Zerfall einer Weltordnung

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Gesellschaften werden im Wesentlichen von drei Säulen getragen. Einem kollektivem soziokulturellen Gerechtigkeitsempfinden, einem verbindendem Wirtschaftssystem und einer, die politische Umsetzung bestimmenden Staatsdoktrin. Jede dieser Säulen ist wichtig und ein harmonisches Staats- und Gesellschaftsgefüge stellt sich ein, wenn jeder dieser Säulen ein gleicher Stellenwert eingeräumt wird.
Gesellschaftliche Spannungen entstehen, wenn eine der Säulen stärker gewichtet wird. Geschieht eine solche Priorisierung durch eine gesellschaftliche Minderheit, z.B. eine Elite, führt das zu Spannungen innerhalb einer Gesellschaft. Findet eine solche Priorisierung eine gesellschaftliche Mehrheit, führt das zu externen Spannungen mit anderen Gesellschaften.

Innerhalb der westlichen Demokratien hat eine solche Priorisierung stattgefunden. Mit mehrheitlicher Zustimmung haben die westlichen Gesellschaften das Wirtschaftssystem soweit priorisiert, das die Demokratie zu einer politischen Verwaltungsform des Kapitalismus degradiert und die Befindlichkeiten der Völker mit Konsumveränderungen geleitet werden. Solche Konsumgesellschaften waren Jahrzehnte ein weltweites Leitbild.

Der Kapitalismus schien für alle Gesellschaften erstrebenswert und der Konsum das vereinende Mittel aller kultureller, soziologischer und selbst urmenschlichster Differenzen. Die Gier des einzelnen ist der Antrieb der hedonistischen Gesellschaften, die sich in der westlichen Hemisphäre vereinfachend „Demokratie“ nennen.

Der Revolutionen des „arabischen Frühlings“ offenbarten erstmalig die Grenzen, an die westliche Demokratien bereits gestoßen waren. Die Menschen, die auf den Plätzen und Straßen nach Demokratie riefen, verlangten nicht nach einer Gleichberechtigung aller, in einem rechtsstaatlichen Gefüge, sondern nach dem, was ihnen als Demokratie vorgelegt wurde. Sie wollten die Freiheit des Wohlstands, durch den ihnen alle weiteren Freiheiten zu folgen schienen. Als sie das nicht erhielten, scheiterten sie. Nicht im Sinne einer Definition der Revolution, wohl aber im Sinne der politischen Zielsetzung des Westens.

Es offenbarte sich das Grundproblem des Kapitalismus, der aufgrund der Unmöglichkeit ewigen Wachstums durch die Begrenztheit der Ressourcen, nicht mehr unbegrenzt Wohlstand liefern kann. Es ist ein kapitalistischer Grundsatz – Wer den Kern seiner Marke nicht liefern kann, verliert die Attraktivität seines Produktes-. Es ist der Verlust der Attraktivität der westlichen Demokratien, die ihre Kernaussage des immerwährend wachsenden Wohlstandes nicht halten können, die heute im Umbruch befindliche Staaten nach anderen heilbringenden Ideologien Ausschau halten lassen und es ist der offensichtliche Umstand, das die westlichen Demokratien ihren Wohlstand nicht einmal mehr halten können, das jene Gesellschaften die schon für das Modell der Konsumgesellschaften gewonnen schienen, sich wieder abwenden.

Die internationale Politik ist in Aufruhr. Die globalen machtpolitischen Strukturen sind aufgrund des Konflikts in der Ukraine und kriegerischen Aufbegehrens der arabischen Welt, aus den Fugen geraten. Erstmals seit der kapitalistischen Eroberung der Welt, durch den Zusammenbruch des Kommunismus zu Beginn der 1990er Jahre, etablieren sich wieder neue, zum Teil grundsätzlich differente Ideologien und fordern eine Existenzrecht unabhängig und ausserhalb der demokratisch kapitalistischen Weltordnung. Darin besteht die Ungeheuerlichkeit aus Sicht der etablierte Machtstrukturen und daraus entsteht auch der erstaunlich schnelle und umfassende Konsens, diesen Bestrebungen mit allen Mitteln entgegen zu treten.

Medial wird mit der Brutalität der ukrainischen Separatisten und den Gotteskriegern der ISIS eine weltweite Gegenstimmung geschürt. Die Vorwürfe sind berechtigt aber auch einseitig verfälschend. Einzelne Menschen medial wirksam zu köpfen ist ebenso verwerflich und inhuman wie das zerfetzen von Familien mittels Drohnen. Jeder Krieg ist die Zentrierung der grausamsten und abscheulichsten Taten und jeder Versuch einen Krieg als berechtigt oder human darzustellen, ist zynistische Propaganda.

