Vox populi vox dei

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Talk Shows stehen für gewöhnlich nicht in Verdacht Neues über ihre Teilnehmer zu offenbaren. Die Teilnahme an ihnen dient Politikern zur Verbreitung ihrer Botschaften und der Selbstdarstellung, denn jeder Politiker ist heute auch eine Marke, die gepflegt werden will. Provokationen sind Kalkül und Antworten wohl gewägt. So ist es selten, einen Blick hinter die Maske der Polit-Rhetoriker werfen zu können.

Eine dieser Polit Talk Shows moderiert Anne Will und versucht über die Popularität ihrer Gäste einen gewissen Qualitätsanspruch aufrecht zu erhalten. In der aktuellen gestrigen Sendung fanden sich unter anderem Bundesjustizminister Heiko Maas, der österreichische Außenminister Sebastian Kurz, die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt sowie der slowakische Europa-Abgeordnete Richard Sulík ein. Angetreten zur politischen Wasserstandsmeldung vor dem EU-Sondergipfel zur Flüchtlingsfrage. Business as usual.

Die Vertreter spulten ihre Standpunkte in gewohnter Selbstsicherheit runter und konnten sich an alt bekannten Feindbildern, in Gestalt des rechten slowakischen Politikers Richard Sulik, abarbeiten. Dann aber kam es zu dem Moment, vor dem sich jeder sorgfältig gebriefte Talk Show Teilnehmer fürchtet. Einer jener entlarvenden Unachtsamkeiten in einer Diskussion, die für einen kurzen Moment nicht die wohlfeile Maske, sondern die grundsätzliche Gesinnung dahinter offenbaren. Richard Sulik konterte den Versuch der Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Katrin Göring-Eckart, ihn und seine Partei in der Flüchtlingsfrage, als unmenschlich und europafeindlich zu klassifizieren, mit einem einfachen Satz. „Wir tun das, weil das Volk das so will und auch sie müssen tun was ihr Volk will. Das ist ihr Auftrag.“ Frau Göring-Eckart schien sichtlich irritiert und fand kein Wort der Zustimmung, sondern senkte hilflos schweigend ihren Kopf. Der ihr zur Hilfe eilen wollende Bundesjustizminister Heiko Maas, erkannte die Gefahr der Situation zwar, aber war doch von der entlarvenden Einfachheit des Satzes so überfordert, das auch er in das gleiche Fettnäpfchen trat. Er versuchte eine vermeintliche Absurdität in Suliks Äußerung herzustellen, indem er provokativ fragte: „Und was, wenn das Volk Europa nicht mehr will?“ Die Antwort erschütterte ihn derart, das auch er mit einem kleinlauten „ok“ den Kopf senkte. Dabei folgte die Antwort konsequent dem, was doch alle Diskussionsteilnehmer scheinbar so vehement verteidigen wollen. „Dann ist das so“, sagte Herr Sulik und offenbarte den grundsätzlichen Anspruch der Demokratie. Das Volk ist der Souverän und sein Wille ist der Auftrag an die Politik. Ein Anspruch der offensichtlich Polit-Profis sprachlos macht.

Es sind diese Momente, die zeigen woran dieses Land und Europa leidet. Es ist diese politische Gesinnung, die die Menschen sich abwenden lässt und es sind diese Politiker, die ihr Volk bevormunden wollen, weil sie glauben, es vor sich selbst schützen zu müssen.

Als die repräsentative oder parlamentarische Demokratie erdacht wurde, hatte das Volk keine Möglichkeiten mit den Politikern in Kontakt zu kommen. Die Politik setzte als Volkswille das voraus, was sie selbst dachte. Sie repräsentierte ein Volk, das von der politischen Meinungsbildung zum großen Teil abgekoppelt war und lebte quasi stellvertretend, im Parlament demokratische Gepflogenheiten. Immer getragen von der Ansicht, es besser zu wissen als das Volk. Im vierjährigen Turnus ein vage gehaltenes Parteiprogramm absegnen zu zu lassen und dem Volk eine direkte Einflussnahme auf politische Entscheidungen zu verwehren, galt als demokratisch. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Medien Zeitalter offenbart. Es gibt keinen homogenen Volkswillen und es gab ihn auch wohl nie. Die Politik verschanzt sich in einer Wagenburg anachronistischer Gewohnheiten und kanzelt andere Ansichten als antidemokratisch ab. Womit sie recht hat, wenn man aus ihrer Sicht, das Parlament als einzig demokratischen Ort versteht, der als Insel der Glückseligen nun in Gefahr gerät.

