Wahrheit


wahrheit

Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Jeder glaubt sie zu kennen und fast jeder ist sich sicher, dass andere Meinungen als die eigene, auf der Unkenntnis um die Wahrheit zurück zu führen sein müssen.

Aber wie kann es sein, das wir persönlich auf wundersame Weise dazu befähigt sind, die Wahrheit zu erkennen, während all die anderen dazu verdammt zu sein scheinen, die Wahrheit nicht erkennen zu können.

Wahrheiten werden zu Problemen, wenn sie auf menschliches Bewusstsein treffen.

Das erste Wahrheitsproblem liegt schon im Gebrauch des Begriffs versteckt. Jeder kennt das Gleichnis des Glases Wasser, welches entweder halb voll oder halb leer ist. Die Wahrheit umfasst alles, sie ist absolut. Auf das Glas Wasser bezogen, käme der Wahrheit näher, annähernd 50% der Gesamtfüllmenge des Glases sind sind mit Wasser und anderen flüssigen Stoffen befüllt und annähernd 50% des Glases mit Sauerstoff, Stickstoff und anderen Gasen. Eine weitere unbekannte Menge ist mit weiteren unbekannten Stoffen befüllt. Der Wahrheit in einer Aussage näher kommen zu wollen erweist sich im allgemeinen Sprachgebrauch als umständlich. So werden der Einfachheit halber, Teilauszüge der Wahrheit als umfassend wahrheitlich, weil der Wahrheit entnommen, dargestellt. Zum Beispiel die Aussage, das Glas Wasser sei halb voll. Das ist eine Realität, ein Teilauszug der Wahrheit. Da aber eine Wahrheit alles sie bestimmende, beinhaltende und umfassende ausmacht, ist ein Teilauszug, der wesentliche Bestandteile ausblendet, keine Wahrheit. Deutlicher wird das im Fall des Glases Wasser wenn andere Teilauszüge gewählt werden. Die Wahrheit umfasst das Gefäß, das Glas und den Inhalt. Die Benennung, nur eines Teilauszuges der Wahrheit kann stark verfälschend wirken, z.B. durch die realistische Aussage, das ist ein Glas. Diese Teilaussage würde im allgemeinen Sprachgebrauch als Wahrheit gesehen werden, ignoriert aber den Inhalt des Glases und ist in Bezug auf das Gesamte, das Glas Wasser, nicht die Wahrheit.

Das zweite Wahrheitsproblem ist der Anspruch, der mit der Wahrheit verbunden ist. Sie ist statisch, nicht veränderbar und kann nicht widerlegt werden. Das ist zwar richtig, aber macht jede Wahrheit für den menschlichen Gebrauch unbrauchbar, da es nicht möglich ist, alle Zu- und Umstände zu einer Sache zu erkennen. Deutlich wird das an einer wissenschaftlichen Erkenntnis. Es ist bekannt das bis zu 70% des Universums nicht mess-, benenn-, oder sichtbar sind. Die dunkle Materie und Energie. Wenn wir die Naturgesetze auch nur annähernd richtig deuten, gelten alle Gesetzmäßigkeiten des Universums, auch für den Teilbereich, den wir Erde nennen. 70% all dessen was uns umgibt, ist damit nicht mess-, benenn- und sichtbar, also auch der größte Teil des Glases Wasser. Wer könnte von einer Wahrheit sprechen, wenn wesentliche Teile der Wahrheit unbekannt sind. Das menschliche Bewusstsein ignoriert das Unbekannte und füllt die Lücken mit bekannten Anteilen. Jede Wahrheit birgt die Gefahr, in dem nicht benannten, unbekannten Anteil eine gegensätzliche Aussage zu treffen, als der offensichtlich wahrnehmbare Anteil vermuten lässt.

Das dritte Wahrheitsproblem ist der menschliche Allwissenheitsanspruch. Seit der Epoche der Aufklärung haben die Wissensschaften den Glauben genährt, das sie alles erklären können und die Bereiche die nicht erklärbar sind, sich nicht generell unserem Wissen entziehen sondern wir auch diese Rätsel irgendwann entschlüsseln werden. Ein Anspruch der sich tief in das menschliche Selbstverständnis eingebrannt hat. Doch Anspruch und Realität klaffen weit auseinander. Seit Darwin sollten wir wissen dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern das Ergebnis seines Lebensraums, an den er sich bestmöglich angepasst hat. Diese Anpassung bestand nicht nur aus einem Hinzugewinn immer weitergehender Fähigkeiten, sondern auch aus dem Verlust nicht notwendiger und dem Weglassen unnötigter Fähigkeiten. Wir verfügen über eine gute Ausstattung, um als Jäger und Sammler in der Biosphäre der Erde zu bestehen, aber über keine besonderen Fähigkeiten als Wahrheitsfinder. Ein solcher bräuchte nicht zwingend unser Gehirn, aber eine wesentlich ausgereiftere und breiter gefächerte Sensorik, da um etwas zu erklären, dieses erst einmal erfasst werden müsste. Menschen erfassen nur einen sehr kleinen Teil des Lichts, des Schalls, der elektromagnetischen Ströme, der Wärmestrahlung oder der kinetischen Energie und haben keinerlei Sensorik für den Makro- und Mikro-Kosmos. Technische Hilfsmittel die mehr Informationen liefern, kaschieren unsere Unzulänglichkeiten und blenden dabei aus, das auch diese aus unserem, mangels Sensorik, fehlerhaften Bewusstsein konstruiert wurden und damit nur eine Erweiterung des bekannten, auf menschliche Sensorik beschränkten Sichtfeldes sein können. Selbst absolute wissenschaftliche Kenntnis, sofern der Mensch sie erlangen könnte, würde zu dem Schluss führen, einen Teil nicht, oder noch nicht erkennen oder erklären zu können. Das Nichtwissen aller Zu- und Umstände zu einer Sache, bedeutet Teile der Wahrheit und damit die Wahrheit die es nur als ganzes gibt, nicht zu kennen.

Es ist ein Irrtum und auch nicht notwendig, auch nur eine Wahrheit kennen zu können. Es ist ausreichend, die bewusst gewordenen Realitäten anzunehmen. Sie sind bestimmend für das Zurechtfinden in dieser Welt. Aber auch diese uns bewusst werdenden Teilauszüge der Wahrheit, haben keinerlei Allgemeingültigkeitsanspruch und sind nicht fehlerfrei, da auch sie mittels unserer persönlichen Sensorik erfasst wurden. Sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen sind das Ergebnis einer individuellen Befähigung und Ausbildung der sensorischen Organe, die zu ganz individuellen Realitäten führen, die jede für sich den gleichen Anspruch auf ausreichende Gültigkeit hat. Individualität bedeutet nicht Alleinigkeit, kann sie aber beinhalten. So individuell Realitäten auch sind, häufen sich Ähnlichkeiten der Wahrnehmung, durch vergleichbare kulturelle und kognitive Konditionierungen.

Realitäten erklären die Welt ausreichend. Menschen handeln vernünftig, wenn sie gelernt haben, die Schnittmengen zwischen ihren und den Realitäten der anderen zu erkennen. Sie sind die Basis jedes Miteinanders. Der Versuch eine Wahrheit zu besitzen, oder die Allgemeingültigkeit der eigenen Realität zu fordern, zwingt andere ihre Realität aufzugeben oder zu verteidigen. Ein sinnloser Kampf, da er die individuellen Wahrnehmung nicht bestimmen kann und als Ergebnis immer die Unterdrückung persönlicher Realitäten fordert. Es ist die Annahme eine persönliche Realität könne wertvoller sein, als eine andere und als solche ist sie diktatorisch.

Stabile soziale Gefüge, ob in großem oder kleinem Maße basieren nicht auf gleichen Realitäten und schon gar nicht auf Wahrheiten, sondern auf dem Zugeständnis der Individualität. Die Zusammengehörigkeit wird nicht durch die Aufgabe individueller Realitäten bestimmt, sondern aus der Größe der Schnittmengen. Sozial stabile Gefüge basieren auf der freien Willensentscheidungen, sie sind nicht zwingend, aber im Einzelfall konsequent.

Der Einsatz vermeintlicher Wahrheiten ist manchmal ein unbewusst eingesetztes Narkotikum, das den Schmerz der Unwissenheit betäuben soll, aber zumeist eine erkenntnisdiktatorische Nötigung. Der Irrglaube an ihren Besitz, war immer der Anlass für die größten Blutspuren durch die Geschichte der Menschheit und der Grund der meisten persönlichen Katastrophen.

Ich verbleibe in diesem Sinne
Heinz Sauren

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