Befindet sich die Weltordnung in Auflösung? Ja natürlich! Jede Weltordnung war zu jeder Zeit von ihrer Zerschlagung bedroht. Die aktuelle besteht noch nicht einmal 25 Jahre, die vorherige schaffte 45 Jahre und die davor gerade einmal 12 Jahre. Weltordnungen haben zwar allesamt den Anspruch ewiger Gültigkeit, doch sind meist nur Konstrukte die in Dekaden gemessen werden. Gesellschaftliche Entwicklungen äußern sich gerade erst durch die Auflösung unzeitgemäßer Ordnungen und die Schaffung neuer. Die Geschichte zeigt, das die Gefahr nicht in einer neuer Ordnung, einer neuen Ideologie liegt, sondern in der Zerstörung und den Opfern die jede etablierte, sich in Auflösung befindende Gesellschaftsordnung fordert, bevor sie zerbricht. Die meisten Kriege erweisen sich in rückbezüglicher Betrachtung als verzweifelte Abwehrreaktionen, gegen die unvermeidliche Zerschlagung vormals etablierter Ideologien.

Die aktuelle Weltordnung einer globalisierten Gesellschaft, entstand unter einem ökonomischen Diktat  grenzenloser Märkte, der Globalisierung. Doch die Mechanismen grenzenloser Märkte basieren auf einem Warenverkehr, in dem die Waren keine Rechte und kein Rechtsempfinden haben, da sie Sachen sind. Diese Mechanismen lassen sich nicht auf Gesellschaften übertragen, deren Mitglieder mit eigenen Rechten und Rechtsempfinden ausgestattet sind, ohne diese zu entrechten. Das Modell einer globalisierten Welt war eine gefährliche Utopie, die sich nun in Auflösung befindet. Es wird keine weltumspannende Ideologie, keine universelles Wertesystem geben. Die weltweiten Tendenzen sind offensichtlich. Südamerika entwickelt zunehmend human-sozialistische Volksdemokratien, Nordamerika und Europa die kapitalistische Globalisierung, Russland und Asien autokratische Nationalökonomien und die arabische Halbinsel, Religionsstaatsmodelle.

Die Kriege, die heute die Welt in Atem halten sind weder in der Qualität, als auch in der Quantität, etwas anderes als die Kriege, die es auch zu jedem Zeitpunkt zuvor gegeben hat. Auch das Argument, das sie nun so nah an Europa heran gerückt sein, ist unzutreffend. Die Balkan-Kriege um das Ex-Jugoslawien war räumlich näher. Es ist der Anspruch der Kriegspartei, der nicht mehr auf die Erzwingung eines Platzes innerhalb des bestehenden Machtgefüges gerichtet ist, sondern einen Platz außerhalb davon fordert, der so gefährlich für Staatengemeinschaft der kapitalistisch demokratischen Ideologie ist.

Die Welt wird sich weiterhin damit abfinden müssen, dass es wie zuvor unterschiedliche politische, weltanschauliche und wirtschaftliche Ideologien beherbergen wird. Alle Versuche eine globale Ordnung durchzusetzen sind gescheitert und können bereits jetzt und insbesondere in der Zukunft nur mit Waffengewalt erzwungen werden. Eine friedliche Welt ist eine Welt der Differenzierung, nicht der Globalisierung. Die Differenzierung wird die Basis der neuen Weltordnung sein.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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„Putin Versteher“

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Russland, vertreten durch seinen Präsidenten Wladimir Putin, ist zum Feindbild des europäisch-anglikanischen Machtbündnis, der NATO geworden.

Der kalte Krieg, der seit über zwei Jahrzehnten überwunden schien, wurde innerhalb nur weniger Wochen, nicht nur wieder entfacht, sondern mit all seinen absurden Begrifflichkeiten und diffusen Ängsten, fest im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. 25 Jahre bilaterale Annäherung scheinen vergebens gewesen zu sein.

Wie zu Zeiten des eisernen Vorhangs, ist sie plötzlich wieder da, die Angst vor der fünften Kolonne Moskaus, jene subversiven Gestalten, die schon immer im Verdacht standen, die demokratische Freiheit an den russischen Bären ausliefern zu wollen. Mit ihr wurden die gleichen stereotypen Abwehrreflexe freigelegt, die sich schon damals ganz wunderbar, medial bedienen ließen. Man weiß offensichtlich noch, wie es geht.

Neu etikettiert sind nun es nicht mehr gut organisierte kommunistische Parteikader, die den vermuteten, schändlichen Verrat an den Werten der Freiheit betreiben, sondern Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft, die nur eines zu verbinden scheint. Das Medium mit dem sie sich Ausdruck verleihen. Das Internet, welches in etablierten politischen Kreisen, generell schon als konspirativ angesehen wird. Ein schwer zu kontrollierendes Medium, das sich oftmals dem politischen Mainstream entzieht und schon allein dadurch, verdächtig ist.

Diese vermeintlich alte, neu wieder auferstandene Klasse der Demokratiefeinde, wird medial als, die „Putin Versteher“ klassifiziert. Gerade die Medien, deren Berufung es ist, sich der Sprache zu bedienen, als auch die Politik als Meisterklasse der Rhetorik, sollten zumindest ein rudimentäres Verständnis zur Semantik haben. Die Begrifflichkeit des Verstehens beschreibt das kognitive Erfassen von Begründungen, Erklärungen und Argumentationsketten. Verstehen bedeutet nicht zuzustimmen, zu unterstützen oder zu verteidigen. Dem Versuch, wider besseren Wissens, dem Begriff des Verstehens eine in dieser Frage negative, weil zustimmende Bedeutung zu geben, muss Vorsatz unterstellt werden. Es ist die bewusste und undifferenzierte Diskreditierung vieler Menschen, die sich dem politisch gewollten Feindbild nicht anschließen können oder wollen.

Offensichtlich glauben die europäischen, sowie die amerikanische Regierung, dieses Feindbild zu brauchen, um ihre Politik durchsetzen zu können. Es stellt sich die Frage, welche Ziele eine Politik des nicht verstehen wollen verfolgt und aus welchem Grund der konträre Standpunkt Russlands und seines Präsidenten, so unbedingt nicht verstanden werden soll. Kann es überhaupt eine sinnvolle Politik, ohne Verständnis geben?

Ich verstehe das die NATO und Russland ihre Machtbereiche sichern und erweitern wollen. Ich verstehe auch das Russland, sich vor dem Hintergrund der permanenten Expansion der NATO in den letzten Jahrzehnten, zunehmend in seinen Sicherheitsinteressen bedroht sieht und ich verstehe, das nur gegenseitiges Verständnis der Eskalationsspirale entgegen wirken kann.

Ich bin ein „Putin Versteher“ und hoffe das die Anzahl derer, die das auch von sich sagen können, beständig zunimmt. Verständnis ist das einzige Mittel der Politik, welches dauerhaft Frieden sichern kann.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Die Kunst der Wissenschaft

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Die Wissenden glauben sich als Führer der Gesellschaft und ihre Führung wurde ihnen zur Kunst. Eine Kunst die Wissen schafft und so nennen sie diese Wissenschaft.

Sie diagnostizieren, verifizieren und dozieren in solcher Flachheit, das ihnen schon die geringste Erkenntnis, als Beweis ihrer Wissensgabe gilt und letztlich ihrer Allwissenheit zu beweisen scheint. Dieses genügt ihrem Anspruch nach Wahrheit und so glauben sie sich im Besitz dieser.

Von den Wissenden gibt es dreierlei Arten. Die einen die Hoffen zu Wissen, die anderen die Glauben zu Wissen und jene die Wissen zu Wissen.

Jene die Hoffen zu Wissen, sind die Ängstlichen. Im Grunde ihrer selbst erahnen sie ihr Unwissen, doch ihr Antrieb ist die Hoffnung, die sie vor der Dunkelheit ihres Unwissens bewahren soll. Ihr Wissen hat einen schönen Klang und ist von großer Leere, das ist alles was ihr Wissen ist. Sie hoffen, Wahrheiten entfliehen zu können.

Jene die Glauben zu Wissen, sind die Einfältigen. Sie sind von dem was sie zu Wissen glauben so sehr überzeugt, das ihnen jeder Zweifel fremd ist. Jede Kritik an ihrem Wissen, ist ihnen Kritik an ihnen selbst. Ihr Wissen lebt nicht von Erkenntnissen, sondern von der Darstellung ihrer selbst. Ihr Wissen ist das Wissen der großen Reden und Predigten. Sie glauben, Wahrheiten benennen zu können.

Jene die Wissen zu Wissen, sind die Vermessenen. Sie sind die Hohepriester des Beweises und der Beweis ist ihnen das höchste Wissen. Ihr Wissen ist die Begründung, die immer ausladender ist als ihre Erkenntnis. Sie stellen ihr Wissen noch vor die Wahrheit.

Keine Erkenntnis ist ihnen heilig genug, als das sie dieser, nicht die Krone der absoluten Wahrheit über stülpen wollen. Das schaffen von Wissen ist ihnen wichtiger als die Erkenntnis und so schufen sie zu jedem Erkenntnisfeld eine Wissenschaft, da ihnen jede Erkenntnis nur dann genügt, wenn sie eine wissenschaftliche ist.

