Gesellschaftswandel


gesellscaftswandel

Die Welt ist in Bewegung. Ein permanent wirkender Umstand der für gewöhnlich als natürlicher Wandel des Lebens wahrgenommen wird. Doch manchmal geraten Bewegungen aus dem Takt oder verändern ihr Tempo. Dann besteht die Gefahr, das ein fein austariertes Gefüge, wie eine Gesellschaft es ist, ins straucheln gerät.

Menschliche Gesellschaften sind hoch komplexe Gefüge. Geformt aus ihrer Geschichte und ihrer Kultur, die als Wertekodex ihr Fundament bilden . Nicht Teil einer Gesellschaft selbst, sondern zeitlich befristete Glaubensbekenntnisse, sind Ideologien denen Gesellschaften folgen und Gesetze als ebenso terminierte Durchführungsverordnungen.

Der Wertekodex einer Gesellschaft ist nicht beliebig veränderbar. Als Essenz einer langen Geschichte und Kultur, ist der Beitrag eines menschlichen Lebenszyklus, gemessen an dem gesamten Fundus marginal, so das Veränderungen in Generationen zu messen sind. Der Wertekodex einer Gesellschaft beschreibt einen Konsens der Gesellschaftsmitglieder zu grundsätzlichen Fragen der Philosophie, der Ethik und der Ästhetik.

Ideologien dagegen sind Zeitgeister. Kurzlebig und unmittelbar wirkend. Es sind menschliche Ideen, die auf kurzfristige Veränderungen gerichtet und in den Erfahrungen eines einzelnen oder weniger Idealisten ihren Ursprung fanden. Allein in den letzten hundert Jahren erlebte dieses Land fünf grundsätzlich verschiedene Ideologien. Beginnend mit dem absolutistischen Zentralismus des Kaiserreichs, dem Liberalismus der Weimarer Republik, dem Totalitarismus des dritten Reichs, dem sozialistischen Kapitalismus der BRD, dem kapitalistischen Sozialismus der DDR, bis zum postdemokratischen Neoliberalismus heute. Ideologien bestimmen Politik und Wirtschaft und werden solange von Gesellschaften angenommen, wie sie nicht in Widerspruch zu ihrem Wertekodex geraten. Der Umstand das sich der Wertekodex auf der Reaktionsebene langfristig verändert und Ideologien auf der Handlungsebene kurzfristig agieren, programmiert diesen Widerspruch vor und begrenzt den Wirkungszeitraum einer Ideologie.

Aus dem widersprüchlichen Verhältnis der die Gesellschaft bestimmenden Faktoren, Wertekodex und Ideologie, ergeben sich Missverständnisse zwischen Mensch und Gesellschaft. Gesellschaften sind soziologische Organismen und auch wenn ihr Verhalten natürlichen Organismen ähnelt sind sie zu keiner Emotion befähigt. Es fehlt ihnen ein qualitativer Motivator. Während der Mensch eine Emotion nach ihrer Tiefe bemisst, ist der einzige Faktor der für eine Gesellschaft zählt, die Menge, die Quantität der innerhalb einer Gesellschaft aufgetretenen Emotionen. Daher bezeichnen sich Gesellschaften als erfolgreich und gut, wenn vieles ein bisschen erfolgreich oder gut ist. Der Einzelfall ist in der Summe zu vernachlässigen und der Einzelfall ist der Mensch. Qualität und Individualität sind Werte die in direktem Widerspruch zur Gesellschaft stehen.

Es wäre falsch anzunehmen das Gesellschaften sich entwickeln würden. Sie leben nicht, nur weil sie die Summe menschlichen Lebens beschreiben. Sie sind zeitgeschichtliche Momentaufnahmen. Neues wertet in ihnen nicht Altes qualitativ auf, sondern schafft etwas Neues, was dem Alten zwar ähnlich sehen mag, das aber nicht ist. Die letzten hundert Jahre waren nicht die einer Gesellschaft, die sich fünf mal eine neue Ideologie gab, sondern es waren fünf unterschiedliche Gesellschaften, die eines verband. Ein gemeinsamer Wertekodex unter dem nicht nur ein Kaiser und ein Führer goß werden konnten, sondern auch eine freiheitliche Bundesrepublik als auch ein entfesselter Raubtierkapitalismus. Gesellschaften kennen keine qualitativen Werte.

Die marktkonforme Gesellschaft, ist die Bezeichnung der aktuellen Gesellschaft. Ein Modell das den Markt als alles bestimmende gesellschaftliche Kraft propagiert. Im Wesen ist die marktkonforme Gesellschaft eine verbale Verniedlichung des neoliberalistischen Ideologie, die sich friedlich und empathisch gibt und bis vor kurzer Zeit noch unter dem Pseudonym der globalisierten Gesellschaft bekannt war. Diese Gesellschaft besteht seit Ende des kalten Krieges zu Beginn der 1990er Jahre und geht augenscheinlich ihrem Ende entgegen. Wenn eines sicher im Wertekodex einer Gesellschaft verankert ist, dann ist das der Anspruch auf eines friedliches Zusammenleben, eine Sicherung der Existenz durch konfliktfreie Verteilung von Ressourcen und der Schutz vor Willkür. Genau dieses wird aber zunehmend von der aktuellen Gesellschaftsideologie nicht mehr gewährleistet oder in Frage gestellt. Nicht die ideologisch theoretisierte Sichtweise ist entscheidend, nach der es allen zwingend noch viel schlechter ginge, wenn es die aktuelle Ideologie nicht gäbe , sondern die individuelle Sichtweise nach es einem heute schlechter geht, als es ihm in einer Vergangenheit vor der aktuellen Ideologie ging.

Es wird sich eine neue Ideologie etablieren und sie wird das Tagesgeschäft einer neuen Gesellschaft bestimmen. Viele stehen zur Auswahl. Das einzige was sich prophezeien lässt, dürfte der Umstand sein, das diese neue Ideologie aus heutiger Sicht genau so unvorstellbar scheint, wie alle anderen Ideologien auch, aus der Sicht ihrer Vorherigen. Auf dem, was den Wertekodex einer Gesellschaft ausmacht, ist viel Platz für absurde Experimente.

Im Grunde braucht der Mensch keine Gesellschaft. Er ist ein Individuum und die Evolution bestimmte die Individualität als oberste Prämisse des Seins, als Motor jeder Entwicklung. Jeder quantitative Erfolg der Evolution dient nur dem einem Zweck, möglichst viele Individuen zu schaffen, die dann individuelle Qualität in Konkurrenz stellen. Mensch zu sein bedeutet ein Höchstmaß an Individualität zu leben um eine qualitative Entwicklung zu ermöglichen. Damit bedeutet Mensch zu sein auch, in direktem Widerspruch zu Gesellschaften zu stehen, da jede gesellschaftliche Forderung im Widerspruch zur Individualität steht.

Je mehr der Mensch die Quantität seiner Lebensführung steigert, desto mehr bedarf er einer Gesellschaft die ihm das ermöglicht. Die Größe und Macht der Gesellschaften steigt analog dieses Anspruchs. Doch in einer endlichen Welt ist auch diese Spirale nicht unendlich. Der Mensch wird lernen müssen, mit sich und der Welt in der er lebt, in Einklang zu leben. Qualität ist seine Zukunft, Quantität kann in einer begrenzten Welt, auf keine entscheidende Frage die richtige Antwort sein. Solange das dem Einzelnen nicht gelingt, werden Viele Gesellschaften brauchen.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

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Ein Kommentar zu “Gesellschaftswandel”

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