Frau Kipping, Herr Maas und Frau Göring-Eckart haben in erschreckender Art und Weise, ihre Ansicht zu Volkes Willen offenbart und sie wissen sich im Schulterschluss mit nahezu allen Parlamentariern und der Bundesregierung. Sie werden umdenken müssen, denn die Strukturen dieser Gesellschaft haben nicht mehr viel gemeinsam, mit ihren politisch-ideologischen Wunschbildern, die in erster Linie dem Erhalt der Strukturen geschuldet sind, die ihren Einfluss schützen. Sie werden sich einer Realität stellen müssen, die nicht neu ist, aber neuerdings offenbar wird. Europa ist ein ideologisches Wunschkind einiger Politiker gewesen, das an der Realität scheitert. Das allein wird Europa nicht zerstören, sondern wäre ein Aufruf etwas zu verändern. Veränderungen jedoch abzulehnen, weil sie politisch nicht in Parteiprogramme und ideologisch nicht in eine Heile-Welt-Vorstellung einiger Politiker passen, wird Europa zerreissen.

Vox populi, vox dei – Volkes Wille ist Gottes Wille. Zumindest in einer Demokratie.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

 

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Gesellschaftswandel

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Die Welt ist in Bewegung. Ein permanent wirkender Umstand der für gewöhnlich als natürlicher Wandel des Lebens wahrgenommen wird. Doch manchmal geraten Bewegungen aus dem Takt oder verändern ihr Tempo. Dann besteht die Gefahr, das ein fein austariertes Gefüge, wie eine Gesellschaft es ist, ins straucheln gerät.

Menschliche Gesellschaften sind hoch komplexe Gefüge. Geformt aus ihrer Geschichte und ihrer Kultur, die als Wertekodex ihr Fundament bilden . Nicht Teil einer Gesellschaft selbst, sondern zeitlich befristete Glaubensbekenntnisse, sind Ideologien denen Gesellschaften folgen und Gesetze als ebenso terminierte Durchführungsverordnungen.

Der Wertekodex einer Gesellschaft ist nicht beliebig veränderbar. Als Essenz einer langen Geschichte und Kultur, ist der Beitrag eines menschlichen Lebenszyklus, gemessen an dem gesamten Fundus marginal, so das Veränderungen in Generationen zu messen sind. Der Wertekodex einer Gesellschaft beschreibt einen Konsens der Gesellschaftsmitglieder zu grundsätzlichen Fragen der Philosophie, der Ethik und der Ästhetik.

Ideologien dagegen sind Zeitgeister. Kurzlebig und unmittelbar wirkend. Es sind menschliche Ideen, die auf kurzfristige Veränderungen gerichtet und in den Erfahrungen eines einzelnen oder weniger Idealisten ihren Ursprung fanden. Allein in den letzten hundert Jahren erlebte dieses Land fünf grundsätzlich verschiedene Ideologien. Beginnend mit dem absolutistischen Zentralismus des Kaiserreichs, dem Liberalismus der Weimarer Republik, dem Totalitarismus des dritten Reichs, dem sozialistischen Kapitalismus der BRD, dem kapitalistischen Sozialismus der DDR, bis zum postdemokratischen Neoliberalismus heute. Ideologien bestimmen Politik und Wirtschaft und werden solange von Gesellschaften angenommen, wie sie nicht in Widerspruch zu ihrem Wertekodex geraten. Der Umstand das sich der Wertekodex auf der Reaktionsebene langfristig verändert und Ideologien auf der Handlungsebene kurzfristig agieren, programmiert diesen Widerspruch vor und begrenzt den Wirkungszeitraum einer Ideologie.

Aus dem widersprüchlichen Verhältnis der die Gesellschaft bestimmenden Faktoren, Wertekodex und Ideologie, ergeben sich Missverständnisse zwischen Mensch und Gesellschaft. Gesellschaften sind soziologische Organismen und auch wenn ihr Verhalten natürlichen Organismen ähnelt sind sie zu keiner Emotion befähigt. Es fehlt ihnen ein qualitativer Motivator. Während der Mensch eine Emotion nach ihrer Tiefe bemisst, ist der einzige Faktor der für eine Gesellschaft zählt, die Menge, die Quantität der innerhalb einer Gesellschaft aufgetretenen Emotionen. Daher bezeichnen sich Gesellschaften als erfolgreich und gut, wenn vieles ein bisschen erfolgreich oder gut ist. Der Einzelfall ist in der Summe zu vernachlässigen und der Einzelfall ist der Mensch. Qualität und Individualität sind Werte die in direktem Widerspruch zur Gesellschaft stehen.