Lange werden sie brauchen, bis sie verstehen, dass ihre empirische Wissenschaft kein Wissen  schafft, sondern ihr Wissen auf empirische Erkenntnisse begrenzt. Soviel Hochmut steckt in ihrer Wissenschaft, dass sie glauben, ihre von simplen natürlichen Abläufen abgeschaute Welt, sei das Ergebnis ihrer Erfindungsgabe.

Doch kein Element, kein Leben wurde je von Ihnen geschaffen. Sie wähnen ihr Leben in Abläufen, die sie zu kontrollieren glauben. Wie wollen sie kontrollieren, was sie nicht einmal verstehen?  Sie glauben an einen immer währenden Fortschritt. Sie sehen nicht das Fortschritte in geschlossenen Systemen endlich sind. Sie erkennen nicht, dass Demut ihnen ein Verstehen gewähren würde, während ihr Hochmut sie des Verstehens beraubt.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

 

Angst vor Armut

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Als Teil der Gesellschaft ist Armut das Stigmata, an dem sie die Wertlosigkeit des Einzelnen für ihre Gemeinschaft erkennt. Die Angst jedes Einzelnen vor Ausgrenzung durch Armut ist so groß, dass jeder sich jedem Joch unterwirft, das ihn vor dieser Ausgrenzung zu bewahren verspricht.

Doch nicht die Armut des Ich, nur die Armut am Mehrwert ist es, was sie fürchten. Nicht wer da arm im Geiste, oder am Gemüt, scheint ihnen in Armut gefangen, nur der Mangel am Geld gilt ihnen als arm.

Ihr ganzes Leben mühen und plagen sie sich, nicht dieser Armut anheim zu fallen und doch ist all ihr streben vergebens, ein jeder von ihnen geht so arm wie er gekommen war. Sie raffen und horten, gieren und neiden, als könne auch nur einer von ihnen mehr als satt essen, oder in mehr als einem Bett schlafen.

Je größer eines jeden Angst, vor diesem Schmerz der Armut, desto einfältiger sind seine Begründungen, dieser Armut zu entrinnen. Sie sind dem Wahn verfallen das Lebensqualität sich in Besitz bemisst und sehen nicht den eigenen Verlust an Leben, den ihr Besitz mit sich bringt.

Gehetzt und geschunden an Geist und Gemüt, zermürbt auf der nie enden wollenden Flucht, vor dem permanent lauernden Abgrund der Mittellosigkeit, ist ihr Leben ein beständiges Leiden, zum Nutzen der Gesellschaft. Sie erkennen nicht, dass viele arm sein müssen, um den Reichtum weniger zu schaffen. Sie verstehen nicht, dass erst die Mittellosigkeit vieler die Maßlosigkeit weniger ermöglicht.

Die Armut des Einzelnen, ist der Reichtum der Gesellschaft.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Sinn der Arbeit

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Als Teil der Gesellschaft ist der Einzelne nicht mehr als ein Werkzeug ihrer Ziele und ihr Ziel ist das immer mehr. Das Mehr ist ihr Sinn und der Mehrwert sein Ausdruck. So ist das Mehr und sein Mehrwert der Gesellschaft zum Sinn geworden. Arbeit ist ihre Grundlage zur Erreichung der Ziele, der kein Einzelner bedarf doch ihre Gesellschaft braucht. Das Produkt dieser Narretei, der Mehrwert schafft erst den Wert des Einzelnen in ihrer Gesellschaft. Es ist die Knechtschaft des Einzelnen zum Nutzen der Vielen.

Die Gesellschaft erfindet ihre Werte aus dem nichts und nennen dieses Nichts Geld. Doch ihr Geld ist die Schuld dessen, der sich in die Knechtschaft seiner Produktivität begibt. Sie sehen nicht wie sinnlos ein Leben ist, wenn es seinen Sinn aus seiner Produktivität für eine Gesellschaft erfahren muss.

Wie wenig muss ihnen ein Sinn sein, wenn sie keinen eigenen finden? Wie wenig ist ihnen ihr Leben, wenn sie die Erfüllung in definierten Arbeitsabläufen finden? Wie wenig Geist ist ihnen geblieben, dass sie ohne Arbeit sich selbst zu viel werden? Wie wenig sind sie ihrer Gesellschaft, wenn ihr Nutzen sie bemisst? Der Weise hält sich von Arbeit fern, da er sein Sein nicht den Zielen der Vielen opfern will.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren