der wirtschaftlichen Zwänge abmühen. Sie unterwerfen sich beinahe jedem wirtschaftlichen Diktat, aus Angst vor den Entrechtungen, eines drohenden Hartz IV Bezuges.

Das Deutsche Volk wird den Reformern folgen, so wie es Angst und Unwissenheit, seinen Führern noch in jeden Untergang gefolgt ist. Diese Reformen werden den Kapitalismus noch ein wenig länger erhalten und sind ein Drama für alle, die an seinen Folgen länger leiden oder vielleicht sterben werden. Schlussendlich auch ein Drama für die ganze Welt.

Nach einschlägigen Studien sterben jedes Jahr ca. 50 Millionen Menschen auf diesem Planeten, direkt oder indirekt an den Folgen des Kapitalismus, durch schleichende Vergiftungen ihrer Nahrung, des Wassers was sie trinken, der Luft die sie atmen, durch aus wirtschaftlichen Interessen geführte Kriege oder einfach an den Folgen ihrer ungesunden Arbeit. Das sind in einem Jahr mehr Opfer, als in den sechs Jahren des gesamten 2.ten Weltkrieges. Dazu kommen unzählige Tiere und Pflanzen, durch die Vernichtung ganzer Lebensräume und Ausrottung ganzer Tierarten.

Darf Deutschland als einer der größten Profiteure und eines der wohlhabendsten Länder dieser Welt, diesen Verbrechen tatenlos zuschauen und es sogar noch maßgeblich unterstützen? Rechtfertigt die Konsumgeilheit dieses Volkes, straflos jedes Opfer? Oder ergibt sich für dieses Land, daraus eine besondere Verantwortung?

Ist der Kapitalismus wirklich das gerechteste und beste Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, welches wir je hatten, oder ist nicht doch die Frage legitim, ob wir nicht auch etwas ganz anderes könnten?

Grundsätzlich wird gerne argumentiert, das es ja keine Alternative zum Kapitalismus gäbe. Das ist unrichtig, es wurden schon Alternativen gelebt und veröffentlicht, auch in Deutschland. Es fehlt nicht an Alternativen, sondern an der Bereitschaft etwas denken zu wollen, was das Besitzdenken gefährdet. Aber selbst wenn es an dem so wäre und es keine Alternativen gäbe, wäre es dann auch ein vernünftiges Argument am Kapitalismus festzuhalten? Ist die kapitalistischen Ideologie zwingend, auch wenn sie fordert das Land, das Wasser, die Luft und letztendlich sich selbst, für ihren Fortbestand zu opfern, oder wäre es nicht sinnvoller von etwas zu lassen, was mehr Schaden als Nutzen bringt?

Entweder der Kapitalismus oder die Zukunft. Das ist die entscheidende Frage der nächsten Zukunft, auch und gerade für Deutschland und das beides zugleich nicht geht, beweist der tatsächliche Zustand der Erde. Dieses Land hat eine führende Rolle im Kapitalismus eingenommen und damit auch die Verantwortung eine führende Rolle bei seiner Überwindung zu spielen.

Nur in wenigen Ländern hat sich wie in Deutschland, eine antikapitalistische gesellschaftliche Strömung entwickelt, die nicht von politischen Ressentiments getragen wird, sondern auf der ernsthaften Sorge um die Umwelt und die Menschen basiert. Sie ist noch nicht groß genug, um eine tatsächliche Umkehr herbeiführen zu können, aber sie ist als Keim der Umkehr, eine Chance. Deutschland hat sich in der Vergangenheit aus den niedersten Gründen berufen gefühlt gegen den Mainstream der Weltgemeinschaft anzuschwimmen. Dieses Potential gilt es zu wecken und im positiven Sinne zu nutzen. Für die Menschen, die Umwelt und die Zukunft.

Noch einmal sollte dieses Land zum Paria der Weltgemeinschaft machen, diesmal jedoch nicht für eine Ideologie, sondern gegen eine, den Kapitalismus. Wir sind es der Welt schuldig.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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2 Antworten auf “Die Deutschen und der Kapitalismus”

  1. Ich bin immer wieder mal begeistert von der analytischen Präzision Deiner Ausführungen.

    Durch die Verwebung eigentlich bereits bekannter Tatsachen zu einem neuen Beziehungsgeflecht inspirierst Du mich stets auf Neue.

    Sicherlich ist die Erkenntnis, dass das bestehende System als zu überwinden gilt, nicht neu. Wie man an Deiner Hand geführt aber erneut zu diesem Schluss kommt ist ein Erlebnis.

    Um meinen Überschwang nicht uferlos werden zu lassen nachfolgend noch ein paar ergänzende Bemerkungen meinerseits.

    Es macht sicherlich Sinn, die Leser als Profiteure des Wirtschaftsstandorts Deutschland in die Pflicht zu nehmen. Die erstaunliche Vasallentreue zu Mutti Merkel erklärt sich zwar teilweise durch die Zugehörigkeit einer Wirtschaftsmacht und dem Dauerbeschuss mediale Propaganda – nachvollziehen kann ich sie aber nicht. Denn das Gros der Gesellschaft profitiert eben nicht von der wirtschaftlichen Stärke, die auch innerhalb der eigenen Landesgrenzen durch die Umverteilung von Arm zu Reich unterfeuert wird. Die, die durch ihr Wahlverhalten kapitalistische Deutungshoheiten zementieren, partizipieren meist selbst nicht am Wirtschaftswachstum, sondern speisen dieses durch schwindende Kaufkraft.
    ‚Deutschland geht es gut‘ mag statistisch stimmen, wenn man das deutsche Vermögen durch die Anzahl ihrer Bürger teilt. Das sich dieses Vermögen aber größtenteils (mit bekannter Tendenz) auf immer weniger Nutznießer verteilt und der Rest immer mehr zu Zuarbeitern für diesen überbordenden Reichtum Weniger verkommt, übersehen die meisten.
    Eine gerechte(re) Reichtumsverteilung ist eben nicht Gutmenschentum, sondern befriedigt stattdessen pragmatische und utilitaristische Bedürfnisse!
    Der Kapitalismus wird begründet mit dem Egoismus der Menschen (als innewohnende Kraft). Selbst wenn dem so wäre (woran ich nicht glaube[n will]) so wäre es nur logisch für eine gerechte Reichtumsverteilung einzutreten. Eben nicht nur national, sondern global!

    So komme ich zu meinem eigentlichen Anliegen:
    Wir sollten nicht als Deutsche oder Europäer agieren, sondern als Weltbürger. Eine Verbesserung der Weltordnung kann meiner Meinung nach nicht aus dem Beziehungsgeflecht geographisch begrenzter Wirtschaftsräume heraus angestrebt werden, sondern nur aus dem Verständnis, Teil einer globalen Bevölkerung zu sein, die sich den Lebensraum Erde teilen. Das hätte dann konsequenterweise humanistisch, ökologisch und ökonomisch zwingendere und zielführendere Konsequenzen als die deutsche, europäische oder westliche Perspektive.

    Wenn uns die bemannte Raumfahrt überhaupt etwas gebracht hat, dann ist es die Perspektive, die Erde als Gesamtheit betrachten zu können. Im All schwebend, sieht man die Erde als Gesamtheit, als Lebenskugel, die uns Heimat bietet, deren Gast und Nutznießer wir sind, und nicht deren Herrscher und Bezwinger. Es ist die Demut, die uns fehlt. Die Erkenntnis, dass das Schicksal der Menschheit untrennbar mit dem Öko-System Erde verwoben ist.

    Der Kapitalismus kennt diese Demut nicht. Eben die räumliche Begrenztheit des Öko-Systems Erde führt den systemimmanenten Glauben an stetigem Wirtschaftswachstum ad absurdum. Entweder wir nehmen (besser heute als morgen) Vernunft und unsere Rolle als Abhängige dieses Öko-System an, oder die Menschheit als Spezies wird scheitern (ähnlich einem Krebsgeschwür, welches seinen Wirt zerstört).

    Diese Erkenntnis könnte der Hebel sein, den Kapitalismus als Weltordnung zu überwinden.

    In Zeiten aber, wo es wichtiger scheint, möglichst die neuste Generation eines Smart-Phones zu besitzen hält sich mein Optimismus aber in Grenzen.

    Ich halte es da eher mit Bukowski:

    „Einen Grabstein für den ganzen Schlamassel, und darauf gehört die Inschrift:

    ‚Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu‘.“

    Liebe Grüße
    Duderich

    P.S.: Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin kein Anhänger der Grünen

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