Es wäre falsch anzunehmen das Gesellschaften sich entwickeln würden. Sie leben nicht, nur weil sie die Summe menschlichen Lebens beschreiben. Sie sind zeitgeschichtliche Momentaufnahmen. Neues wertet in ihnen nicht Altes qualitativ auf, sondern schafft etwas Neues, was dem Alten zwar ähnlich sehen mag, das aber nicht ist. Die letzten hundert Jahre waren nicht die einer Gesellschaft, die sich fünf mal eine neue Ideologie gab, sondern es waren fünf unterschiedliche Gesellschaften, die eines verband. Ein gemeinsamer Wertekodex unter dem nicht nur ein Kaiser und ein Führer goß werden konnten, sondern auch eine freiheitliche Bundesrepublik als auch ein entfesselter Raubtierkapitalismus. Gesellschaften kennen keine qualitativen Werte.

Die marktkonforme Gesellschaft, ist die Bezeichnung der aktuellen Gesellschaft. Ein Modell das den Markt als alles bestimmende gesellschaftliche Kraft propagiert. Im Wesen ist die marktkonforme Gesellschaft eine verbale Verniedlichung des neoliberalistischen Ideologie, die sich friedlich und empathisch gibt und bis vor kurzer Zeit noch unter dem Pseudonym der globalisierten Gesellschaft bekannt war. Diese Gesellschaft besteht seit Ende des kalten Krieges zu Beginn der 1990er Jahre und geht augenscheinlich ihrem Ende entgegen. Wenn eines sicher im Wertekodex einer Gesellschaft verankert ist, dann ist das der Anspruch auf eines friedliches Zusammenleben, eine Sicherung der Existenz durch konfliktfreie Verteilung von Ressourcen und der Schutz vor Willkür. Genau dieses wird aber zunehmend von der aktuellen Gesellschaftsideologie nicht mehr gewährleistet oder in Frage gestellt. Nicht die ideologisch theoretisierte Sichtweise ist entscheidend, nach der es allen zwingend noch viel schlechter ginge, wenn es die aktuelle Ideologie nicht gäbe , sondern die individuelle Sichtweise nach es einem heute schlechter geht, als es ihm in einer Vergangenheit vor der aktuellen Ideologie ging.

Es wird sich eine neue Ideologie etablieren und sie wird das Tagesgeschäft einer neuen Gesellschaft bestimmen. Viele stehen zur Auswahl. Das einzige was sich prophezeien lässt, dürfte der Umstand sein, das diese neue Ideologie aus heutiger Sicht genau so unvorstellbar scheint, wie alle anderen Ideologien auch, aus der Sicht ihrer Vorherigen. Auf dem, was den Wertekodex einer Gesellschaft ausmacht, ist viel Platz für absurde Experimente.

Im Grunde braucht der Mensch keine Gesellschaft. Er ist ein Individuum und die Evolution bestimmte die Individualität als oberste Prämisse des Seins, als Motor jeder Entwicklung. Jeder quantitative Erfolg der Evolution dient nur dem einem Zweck, möglichst viele Individuen zu schaffen, die dann individuelle Qualität in Konkurrenz stellen. Mensch zu sein bedeutet ein Höchstmaß an Individualität zu leben um eine qualitative Entwicklung zu ermöglichen. Damit bedeutet Mensch zu sein auch, in direktem Widerspruch zu Gesellschaften zu stehen, da jede gesellschaftliche Forderung im Widerspruch zur Individualität steht.

Je mehr der Mensch die Quantität seiner Lebensführung steigert, desto mehr bedarf er einer Gesellschaft die ihm das ermöglicht. Die Größe und Macht der Gesellschaften steigt analog dieses Anspruchs. Doch in einer endlichen Welt ist auch diese Spirale nicht unendlich. Der Mensch wird lernen müssen, mit sich und der Welt in der er lebt, in Einklang zu leben. Qualität ist seine Zukunft, Quantität kann in einer begrenzten Welt, auf keine entscheidende Frage die richtige Antwort sein. Solange das dem Einzelnen nicht gelingt, werden Viele Gesellschaften brauchen.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren